Universität : Rostocker forschen zur Krankenhaussterblichkeit

Sterben im Krankenhaus: Rückläufiger Trend, aber nicht für alle Foto: dpa
Sterben im Krankenhaus: Rückläufiger Trend, aber nicht für alle Foto: dpa

In vielen Ländern nimmt der Anteil derer, die im Krankenhaus sterben ab. Bisher dachte man, dass dies für alle Altersgruppen gilt.

svz.de von
03. Dezember 2018, 16:18 Uhr

Rostock | Ihre letzten Stunden möchten die meisten Menschen zu Hause verbringen – und nicht im Krankenhaus, wie es heute oft noch der Fall ist. Doch die Trendwende ist eingeleitet, wie eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock zeigt. Demnach sinkt seit Jahren der Anteil der älteren Menschen, die in einer Klinik sterben. Ausgenommen von der erfreulichen Entwicklung sind jedoch ältere Menschen ab 80 Jahren.

In ihrer Studie zeichnen die Wissenschaftler um Angela Carollo die Entwicklung der Krankenhaussterblichkeit in Dänemark zwischen 1980 und 2014 nach. Zu diesem Zweck analysierten sie Statistiken zu allen Frauen und Männer ab 50 Jahren, die in diesem Zeitraum starben. Nach Auswertung von insgesamt rund 1,8 Millionen Datensätzen ergab sich folgendes Bild: Während 1980 insgesamt 56 Prozent der Männer in der Klinik starben, waren es 2014 nur noch 44 Prozent; bei den Frauen sank der Anteil im gleichen Zeitraum von 49 Prozent auf 39 Prozent.

Den größten Rückgang verzeichneten die Forscher bei den 50- bis 59-Jährigen: Während 1980 zwei Drittel (66,3 Prozent) aus dieser Altersgruppe in einer Klinik starben, waren es 2014 weniger als die Hälfte (48,9 Prozent). Der rückläufige Trend setzt sich demnach bis zum Alter von 79 Jahren fort und kommt bei den 80- bis 89-Jährigen zum Stillstand. In der letztgenannten Gruppe sterben heute rund 40,2 Prozent im Krankenhaus – ein Anteil, der sich seit 1980 kaum verändert hat. Was die Forscher überrascht, ist der mit rund 23 Prozent enorme Anstieg bei den über 90-Jährigen.

Mit ihren weit zurückreichenden, umfassenden Datenreihen eigneten sich dänische Bevölkerungsregister besonders gut für solche Analysen, sagt Angela Carollo. Die in ihrer Detailschärfe einzigartigen Ergebnisse ihrer Studie spiegeln die Entwicklung in weiten Teilen Europas und Nordamerikas wider und sind insofern von internationaler Bedeutung. Auch in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Belgien gelinge es zunehmend, Patienten einen würdigen Tod zu Hause, im Hospiz oder an einem anderen selbstgewählten Ort zu ermöglichen, sagt Carollo: „Das ist sehr zu begrüßen, denn der Tod im Krankenhaus ist für die meisten Menschen kein guter Tod.“

In der alten Bundesrepublik Deutschland erreichte der Anteil der Krankenhaussterbefälle im Jahr 1980 mit 55 Prozent aller Todesfälle einen Höchstwert, um 2016 für ganz Deutschland auf 46 Prozent zu sinken. „Auf diesem Niveau verharrt der Anteil hierzulande seit Jahren“, sagt Angela Carollo.

Als Alarmsignal werten die Rostocker Wissenschaftler die Entwicklung bei den über 90-Jährigen. „Sie sind nicht nur die gebrechlichste, sondern in vielen Ländern auch die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe", sagt Angela Carollo. Viel zu häufig gehe der letzte Wunsch nach einem Abschied im privaten Rahmen nicht in Erfüllung.

Bemerkenswert sind auch die Detailergebnisse der neuen Studie. An einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, einer der häufigsten Todesursachen, sterben demnach in den jüngeren Altersgruppen mehr Frauen als Männer im Krankenhaus. Der Unterschied verliert sich mit etwa Siebzig und kehrt sich dann um: Vom 80. Lebensjahr an überwiegt der männliche Anteil bei den kardiovaskulären Sterbefällen in der Klinik. „Möglicherweise sterben mehr jüngere Männer als Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bevor sie das Krankenhaus erreichen“, vermutet Angela Carollo. Das müsse aber noch genauer untersucht werden.

Die Studie zeigt auch, dass Personen mit mittlerem und hohem Einkommen eher gefährdet sind, im Krankenhaus zu sterben als Bezieher niedriger Einkommen. Wo ältere Menschen sterben, hängt zudem stark davon ab, ob sie verheiratet sind oder nicht. Im Durchschnitt sterben mehr verheiratete Menschen im Krankenhaus als Unverheiratete, doch bei den über 90-Jährigen trifft es zunehmend die Unverheirateten. Risikosteigernd seien darüber hinaus mehrere Krankenausaufenthalte binnen eines Jahres, sagt Angela Carollo und fügt hinzu: „Umgekehrt dürfte das Vermeiden langer Krankenhausaufenthalte, wie es seit Jahren üblich ist, zu weniger Sterbefällen auf den Stationen geführt haben.“

Todesursache Nummer eins im Klinikbereich sind Atemwegserkrankungen, vor allem bei den ältesten der alten Menschen. Auf den Plätzen folgen Schlaganfälle und Krebs, wobei die Krebssterblichkeit seit 2005 den stärksten Rückgang aufweist. Keine Angaben macht die Studie über Sterbeorte jenseits der Klinik. Carollo: „Wir können nur vermuten, dass die nicht im Krankenhaus Verstorbenen entweder zu Hause oder in einem Pflegeheim beziehungsweise einem Hospiz starben.“

Mit ihren Ergebnissen verbinden die Rostocker Forscher einen dringenden Appell an die Politik. Carollo: „Jetzt kommt es darauf an, die Versorgung auszubauen und die gesetzlichen Regelungen anzupassen. Wir sollten Hochaltrigen ein Leben zu Hause oder in einer guten Pflegeeinrichtung ermöglichen und ihnen unnötige Krankenhausaufenthalte kurz vor dem Tod ersparen.“

Über das MPIDR

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock untersucht die Struktur und Dynamik von Populationen: von politikrelevanten Themen des demografischen Wandels wie Alterung, Geburtenverhalten oder der Verteilung der Arbeitszeit über den Lebenslauf bis hin zur digitalen Demografie und anderen Themen der demografischen Grundlagenforschung. Das MPIDR ist eine der größten demografischen Forschungseinrichtungen in Europa und zählt zu den internationalen Spitzeninstituten in dieser Disziplin. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.

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