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Norddeutsche Neueste Nachrichten

18. August 2017 | 18:28 Uhr

Historie : Acht Meter unter der Erde

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Unter der Doberaner Straße erstreckt sich ein Tunnel – er war früher ein Versorgungsgang und Platz zum heimlichen Tausch.

Es ist so still, dass der eigene Atem hörbar wird. Nur gelegentlich fällt ein Tropfen von der alten Glasfaserwolle, die die modrigen Leitungen umhüllt. Kein Tier, keine Fliege oder Spinne hat sich bis hier unten verirrt. Der Boden ist aufgeweicht. Ein Loch führt einen halben Meter tief runter, es hat sich mit klarem Wasser gefüllt. Dann bricht ein leichtes Beben die Stille, erfasst die gewölbte Decke.  Es klingt wie ein Surren. Die Straßenbahn fährt acht Meter über dem Tunnel durch die Doberaner Straße.

Der 1,5 Meter breite, gemauerte Tunnel  führt von der ehemaligen Spirituosenfabrik Anker, die früher  die Steinbeck’sche Brauerei (ab 1858) war, bis zum Gelände des Peter-Weiss-Hauses, das  als Ausflugslokal der Brauerei eröffnet hatte (1964). Wer oben die Doberaner Straße überquert, vermutet in der Tiefe vielleicht Strom- oder Gasleitungen, aber wohl keinen Tunnel, in dem in der DDR heimlich Bier gegen Schnaps getauscht wurde. „Man kriegt immer wieder solche Geschichten erzählt“, sagt Frank Aßmann vom Vorstand des Peter-Weiss-Haus e.V. Auf dem Gelände des Vereins liegt der Zugang zum Tunnel – im Böhm’schen Keller.  Der gehört teils  dem Verein, teils der Hanseatischen Brauerei, von der der Verein 2009 sein Haus  kaufte.

Errichtet wurde der schmale  Durchgang bereits 1906  – als Steinbecks Brauerei in eine Mälzerei umgebaut wurde. Im Böhm’schen Keller stehen  noch alte Lagertanks für Kühlsohle. Sie wurden für die Getränkeherstellung gebraucht. Der Tunnel diente dem Austausch, der  Versorgung zwischen Brauerei auf der einen und Mälzerei auf der anderen Seite.  Sie gehörten beide der Aktiengesellschaft Mahn & Ohlerich. Der Bauunternehmer Georg Mahn und der Kaufmann Friedrich Ohlerich hatten  damals viele Brauereien, und so auch die Meyer’sche (1878), also die heutige Hanseatische Brauerei, und die Steinbeck’sche  Brauerei  mit ihrem Ausflugslokal (1884) gekauft.

Bis 1991 wurde der Tunnel noch weiter für die Versorgung genutzt. Dampf und Heißwasser wurden von der Brauerei  zur Anker Spirituosenfabrik, die aus der Mälzerei wurde,  geführt. Thomas Henning kann sich noch gut erinnern. 1989 hatte er  in der Brauerei angefangen und in den Tiefen des Böhm’schen Kellers noch gearbeitet. Heute ist er Vorarbeiter der Maschinisten. Die alten Tanks sind längst überflüssig. Genutzt werde auch der Tunnel nicht mehr, sagt Henning. Ein paar Jugendliche seien aber von der Anker-Baustellen-Seite eingestiegen, Flaschen und CDs im Tunnel zeugen davon. Und der Peter-Weiss-Haus e.V., der nur über die Brauerei in seinen Kellerteil gelangt, besichtigt den Tunnel selten. Der Verein nutzt ihn bisher nicht, sagt Aßmann.  Nur eine Idee gibt es dafür schon – in der Tiefe einen Wärme- beziehungsweise Jahreszeitenspeicher einzubauen.

 

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