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19. November 2017 | 21:05 Uhr

„Achterbahn ist nichts dagegen“

vom

svz.de von
erstellt am 22.Nov.2013 | 09:22 Uhr

Ob Regen, Schnee oder Sturm – Schnellbootfahrer müssen hart im Nehmen sein. „Es gibt keinen an Bord, der nicht schon gespuckt hat – Achterbahn fahren ist nichts dagegen“, sagt Sebastian Antoszek. Spätestens bei zweieinhalb Meter hohen Wellen sei für den Signäler und die meisten seiner Kameraden Schluss. Schnellboot fahren verlangt der Besatzung alles ab. „Wer Enge und wenig Schlaf mag, ist hier richtig“, sagt Oberleutnant zur See Frederic Thewes. Ein anderer Posten, etwa auf einer der geräumigen und luxuriösen Korvetten oder gar Fregatten, sei für ihn nie in Frage gekommen: „Ich wollte immer auf einem Boot mit Waffen fahren – es gibt halt den einfachen, und es gibt den männlichen Weg.“

Letzteren stellt das Schnellboot „Ozelot“ zweifellos dar, mit dem Frederic Thewes und seine 35 Kameraden vom Heimathafen Hohe Düne nach Eckernförde aufgebrochen sind. Zweimal im Jahr demonstriert die Marine Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verbänden ihre Fähigkeiten. Diesmal kommt diese Aufgabe Frederic Thewes und seinen Kameraden zu. Im Vergleich zu ihren sonstigen wochenlangen Einsätzen auf UN-Mission vor dem Libanon oder bei Übungsmanövern auf der Ostsee ein Kinderspiel, bei dem vor allem Ausdauer und Stehvermögen gefordert sind.

Ohne Mampf kein Kampf

Denn allein der Transit zum 90 Meilen entfernten Einsatzort nimmt rund fünf Stunden in Anspruch. Aufstehen um 3.45 Uhr, Dienstantritt um 4.30 Uhr, Leinen los um 6 Uhr. Unterwegs gibt es belegte Brötchen zum Frühstück, zum Mittag Nudeln mit Gulasch Szegediner Art. Dann herrscht vor der Kombüse von Smut Johannes Pilkowski großer Andrang. Credo des wohl wichtigsten Mannes an Bord: „Hauptsache es schmeckt, das hält die Motivation hoch.“ Gegessen wird meist im Stehen und da, wo gerade Platz ist – Sitzgelegenheiten gibt es kaum.

Gegen 11 Uhr gellt ein schriller Pfiff durch die Luft, der das Anlegemanöver in Eckernförde einleitet. Natürlich macht die „Ozelot“ vor dem Minenjagdboot „Grömitz“ fest, das ebenfalls für die Vorführung abgestellt ist. Zwischen den Schnellbootfahrern und den Minenjägern herrscht ein gesunder Konkurrenzkampf. Man munkelt, dass die Minenjäger schon mal ihre Schiffswache verdoppeln, wenn eins der insgesamt acht Schnellboote nebenan liegt. Schließlich soll es bereits vorgekommen sein, dass im Morgengrauen plötzlich eine rosa Schnellboot-Silhouette auf der Bordwand eines Minensuchers prangte.

Am Kai in Eckernförde ist von diesem Konkurrenzkampf aber kaum etwas zu spüren. In Lauerstellung warten beide Boote auf ihre zivilen Gäste. Vereinzelt gibt es sogar gegenseitige Besuche an Bord. Vor der Hafeneinfahrt ein paar hundert Meter weiter üben unterdessen Taucher, wie sie sich am besten aus dem Hubschrauber ins Wasser stürzen. Eine Stunde später als geplant heißt es dann strammstehen und salutieren. Die zivilen Vertreter kommen an Bord. Für die Dauer ihres Marine-Besuchs wurden sie entsprechend ihrer zivilen Stellung mit dem Rang eines Offiziers und entsprechender Dienstkleidung ausgestattet. Die anschließende Ausfahrt dauert drei Stunden. In weiser Voraussicht hat die „Ozelot“ den höheren Dienstgrad aus Hohe Düne mitgebracht – das sichert den Schnellbootfahrern die Führungsposition und eine kleine Genugtuung gegenüber den Minenjägern. Denn deren Gefährt empfinden sie einfach nur als hinderlich. „Da bin ich ja noch im Ruderboot schneller“, stichelt Frederic Thewes. Kapitän Patrick Preuß nutzt die freie Bahn denn auch, dem Bootsnamen gerecht zu werden, und lässt seine Jungs die vier Dieselmotoren mit ihren zusammen 18 000 PS voll aufdrehen. Die Kraftprotze bringen das Schnellboot auf 40 Knoten, umgerechnet 74 Kilometer pro Stunde.

Auf dem Wasser kann da fast niemand mithalten und nicht nur die Gäste an Bord sind beeindruckt. Auch die libanesische Küstenwache etwa zog mit ihren Speedbooten schon den Kürzeren. Und bei Gelegenheiten wie dem Hamburger Hafengeburtstag bekommt die Besatzung regelmäßig die Funk-Ansage, sie überschreite die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 6,5 Knoten im Hafen. „Wir können gar nicht langsam, haben schon mit nur einer Maschine in Betrieb neun Knoten drauf“, sagt Frederic Thewes.

