Aktion : Frauen*streik in Rostock mobilisiert Massen

Mit bunten Plakaten demonstrieren Rostockerinnen für Frauen. Die Symbolfarbe: lila.
Mit bunten Plakaten demonstrieren Rostockerinnen für Frauen. Die Symbolfarbe: lila.

Nach 25 Jahren veranstalten Rostockerinnen einen Frauen*streik zum Weltfrauentag und beteiligen sich an Bundesaktion.

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08. März 2019, 16:14 Uhr

Rostock | "Wenn Frauen streiken, steht die Welt still", spricht Anette Niemeyer zu den 300 Menschen, die sich auf dem Neuen Markt versammelt haben. Sie ist eine der Initiatorinnen des Frauen*streiks in Rostock, einer bundesweiten Aktion anlässlich des Frauentags. Um 17 Uhr gab es in unzähligen Städten Deutschlands eine Kundgebung.

Für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen und gegen Gewalt an Frauen - mit diesen Forderungen eröffnet Moderatorin Katharina Schlaack bereits am Nachmittag den Streik. 10 Millionen Frauen gibt es in Deutschland mit Gewalterfahrungen. "Frauen streiken heute für die Sichtbarmachung dieser täglichen Gewalt", ruft Katharina Schlaack in die kleine Menschentraube, die sich um die Bühne versammelt hat.

Gemeinsam tanzen gegen Gewalt an Frauen. Auch Schaulustige machen mit.
Katharina Golze
Gemeinsam tanzen gegen Gewalt an Frauen. Auch Schaulustige machen mit.


Dann fängt eine Gruppe von Frauen mit lila farbenen Tüchern um den Hals, sie sind das Symbol des Tages, an zu tanzen. Diese Aktion "One Billion Rising" soll an die weltweite Gewalt an Frauen erinnern, laut UN-Statistik sind nämlich so viele Frauen betroffen.


Sexistische Situationen proben

Gleich gegenüber im Rathaus beginnt gerade ein Forumtheater-Workshop, bei dem die Teilnehmer schauspielerisch lernen, auf Sexismus im Alltag zu reagieren. "Ich habe das noch nicht häufig selbst erfahren, aber meine Freundinnen", erzählt Emily Horn. Die Studentin weiß, wie ihre Freundinnen nachts in Rostock verfolgt oder wie sie unsittlich im Club angefasst wurden. "Ich möchte gern darauf vorbereitet sein, wenn sowas passiert und die richtigen Argumente haben", sagt sie. Die junge Frau ist eine von sieben Teilnehmerinnen, alle verschiedensten Alters. Eine ältere Dame berichtet, dass sie früher auch sexistisch behandelt wurde. Einige Teilnehmerinnen sagen, sie wollten brenzlige Situationen rechtzeitig erkennen und handeln können.


Sie jodeln für die Frauen, und alle jodeln mit. Mehrere Bands stehen auf der Bühne am Neuen Markt.
Katharina Golze
Sie jodeln für die Frauen, und alle jodeln mit. Mehrere Bands stehen auf der Bühne am Neuen Markt.


In dem Workshop können sich Frauen, aber auch Trans- und Intersexuelle über ihre Erfahrungen austauschen und szenisch proben. Männer sind in dem geschützten Raum nicht erlaubt. "Theater ist die Probe der Revolution", sagt Kursleiterin Alexandra Penkov. "Manchmal fehlt im Alltag der coole Spruch oder wie man handelt." Hat man einmal eine solche Szene gespielt, ist es einfacher, darauf zurückzugreifen. Wie reagiert man etwa, wenn einem ein Mann beim Einparken zuschaut, gibt die Rostockerin ein Beispiel. "Rostock ist keine sexismusfreie Stadt", sagt sie. Ihr selbst begegne es jeden Tag.


