Rostock : Besinnung im Advent

Liebe braucht keine Jahreszeit, sagt Pastorin Tatjana Pfendt aus Graal-Müritz.
Liebe braucht keine Jahreszeit, sagt Pastorin Tatjana Pfendt aus Graal-Müritz.

Pastorin Tatjana Pfendt aus Graal-Müritz macht sich in ihrer Kolumne Gedanken zum Weihnachtsfest.

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15. Dezember 2019, 08:02 Uhr

Rostock | Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wär uns der Himmel
immer so nah,
und unsere Arme
immer so offen,
fänden viele sicher die Kraft,
wieder zu hoffen.
Wär'n unsere Herzen
immer so weit
und lernten wir in
Frieden zu leben
fänden viele sicher die Kraft nicht auf zu geben.

Seit ich ganz klein bin, klingen diese Zeilen von Rolf Zuckowski jedes Jahr zur Weihnachtszeit durch die Räume, in denen ich gerade lebe – im Haus meiner Kindheit, mit bunten Lichterketten dekoriert und Sprühschnee an den Fenstern. In der internationalen WG in Schweden, in der Weihnachtslieder in jeder Sprache erklangen. In der ersten Studentenbude, wo sich der Mini-Tannenbaum neben das Astra-Plakat quetschte. Im Pfarrhaus, wo der Herrnhuter Stern sanft im Treppenhaus erstrahlt. Jede dieser Lebensphasen war begleitet von dem Lied "Wär uns der Himmel immer so nah".

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Liebe braucht keine Jahreszeit, sagt Pastorin Tatjana Pfendt aus Graal-Müritz.

Advent. Eine Zeit, in der der Himmel uns näher kommt. In der unsere Arme sich öffnen. In der wir die Herzen weit machen. Und die Tor und die Tür. Wie beim lebendigen Adventskalender in Graal-Müritz zum Beispiel. An jedem Abend öffnet jemand für zwanzig Minuten seine Tür und sagt: „Willkommen!" Es wird gesungen und gelacht. Miteinander gesprochen und einander besucht. Wir sehen uns an und merken: Wir sind nicht allein.

In der Vorweihnachtszeit erhaschen wir einen kurzen Blick auf die Möglichkeit dessen, was das bedeuten kann: sich mit den Augen des Anderen anzusehen, einander ins Herz zu schauen und für einander da zu sein, anstatt gegen einander vorzugehen – das gilt sowohl für die großen Konflikte in der Welt, die mit Waffengewalt ausgetragen werden, als auch für die kleinen Streitigkeiten in der Familie oder unter Freunden.

Mitten im Advent werden wir ein bisschen sanfter und damit auch empfänglicher für diese Idee des Miteinanders, des Dialogs und dafür, einander in Würde und auf Augenhöhe zu begegnen. Die Sehnsucht wird laut, sich miteinander verbunden zu fühlen, mit unseren Lebensgeschichten, im Leichten und im Schweren.

Und doch sieht die Realität so oft so anders aus. Trotz Lichterglanz fehlt vielen die Offenheit. Nicht alle Arme sind offen. Viele Herzen sind weiterhin eng. Da liegen die Nerven blank und reißt der Geduldsfaden schnell. Die Schlange an der Kasse bewegt sich kein Stück, das letzte Weihnachtspaket ist immer noch nicht geliefert, der Autofahrer vor mir fährt zu langsam und das Nudelwasser braucht ewig, bis es kocht. Die Zeit rinnt mir unter den Fingern davon, wieder ist ein Tag um und gefühlt nichts geschafft. Da ist auch ganz oft einfach gar keine Zeit für offene Arme und weite Herzen. Da fühlt sich der Himmel ganz weit weg an und der Frieden, in dem man leben könnte, auch.

Doch als Christinnen und Christen leben wir in der Hoffnung des Trotzdem. Wir glauben. Trotzdem. Dass der Himmel nahe ist, mitten auf der Erde. Im Lichterkettenlicht, das sich in der Pfütze spiegelt. Im Duft von Zimt und Mandeln. In Gott, der sich in den Augen meines Nachbarn spielgelt. Im Innehalten, mitten im größten Stress. In einem Kinderlachen, das anhält, auch über die Adventszeit hinaus. Denn Liebe braucht keine Jahreszeit. "Der Lichterglanz muss nicht verblassen, auch wenn die Kerzen bald verglühn‘. Wir können täglich nach den Sternen greifen, sie sind nicht so weit!" So singt es Rolf Zuckowski. Und so ist es auch. Gott reicht sie uns herunter. Die Sterne. Und den Himmel. Wir brauchen nur zuzugreifen.

Einen besinnlichen 3. Advent!

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