Interview : Jutta Wachowiak liest im Fontane-Jahr seine Briefe

Die Schauspieler Jutta Wachowiak und Christian Grashof lesen am 12. Januar in der Kleinen Komödie Warnemünde aus den Briefen zwischen Theodor Fontane und seiner Frau Emilie. Foto: Andrea Doberenz
Die Schauspieler Jutta Wachowiak und Christian Grashof lesen am 12. Januar in der Kleinen Komödie Warnemünde aus den Briefen zwischen Theodor Fontane und seiner Frau Emilie. Foto: Andrea Doberenz

Am 12. Januar lesen Jutta Wachowiak und Christian Grashof aus Briefen zwischen Theodor Fontane und seiner Frau Emilie.

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05. Januar 2019, 12:00 Uhr

Warnemünde | Die Briefe, die Theodor Fontane und seine Frau Emilie wechselten, gewähren Einblicke in Höhen und Tiefen einer Dichterexistenz und zeichnen das lebendige Bild einer starken Frau. Der Fontane-Experte Gotthard Erler hat die überraschensten, schmerzlichsten, wie schönsten des Ehepaars zusammengestellt. Jutta Wachowiak und Christian Grashof lesen daraus am 12. Januar um 20 Uhr in der Kleinen Komödie in Warnemünde.

NNN-Redakteurin Maria Pistor sprach im Vorfeld der Lesung mit Jutta Wachowiak.

Frau Wachoiwiak, liest man Ihren Namen auf einer Besetzungsliste, verbindet man damit Qualität. Das ist sicher Freude und Last?

Jutta Wachowiak: Ja, weil es viele Leute gibt, die das so empfinden. Es freut mich natürlich, dass ich durch meine Arbeit das Leben der Zuschauer in irgendeiner Weise reicher machen kann. Der Anspruch ist sehr schwer durchzuhalten, viele Drehbücher sind beliebiger und belangloser geworden. Selten sind sie noch mit einem Sendungsbewusstsein versehen.

Haben Sie Lieblingsrollen?

Weil ich in so vielen Filmen und Stücken mitgespielt habe, kann ich nicht von einer Lieblingsrolle sprechen. Da ist die Reihe sehr lang. Auch, weil ich in Filmen fast immer selber entschieden habe, ob ich sie spielen will oder nicht. Am Theater da wird man besetzt. Bei Filmen habe ich es mir immer ausgesucht, ich habe auch viel und gern mit dem DEFA-Regisseur Roland Gräf gearbeitet, der hat so leise ehrliche Filme gemacht, da war ich immer gern dabei. Die waren nicht immer so berühmt. In dem Film "Die Verlobte" habe ich den Regisseuren vorgeschlagen, sich eine jüngere Schauspielerin zu nehmen. Aber sie wollten mich. Das passiert heute nicht mehr so häufig.

Welche Rollen oder Charaktere reizen Sie? Was wollen Sie nicht spielen?

Was nichts mit mir zu tun hat, das kommt für mich nicht in Frage. Etwas, wo ich mich verstellen müsste, das mag ich nicht. Aber man findet, wenn ein Buch gut geschrieben wird, auch bei den abgründigsten Figuren Bestätigungen für sich selber. Solche Figuren sind auch etwas, wo ich gern in mir rumsuche und fündig werde.

Was sind Vor- und Nachteile an Filmen und Theater?

Die Unterschiede zwischen Film und Theater sind wirklich groß. Mir scheint, dass sie sogar größer geworden sind. Weil die Theaterarbeit sehr viel schneller gehen muss als früher. Und man spielt gemeinsam, man spielt miteinander. Wenn man das nicht tut, fällt das auf. Film kommt mir einsamer, einzelkämpferischer vor und risikoreicher, weil man so viel aus der Hand gibt. Die schneiden vieles weg. Und manchmal bedauert man, dass eine schöne, wichtige Stelle im Endergebnis fehlt. Deshalb ist das für mich jetzt ein Industriezweig geworden, mit dem ich eigentlich ungern Berührung habe.

Wie erarbeiten Sie sich Ihre Figuren? Wie lernen Sie am besten Ihre Texte?