36 Mann teilen sich eine Dusche und zwei Toiletten

Dazu trägt auch die Bauweise der nur knapp 58 Meter langen und acht Meter breiten Schnellboote bei. Ihr Rumpf ist aus leichtem Holz gefertigt und die Ausstattung ist extrem spartanisch, wie die Gäste bei einer Führung lernen. An Bord gibt es nur eine Dusche – seit auch Frauen an Bord ihren Dienst leisten dürfen immerhin mit fester Tür statt Vorhang – und zwei Toiletten. Nach dem Wachwechsel heißt es daher meist erst mal anstehen. Während der vier- bis sechsstündigen Wache dürfen die Soldaten ihre Posten nicht verlassen. Vorne und achtern sind Kojen untergebracht, wobei die vorne gelegenen Pritschen auf See nicht belegt werden dürfen. Die Gefahr, auf ein Hindernis aufzulaufen, ist zu groß.

Auch wenn die Technik und die Waffensysteme seit der Inbetriebnahme der Boote deutlich aufgerüstet wurden – sie bleiben Kinder des Kalten Krieges. Gemacht waren sie dafür, sich im Ernstfall als Rudel in Küstennähe zu verstecken und die Verbündeten des Warschauer Pakts möglichst lange aufzuhalten. Heute hingegen bleiben die Boote nicht tage-, sondern wochenlang im Einsatz. Dafür wurden sie unter anderem mit einem Frischwasser-Erzeuger nachgerüstet. Bei extremem Wetter ist dennoch Schluss.

Auslaufen dürfen die Boote in Friedenszeiten nur bis Windstärke 11. Alles andere ist zu gefährlich.
Für den Ernstfall verfügen sie über ein 76-Millimeter-Geschütz, Seezielflugkörper, Flugabwehr und schwere Maschinengewehre. Letztere werden von Marine-Infanteristen bedient, die dazu beitragen, die vorgesehene Mannschaftsstärke im Einsatz von 36 auf 41 zu erhöhen. Dementsprechend familiär kann es an Bord werden. Geschlafen wird dann in Etappen auf der vom Vorgänger noch warmen Pritsche, aber immerhin im eigenen Schlafsack. Bei längeren Einsätzen, bei denen das Boot zwischenzeitlich in einem richtigen Hafen festmacht, organisiert die Bundeswehr aber auch Hotelübernachtungen und sogar Besuche der Familie vor Ort.

Im Maschinenraumgeht es heiß her

Die Schnellboote können darüber hinaus Minen legen und heiße Magnesiumstreifen ausstoßen, um feindliche Raketen irrezuführen. An Bord befinden sich zudem ein Seeraumüberwachungs- und ein Navigationsradar. Die Kampfführung wird vom gut verborgenen Herz des Bootes aus gesteuert. Der im Inneren untergebrachte und mit hochmoderner Technik vollgestopfte Raum ist sogar schockgeschützt. Deutlich ungemütlicher kann es im Maschinenraum werden. Vor dem Libanon sind die Heizer oder „Schwarzfüße“, wie sie wegen ihrer ölverschmierten Schuhe genannt werden, Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius ausgesetzt. Das Kühlsystem ist auf die Verhältnisse der Ostsee, nicht auf das Mittelmeer ausgelegt.

Bei der Schau-Vorführung für die zivilen Gäste müssen die „Schwarzfüße“ aber nur mit dem permanenten Lärm der Maschinen kämpfen, den die Ohrenschützer etwas dämpfen. Auf dem Oberdeck ist von alldem nichts zu merken. Beim Einlaufen in Kiel, wo die Gäste nach einem Einlaufbier wieder an Land abgesetzt werden, ertönt die Mannschaftshymne „Whiskey in the Jar“ von Metallica. Anschließend geht es für die müde Mannschaft erneut auf die fünfstündige Tour zurück nach Hohe Düne. Unterwegs wird schon geputzt, um den Feierabend nicht künstlich hinauszuzögern. Nach der Abmusterung gegen 20.30 Uhr geht es in die Kasernenbetten. Denn morgens steht schon die nächste Tour an.

Schnellboote: 2016 ist Schluss

Seit den 1950er-Jahren noch in großer Stückzahl hergestellt, verfügt die Deutsche Marine aktuell nur noch über das 7. Schnellbootgeschwader mit Heimathafen Hohe Düne. Die von ursprünglich zehn auf acht Einheiten der Gepard-Klasse 143 A reduzierten Schnellboote sind allesamt nach Raubtieren benannt. Sie heißen beispielsweise „Wiesel“, „Hyäne“, „Puma“ oder „Gepard“. Zwei von ihnen müssen ständig einsatzbereit sein. Größtes Problem dabei ist das nötige Personal, denn auch der Marine fehlt es an Fachkräften wie Elektrotechnikern. Der Anteil der Frauen hat seit 2001 zwar zugenommen, es gibt aber immer noch Mannschaften ganz ohne weibliche Besetzung. Zielgröße in der gesamten Bundeswehr sind 25 Prozent, aktuell liegt die Quote noch bei knapp zehn Prozent. Auf den Schnellbooten dominieren die Männer bei Weitem. Ursprünglich waren sie für kurze Einsätze in Küstennähe gebaut, heute sind sie aber vier bis fünf Tage ohne Unterbrechung auf See. 2016 sollen die Schnellboote außer Dienst gestellt werden.

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