zur Navigation springen

Rechtsextremismus in Dörfern und Kleinstädten : Rechte Szene auf dem Land ungestört

vom

Das in Großstädten übliche Vorgehen gegen Rechtsextremismus hilft den demokratisch gesinnten Einwohnern von Dörfern und Kleinstädten nur wenig. Das ist das Ergebnis einer Studie von Politikwissenschaftlern.

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2011 | 10:09 Uhr

Schwerin | Unsicherheit, Hilflosigkeit und Bagatellisierung seien beim Umgang mit Rechtsextremismus viel häufiger in ländlichen Regionen wie Anklam und Ueckermünde anzutreffen als in Großstädten. Wissenschaftler der Universitäten Rostock und Greifswald stellten gestern neueste Forschungsergebnisse zum Rechtsextremismus in Ostdeutschland vor und nannten Gründe für den schwierigen Kampf gegen Rechts auf dem Lande. "In einem Dorf ist jeder jedem weitgehend bekannt, Distanzierungen von Rechtsextremen und Gegenpositionierungen sind somit ungleich schwieriger als in einer anonymen Großstadt", sagte Professor Hubertus Buchstein von der Uni Greifswald. Die Folge: Rechtsextremismus würde auf dem Land eher toleriert.

Über drei Jahre wurden drei Regionen in Mecklenburg-Vorpommern untersucht und die Forschungsergebnisse in dem Buch "Rechtsextremismus in Ostdeutschland" zusammengefasst. Dabei wurden drei typische Formen des rechtsextremen Handelns in ländlichen Regionen analysiert. 1. Der Rechtsextremismus wird von außen in die Gemeinden hineingetragen. Als typisches Beispiel nannte Studienautor Dierck Borstel den Zuzug von Aktivisten der rechten Szene Westdeutschlands besonders in den Landkreis Ludwigslust seit etwa 15 Jahren. Diese Strukturen seien eng an die NPD gebunden und in der Bevölkerung weitgehend isoliert. 2. Anders verlief die Entwicklung in Ostvorpommern. Über Musikkonzerte in Klein Bünzow hat sich eine rechtsextreme Subkultur gebildet. Die wenigen westdeutschen Aktivisten wie der heutige NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski banden sich in diese Strukturen ein, ohne eine Führungsrolle zu beanspruchen. 3. Eigengewächse sind auch die rechtsextremen Strukturen im Uecker-Randow-Kreis mit Timo Müller an der Spitze. Buchstein nannte sie die "Kümmerer", die Bürgerinitiativen gründen und wie "Trüffelschweine" nach Konfliktpotenzial in der Region suchen. "In diesem Fall ist die Abgrenzung der Bürger sehr schwierig, da die Rechtsextremen ja zur Gemeinde gehören", sagte Gudrun Heinrich von der Uni Rostock.

Dennoch gebe es auch in diesen Orten Möglichkeiten für die Zivilgesellschaft, sich gegen Rechts zu positionieren. Wichtig sei zunächst, in den betroffenen Gemeinden die Lage ehrlich zu analysieren. Das sei bislang zu wenig getan worden, meinte Borstel. Anschließend müsse für die Gemeinde eine individuelle Strategie entworfen werden. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Einbindung von Vertrauenspersonen wie Bürgermeister oder auch Gemeindepfarrer. Neben der Strategie sollten auch kurzfristige Antworten auf Probleme im Dorf oder in der Stadt gefunden werden. Wie schwer dies sein kann, berichtete Borstel, der selbst zwei Jahre in Anklam lebte. In der ostvorpommerschen Kreisstadt hätten Rechtsextremisten eine bundesweit einmalige Infrastruktur aufgebaut. Ein Laden in der Stadtmitte ist Kommunikationszentrum und ökonomisches Standbein zugleich. Nicht weit davon entfernt, befindet sich in einem ehemaligen Möbelhaus ein Schulungszentrum. Außerdem bauen die Rechtsextremen eine alte Bäckerei um. "Für Konzerte", vermutete Borstel.

Strategien gegen den Einfluss der Rechtsextremisten im Sport und der Jugendarbeit waren auch Thema in Berlin beim Start einer bundesweiten Kampagne gegen die Unterwanderung von Sportvereinen durch Rechtsextreme. In Mecklenburg-Vorpommern bestehe bereits seit 2007 ein breites gesellschaftliches Bündnis gemeinsam mit Sport- und Hilfsorganisationen gegen Rechtsextremismus, sagte Innenminister Lorenz Caffier (CDU).

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen