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Drogenkontaktladen : Abhängige müssen draußen bleiben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Rostocker Beratungseinrichtung betreut nur noch Betroffene unter 27 Jahren – ein Angebot für Ältere fehlt

von
erstellt am 04.Mai.2015 | 16:00 Uhr

Zwei Jahre lang ging Daniel Büslr in der August-Bebel-Straße ein und aus. Wenn er jemanden zum Reden brauchte, wenn er Freunde treffen wollte, wenn er mal raus musste aus seinem Trott zu Hause – „hier im Kontaktladen waren sie für mich da“, sagt Daniel. Waren. Denn seit dem 1. Februar bleibt die Tür für ihn geschlossen. Sein Kumpel Alexander Westen hingegen darf noch kommen. Dabei haben beide dasselbe Ziel: Sie wollen stark bleiben und clean, auch wenn das Verlangen nach den Drogen zurückkommt. Wie das sein kann? Daniel ist schon 38 Jahre alt, Alexander erst 25.

Nur für junge Drogenabhängige bis 27 Jahre ist die Betreuung laut Sozialgesetzbuch eine Pflichtaufgabe der Hansestadt, die der Älteren hapert an der Finanzierung. Für die Betroffenen besonders schlimm: Jahrelang war das Angebot im Drogenkontaktladen der Caritas auch für sie offen – aber jetzt wird die Altersgrenze nach zwei Übergangsfristen und einer entsprechenden Auflage des Jugendamts durchgesetzt.

Die Betroffenen können das nicht verstehen. „Wir haben Vertrauen zu den Sozialarbeitern“, sagt Daniel Büslr. Alexander Westen hat beobachtet, dass viele Ältere, die nicht mehr in den Kontaktladen kommen, jetzt wieder öfter auf der Straße herumhängen. Das Team des Kontaktladens sieht sich in einem Dilemma: Auf der einen Seite sei eine verbindliche Regelung wichtig, auf der anderen „geht eine Menge Beziehungsarbeit verloren“, sagt Mitarbeiterin Jasmin Küppers. Viele Betroffene kommen seit ihrer Jugend in den Drogenkontaktladen, den es seit 17 Jahren gibt, und sind inzwischen älter geworden.

Nach Angaben der Stadtverwaltung nutzten im vergangenen Jahr 142 Klienten den Drogenkontaktladen, 87 von ihnen erstmals. Nur 30 Prozent gehörten zur eigentlichen Zielgruppe, die deutliche Mehrheit von 70 Prozent war über 27 Jahre alt. Für Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) ist klar: „Wir brauchen ein zusätzliches Angebot für sie.“ Er hat sich mit Betroffenen zusammengesetzt, sich ihren Alltag und ihre Sorgen schildern lassen. Und die Abhängigen sind auch selbst aktiv geworden, haben ihre Probleme bei einer Einwohnerfragestunde in der Bürgerschaft öffentlich gemacht. Sozialarbeiter Frank Kapler war dabei und meint: „Sie haben Unglaubliches geleistet.“ Von den Kommunalpolitikern kam Verständnis. So meinte Sybille Bachmann (Rostocker Bund), es wäre am besten, „übergangsweise ein Auge zuzudrücken, bis eine dauerhafte Lösung da ist“. Eva-Maria Kröger (Linke): „Es ist wichtig, solch ein Angebot vorzuhalten, weil es eine Drogenszene gibt in Rostock.“

Sozialsenator Bockhahn setzt darauf, ein freiwilliges Angebot für ältere Abhängige mit dem Doppelhaushalt für 2015/2016 finanzieren zu können. Benötigt werde voraussichtlich eine sechsstellige Summe. Ein geeigneter freier Träger müsste per Ausschreibung gefunden werden. Bis klar ist, wie es weitergeht, bleibt Betroffenen wie Daniel Büslr immerhin der Donnerstag. Dann gibt es im Kontaktladen für eine Stunde eine Ausgabe von Lebensmitteln der Caritas. Daniel Büslr sagt: „Für mich ist das der Höhepunkt der Woche.“

 

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