Geschichte : Als die Küste zur Eiswüste wurde

Eisgebirge im Extremwinter 1962/63: Tonnenschwere Blöcke am Warnemünder Strand
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Eisgebirge im Extremwinter 1962/63: Tonnenschwere Blöcke am Warnemünder Strand

Streiflichter zum Winter in Rostock vor langer Zeit: 1929 wurden Eisbrecher-Crews aus der UdSSR im „Wintergarten“ empfangen

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14. März 2016, 12:00 Uhr

In Warnemünde starten Flugzeuge. Die Maschinen der damaligen Verkehrsfliegerschule suchen in der westlichen Ostsee Schiffe, die im Extremwinter 1928/1929 im Eis eingeschlossen sind. Die „Luftaufklärung“ ist lebenswichtig, nicht alle Schiffe sind mit Funk ausgerüstet. An Lastfallschirmen werfen die Flieger Proviant und Medikamente für Schiffsbesatzungen ab. So wird auch den Männern auf dem Fährschiff „Schwerin“ neuer Lebensmut in der Eiswüste vor der Küste gegeben, denn sie hungerten schon.

1999 haben Autoren der Schifffahrtsgeschichtlichen Gesellschaft Ostsee den NNN exklusiv Aufsätze zur Verfügung gestellt. Dokumentarisch wird darin die Naturkatastrophe 1928/1929 geschildert. Auch vom Ausnahme-winter 1962/1963 und von immer noch kaum vorstellbaren Rettungstaten im Winter 1978/1979 wissen wir, wozu Menschen fähig sind, wenn nur ein Ziel sie beseelt: Hilfe für andere Menschen.

Wir bleiben im Jahr 1929: 25 Grad minus werden am 10. Februar an der Küste Warnemündes gemessen, protokollieren die Autoren der erwähnten Dokumentation: „Am 26. Februar (1929) hatte der sich ständig drehende Wind vor der Hafeneinfahrt Warnemünde fünf bis acht Meter hohes Packeis aufgetürmt“. Im Neuen Strom liegen 26 Dampfer fest. Zuvor wurden (...) „die sowjetrussischen Eisbrecher ,Jermark’ und ,Truvor’ gechartert, die bis zum Ende der ,Eiszeit’ 120 Schiffe“ (…) befreiten. „Als die beiden Eisbrecher erstmals Warnemünde anlaufen, führen sie einen Konvoi von vier Schiffen“. NNN-Autor Alfred Köpcke wusste in der Ausgabe vom 14. März 1994 die Dramatik des hier erwähnten Winters abzuschließen: „Eine Abordnung der Eisbrecherbesatzungen („Jermark“ und „Truvor“, Anm. d. Red.) wurde zu einem Empfang in den Rostocker ,Wintergarten’ eingeladen“. Politische Abneigungen waren für die Stadt Rostock in der Geste ihrer Dankbarkeit gegenüber den Eisbrecher-Crews aus der Sowjetunion nicht wichtig. Welch ein schönes Zeichen der Vernunft.

Wir wollen der jüngeren Geschichte der Eiswinter nicht ganz entsagen. Szenerien arktischer Wochen 1962/1963 sind gerade älteren Lesern noch in Erinnerung. Auch, was alles 1978/1979 in Schnee und Eis zu versinken drohte. Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA), allen voran Marineangehörige, haben mit Tausenden Frauen und Männern in Rostock gekämpft, um Menschen zu schützen, die Versorgung in lebenswichtigen Bereichen zu sichern und der Wirtschaft im Chaos zu helfen.

Angesichts der Quellenlage darf man sagen, die NNN haben sich „den stillen Helden…“ und „unbezwingbaren Naturgewalten“ in vielen Beiträgen gewidmet. Überdies heißt das Motiv unserer Aufsätze „Streiflichter zum Winter in Rostock vor langer Zeit“. So wollen wir Skizzen für zwei große Winter entwerfen. 25. Februar 1963: „Lotsenbe-obachtungen zufolge hat sich binnen einer Viertelstunde ein fünf Meter hoher Eisschollenberg auf Teile der Westmole geschoben. Am Strand türmen sich Eisblöcke in der Größenordnung von Tonnen“. Und aus den NNN vom 16. Februar 1979 im Telegrammstil: „Rostock eingeschneit. Kein Zug kann einfahren, keiner sich auf Fernfahrt begeben. S-Bahn-Verkehr nur unter großen Schwierigkeiten. Straßenbahnverkehr kommt zum Erliegen. Autobahn nach Berlin unpassierbar. Alle Fernverkehrsstraßen gesperrt“.

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