Rostockerinnen organisieren ersten Frauen*streik

Die junge Aktivistin gehört zu dem Organisationsteam, dass sich seit Dezember um die Planung des Frauen*streiks kümmert. An die 40 Rostockerinnen kamen zusammen, darunter eine Anwältin, eine Journalistin, Studentinnen und auch Migrantinnen. Sie planten Workshops und Aktionen zu Geschlechterbildern, Sexismus und Gleichberechtigung, ein Streikcafe zum Plakatemalen sowie das Bühnenprogramm mit Bands. Um 12 Uhr gab es sogar einen kleinen Sitzstreik in der Kröpeliner Straße.


Die bundesweite Kundgebung eröffnet Anette Niemeyer. Hinter ihr: das ganze Organisationsteam.
Katharina Golze
Die bundesweite Kundgebung eröffnet Anette Niemeyer. Hinter ihr: das ganze Organisationsteam.


Um 17 Uhr dann die bundesweite Kundgebung. Inspiriert von dem Frauentagsstreik 2018 in Spanien, bei dem über fünf Millionen demonstrierten, gibt es in diesem Jahr erstmals eine deutschlandweite Aktion. Den ersten Frauenstreik gab es aber bereits 1994 in Rostock, heute 25 Jahre später nun den Zweiten.


Für Integration und Umwelt, gegen Rechts

In ihrer Rede spricht Anette Niemeyer davon, was alle Frauen verbindet: etwa selbst über den Körper und ihr Sexualverhalten zu entscheiden. Aber sie spricht sich auch für den Erhalt der Umwelt und natürlicher Ressourcen und gegen den Aufstieg rechter Parteien und Bewegungen aus. Deutsche und Migrantinnen sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Und damit auch zukünftige Generationen mutig aufwachsen können, müssen auch die Heldinnen der Geschichte sichtbar bleiben.Das Publikum jubelt, applaudiert und reckt Plakate in die Luft.


Rund 300 Menschen fanden sich auf dem Neuen Markt ein.
Katharina Golze
Rund 300 Menschen fanden sich auf dem Neuen Markt ein.


Danach treten verschiedene Aktivistinnen auf: Eine Anwältin spricht zu reproduktiven Rechten und zum diskutierten Abtreibungsparagraphen. Später tritt die Migrantinnengruppe Libera auf die Bühne. Gefeiert wird aber noch bis in den Abend mit viel Musik und bunten Plakaten. Insgesamt kamen 500 Menschen zum Aktionstag, schätzen die Veranstalter. 300 waren bei der Kundgebung. Auch 2020 soll es einen Frauen*streik geben. Erstes Planungstreffen: 22. März.

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Singen für Gleichberechtigung. Auf der Bühne am Neuen Markt stehen viele Künstlerinnen.
Katharina Golze
Singen für Gleichberechtigung. Auf der Bühne am Neuen Markt stehen viele Künstlerinnen.


Ich habe keine Lust mehr, dass es okay ist, dass einem hinterher gerufen wird oder an den Arsch gefasst wird. Ich mag den Impuls: Frauen solidarisieren sich mit anderen Frauen. Marie Kurz-Filipski (26), Mitorganisatorin, leitet das Streikcafe
Die Unterbezahlung von Frauen, die es noch gibt, ist doch eine Frechheit. Und Gewalt an Frauen in der Partnerschaft wird nur mit Mühe verfolgt. Da wird es notwendig, sich solidarisch zu zeigen. Eckhard Brickenkamp (55), Telefonist
Kreativ werden für den Protest: Künstlerin Barbara Wetzel wird im Streikcafe aktiv.
Katharina Golze
Kreativ werden für den Protest: Künstlerin Barbara Wetzel wird im Streikcafe aktiv.
Für die Generationen nach mir ist es schwer geworden, ihre Interessen durchzusetzen.Vieles war in den 90ern selbstverständlicher. Manches ist heute ein unglaublicher Rückschritt. Daher finde ich es wichtig, dass wir uns solidarisieren. Barbara Wetzel (50), Bildhauerin


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