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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 22:30 Uhr

6000 Menschen gehen auf die Straße

vom

svz.de von
erstellt am 26.Aug.2012 | 07:20 Uhr

Lichtenhagen | Hubschrauber kreisen über die Stadt, Sirenen heulen, die S-Bahnen quellen über vor Menschen. Hunderte sammeln sich allein am Hauptbahnhof und in der Parkstraße. Sie wollen alle nach Lütten Klein. Dort beginnt am Sonnabend ein großer Demozug nach Lichtenhagen - im Gedenken an die Opfer der rechtsradikalen Angriffe auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte Wohnheim für ehemalige vietnamesische Arbeiter 1992. Nach Schätzungen des Veranstalters "20 Jahre nach den Pogromen - Das Problem heißt Rassismus" sind mindestens 6000 Menschen dabei.

Die S-Bahnen kommen nur schleppend voran, manche Türen sind lädiert, schließen nicht mehr automatisch. Innen ist es friedlich. Am Bahnhof in Lütten Klein warten neun Beamte der Bundespolizei, wollen sichergehen, dass das auch so bleibt. Sie sind nur für den Bahnhof zuständig. Bis nach Lichtenhagen rein warten in den Seitenstraßen hunderte ihrer Kollegen, greifen nur im Notfall ein. Doch erst mal heißt es warten. Rund 3000 Menschen sammeln sich in Lütten Klein, ziehen einfach nicht weiter, sitzen auf den Straßen. Über einen Lautsprecherwagen ist eine Kundgebung zu hören, was damals passiert ist, wie Polizei und Stadt versagt hätten. Eine Stunde steht der Bus der Linie 31 vor der Menge. Gegen 15.30 Uhr zieht der Demozug weiter in die Warnowallee. Drei Rettungshelfer versorgen dort einen jungen Mann, er stand auf einer Leitplanke, war gestürzt. Der Demozug geht weiter - in der St.-Petersburger Straße folgt eine Kundgebung. "Rostock-Lichtenhagen war ein Schandverbrechen", tönt es aus den Lautsprechern. Doch es geht nicht nur um damals, auch heutige Missstände werden thematisiert. Das Asylbewerberleistungsgesetz wird harsch kritisiert und wie nationalistische Haltungen immer noch geduldet würden. Dann sehen die Demonstranten einen angeblichen Neonazi am Marktkauf. Komplett schwarz gekleidete Demonstranten stürmen aus der Menge, springen über den Zaun, der die Fahrbahnen trennt. Pyrotechnik wird gezündet, die Polizei entschärft die Situation schnell, niemand wird verletzt. Der Zug geht weiter. Die Demonstranten sind bunt gemischt - von Familien mit Kindern, die sich mit den Opfern von damals solidarisieren wollen, über bunte Demonstranten, die für Toleranz und Frieden stehen, von Vertretern politischer Parteien bis hin zu linken Autonomen, die aus ganz Deutschland angereist sind. Fahnen von Antifa, Linken, Grünen, Piraten und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes werden geschwenkt. "Nie wieder Deutschland" und "Nationalsozialismus raus aus den Köpfen" sind häufige Parolen.

"Die Demonstranten sind friedlich. Aber 600 sind dabei, bei denen wir es nicht genau wissen", sagt ein Konfliktmanager der Landespolizei Schleswig-Holstein. Der Tag verläuft weitgehend friedlich. Der Zug geht in die Schleswiger Straße, vorbei an den Plattenbauten des Viertels bis hin zum Sonnenblumenhaus und einer Abschlusskundgebung. Einige Bewohner stehen an den Fenstern, schauen raus. Ein alter Mann sitzt neben einer Deutschland-Fahne, schmeißt etwas auf die Straße. Die Demonstranten sind verärgert, reagieren generell sehr unterschiedlich auf die Schaulustigen. Von Aufrufen, sie mögen sich einreihen, bis hin zu Anfeindungen ist alles dabei. 30 bis 35 Prozent der Bewohner lebten nach Schätzungen des Stadt schon 1992 im Viertel. "Es gibt immer noch Intoleranz. Das wurde auch in 20 Jahren nicht komplett aufgearbeit", sagt Katja Pietsch, eine junge Demonstrantin. Ihr Fazit: Rostock muss sich weiter bewegen.

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