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Lokales

22. September 2017 | 22:31 Uhr

Rettung für gequälte Braunbären

vom

svz.de von
erstellt am 22.Jun.2010 | 06:10 Uhr

Bantin | Müde sieht er aus. Aber zufrieden. Seine Mission in Bulgarien war erfolgreich. Wieder ist es Carsten Hertwig gelungen, einen Bären aus einem Zwinger in einer Hotelanlage zu befreien. Der noch junge eineinhalbjährige Bär ist jetzt auf dem Weg in den Tanzbärenpark "Belitsa" in Bulgarien.

Seit drei Stunden ist Carsten Hertwig zurück in Deutschland. Die Nacht war kurz, vielleicht ein, zwei Stunden Schlaf vor dem Abflug in Sofia. Er gönnt sich ein paar Minuten auf der Couch in seiner Wohnung in Bantin. Dann klingelt das Telefon. Eine Redakteurin von stern TV will mit ihm das Vorgespräch zur Sendung führen. Am Mittwoch wird der Bantiner bei Günther Jauch im Fernsehen live über seine Arbeit für den Bärenschutz in Deutschland und Bulgarien berichten. Er freut sich auf den Auftritt. "Nur so können wir die Menschen für das Thema sensibilisieren. Ihnen bewusst machen, dass auch heutzutage noch Bären gequält werden."

Seit vier Jahren arbeitet der Bantiner als Geschäftsführer der Bärenwald Müritz gGmbH in Stuer bei Plau am See. Er hat den ersten Bärenwald in Norddeutschland aufgebaut, in dem heute zehn Bären leben. Zehn Bären, die in Deutschland unter unzumutbaren Bedingungen gehalten wurden.

Susi zum Beispiel. Die 100 Kilogramm schwere Bärin hauste bis zu ihrer Befreiung im Stadtzwinger von Merseburg. "Als sie zu uns nach Stuer kam, war sie sehr verängstigt und verstört", erzählt Hertwig. "Sie lief immer nur vier Meter hin und vier Meter her. Genau wie in ihrem Zwinger." Heute beginnt die Bärin, das Gelände auszukundschaften, im Wasser zu planschen, in der Erde zu Graben. Im letzten Winter hielt sie sogar das erste Mal Winterruhe.

Ein Bärenwald sei die beste Form, diese Tiere artgerecht zu halten, weil sie sich in weitläufigem Gelände frei bewegen können. Damit sie das Laufen wieder lernen, verstecken die Tierpfleger die Nahrung unter Wurzeln, in hohen Ästen oder Löchern.

Nach Bulgarien kam der 43-jährige Bantiner über die Hamburger Tierschutzorganisation "Vier Pfoten". Dort laufen Informationen und Hinweise zu gequälten Braunbären aus ganz Europa auf. "Sobald uns ein neuer Fall bekannt wird, werden wir aktiv."

Auf diese Weise hat Carsten Hertwig auch die letzten drei serbischen Tanzbären befreit und in den bulgarischen Bärenpark nach Belitsa überführt. Milena, Seida und Natascha.

Milena hatte Hertwig zum ersten Mal in einer stinkenden Schlammwüste erblickt. Erblindet vom vielen Alkohol, lag sie dort apathisch, umgeben von Kot, Tierskeletten und Kadavern. Ihr Unterkiefer zerfetzt vom Ring, an dem die Kette befestigt war, mit der sie durch Fußgängerzonen gezogen wurde. Als sie noch ganz jung war, wurden ihre Vorderpfoten auf heiße Platten gedrückt, damit sie sie von alleine schnell hochreißt. Dazu spielten die Besitzer immer wieder die gleiche Musik. Und irgendwann riss sie die Pfoten hoch, nur zu Musik - ohne die heißen Platten. Über Jahrhunderte sind Bären auf dem Balkan zur Volksbelustigung auf diese Weise grausam abgerichtet worden.

"Heute leben fast alle im bulgarischen Bärenpark. Sie in die Wildnis zu entlassen, wäre ihr Todesurteil", sagt Hertwig. Viele seien blind oder hätten ihren Geruchssinn verloren. "Wir versuchen ihr neues Leben im Park dem Leben im Wald anzugleichen."

Das Telefon klingelt, der vierte Anruf seit einer Stunde. Diesmal ist es der Betriebsleiter von "Belitsa" aus Bulgarien. Er hat gute Nachrichten: Der junge Bär aus dem Hotel ist sicher im Park angekommen. Noch eine letzte medizinische Untersuchung unter Narkose. Dann ist auch er von seiner Pein erlöst.

Carsten Hertwig ist Mittwoch Gast bei Günther Jauch im Magazin „stern tv“ auf RTL um 22.15 Uhr.

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