Früher wurde praktisch während der Proben gelernt. Man hatte zu wissen, was im Buch drin steht. Es war verpönt, es auswendig zu können. Ich habe es so gelernt, dass man mit dem Text improvisiert, Heute muss man den Text vorher lernen, das ist eine gravierende Veränderung. Und man lernt mit der Rolle jemanden kennen, darin fließt ein, was andere über die Figur sagen, was der Autor für eine Haltung zu ihr hat, das alles fließt in den Prozess des Kennenlernens ein. Das ist ja eine kollektive Kunst, da ist es ist es schon wichtig, was die anderen über einen denken. Die Auffassung von einer Figur ändert sich während der Proben. Das ist ein Prozess, der am Schluss auch bestimmt wird durch alle Mitspieler.

Was haben Sie neben ihrem Beruf für Hobbys?

Ich lese gern und viel, ich wurschtele gern im Garten herum wegen der Bewegung und der Freude, wenn nach ein paar Schnitten später eine vollere Blüte antwortet. Auch, wenn ich für meine Handarbeiten manchmal belächelt werde: Ich stricke gern, im Sommer sticke ich auch. Ich gehe gern mal ins Theater. Aber inzwischen viel weniger, weil ich oft so freudlos nach Hause gehe.

Welchen Beruf würden Sie ergreifen, wenn Sie nicht Schauspielerin sein könnten?

Am Ende des Lebens würde man anders entscheiden als als junger Mensch. Ich glaube, ich würde es wieder werden. Wenn ich jetzt jung wäre, irgendwas mit Medien. Wenn ich als junger Mensch so klug wäre wie heute, würde ich mehrere Kinder haben wollen. Ich habe zwei Enkel, das ist so ein unglaubliches Wunder, davon hätte ich gern mehr. (Anmerkung der Redaktion: Jutta Wachowiak hat zwei Kinder, ihr Lebenspartner hat auch zwei und sie hat zwei Enkelkinder)

Welche Rolle reizt Sie? Gibt es eine Kollegin oder einen Kollegen, mit dem Sie gern auf der Bühne stehen würden?

Nee, gibt es nicht. Am Deutschen Theater habe ich einen Solo-Abend unter dem Namen „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ in der Box, dabei haben der Autor, Regisseur und ich gemeinsam etwas entwickelt. Das ist mein Buch, das ist ein sehr persönlicher Abend, das sollte mein Abschluss sein.

Welchen Blick haben Sie auf Warnemünde? Gibt es Erinnerungen an früher…

Ich war zu meiner Hochzeitsreise im Oktober 1971 in Warnemünde. Ein Wochenende im Hotel Neptun. Wir hatten es uns so schön ausgemalt, in der Badewanne zu liegen und den Kellner zu bitten, Champagner zu servieren. Dann wehte der Vorhang im Zimmer so, weil es so zog. Die Heizung war kaputt, da war nix mit Badewanne und Champagner. Da haben wir uns warm angezogen und ins Hotel gesetzt. Dann haben wir einen Spaziergang gemacht. Ich trug einen schwarzen Maximantel aus dem Exquisit. Wir gingen am Strand spazieren, da drehte sich jemand um und sagte verächtlich: „Sowas sollte man aus Deutschland rausschmeißen“. Da haben wir uns total erschrocken, es war so befremdlich. Und das war nicht heute. Als wir zurückkamen waren wenigstens die Zimmer wieder warm.

Wie ist Ihre Beziehung zu Fontanes Werken?

Meine Beziehung ist eng und lange her. Bei meinen ersten Begegnungen war ich noch ein Kind, ich fühlte mich so ernst genommen. Ich schätze, dass er bei aller Genauigkeit seiner Beobachtungsgabe mit liebevollem Blick auf die ulkigsten Dinge so schnurgerade Worte findet. Das finde ich schön, immer wieder. Ich habe in dem Fontane-Film „Stine“ von Thomas Langhoff mitgespielt. Ich wohne ja auch in Potsdam, fahre da gern nach Brandenburg. Das ist mir alles sehr vertraut. Ich finde den Briefwechsel von Fontane mit seiner Frau sehr schön. Fontane hat ein großes Herz für Frauen, ein riesiges Verständnis für sie, das war ein Potenzial, das weit über das hinausgeht, was damals abgerufen wurde. Schließlich ist eine emanzipierte, selbstbewusste Partnerin nicht so leicht zu händeln. Unser Briefwechsel geht durch viele Jahre hindurch, die Briefe werden reifer, das ist schon schön. Und dass ich das mit meinem Kollegen Christian Grashof lese, das ist eine einzige Freude.

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