Raupen züchten wie die Jungpioniere

Die Kokons aus dem vorigen Jahr hat Volker Janke noch für die nächste Seiden-Ausstellung aufbewahrt. reinhard Klawitter
Die Kokons aus dem vorigen Jahr hat Volker Janke noch für die nächste Seiden-Ausstellung aufbewahrt. reinhard Klawitter

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19. April 2010, 05:59 Uhr

schwerin | Die Seidenausstellung mit lebenden Raupen, traditionellen Kleidern und echten Kokons zum Abwickeln war im vorigen Sommer ein riesiger Erfolg für das Freilichtmuseum Schwerin-Mueß. Neben viel Lob behielt Initiator Volker Janke davon noch etwas anderes übrig: Mehrere tausend Eier, die die Falter legten. Über den Winter gebracht hat er sie im Keller und im Kühlschrank, jetzt ist es Zeit für die Kleinen zu schlüpfen. Vor gut zehn Tagen hat Volker Janke eine erste Charge in die Wärme und ans Licht geholt. Nun befolgt er - wie schon im Vorjahr - die Zuchtanweisungen aus seiner "Seidenbaufibel für Jungpioniere".

Beim allerersten Hinschauen sieht es aus wie eine Schale mit altem Salat, die Volker Janke da auf seinem Schreibtisch in der Bibliothek des Freilichtmuseums stehen hat. Der Eindruck wird auch auf den zweiten Blick nicht besser: Da machen sich schon Würmer über die Reste her. Genau hier weist der Experte den Laien zurecht. Denn was dort die winzigen Köpfe hungrig nach oben reckt, sind keine Würmer, sondern frisch geschlüpfte Seidenraupen, knapp eine Woche alt. Und was sie verspeisen, sind mitnichten alte Salatfetzen, sondern frische Maulbeerblätter. "Erst jetzt erfahre ich am eigenen Leib, was es für Bienenzüchter bedeutet, dass die Vegetation vier Wochen im Verzug ist", sagt Volker Janke. "Die Tiere bekommen draußen noch nicht genug Nahrung, man muss sehr genau zufüttern."

Janke hat rechtzeitig Maulbeer-Äste geschnitten, in die Vase gestellt und so für das lebenswichtige Grün gesorgt. Seidenraupen fressen nämlich nichts anderes als Maulbeerblätter - und das in Massen. In den ersten 30 Tagen ihres Lebens verviertausendfachen sie ihr Gewicht, sind schließlich so dick wie ein Finger und besitzen eine seidig streichelzarte Haut. Alle vier Stunden werden die Kleinen gefüttert, ab 8 bis gegen 20 Uhr. "Nachts schlafen sie meistens", sagt der Pflegevater, der seinen Schützlingen schon einige Marotten angewöhnt hat: "Sie mögen nur ganz frische Blätter und am liebsten direkt auf den Kopf gelegt, damit sie sich nicht so viel bewegen müssen." Noch kann Janke die Raupen-Kinder in einer Plastikschüssel oder Zigarrenkiste mit sich herumtragen, doch die Behälter werden schnell mitwachsen.

Ob er es allerdings in dieser Saison schaffen wird, die Seidenraupen vom Ei bis zur Metamorphose publikumswirksam zu präsentieren, das kann Janke nicht versprechen. Im 2009 von ihm benutzten Kunstkaten steht jetzt eine Kurbel-Ausstellung. Die gesamte Seiden-

Exposition müsste in die Schulscheune umziehen und entsprechend angepasst werden. Doch ganz ohne die faszinierenden Seidenraupen müssen die Schweriner nicht über den Sommer kommen: Anlässlich der "Offenen Gärten" am 12. und 13. Juni werden sie direkt an der Maulbeerhecke im Freilichtmuseum gezeigt - und natürlich gefüttert. Außerdem bereitet Volker Janke eine Publikation über die Geschichte des Seiden anbaus in der Region vor.

Janke hätte die Raupen-Zucht gern als finanziell gefördertes Modellprojekt zwischen Schulen und Museum weitergeführt. Ein entsprechender Antrag wurde aber abgelehnt. Sollte ein Lehrer oder eine Privatperson trotzdem Lust haben, auf eigene Faust eine kleine Rauperei zu beginnen, kann er sich bei Volker Janke Raupen oder Eier kostenlos abholen. Er selbst bekam sie im vergangenen Jahr auch geschenkt. Janke: "Alles was man zur Zucht braucht, ist ein Maulbeerbusch und etwas Zeit - dann wird aus dem Blatt ein Seidenkleid."

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