Rassismus vom Ordnungsamt?

Christopher O. ist entsetzt. Nachdem seine Wohnung brannte, bot ihm das Ordnungsamt der Stadt ein Bett im Obdachlosenheim an. O. stammt aus Nigeria, seit 1993 lebt er in Güstrow. Er arbeitet, zahlt Steuern. Als er seinen deutschen Pass auf den Tisch legte, habe sich der Ton im Ordnungsamt geändert. O. spricht von Rassismus.

svz.de von
04. Dezember 2008, 09:01 Uhr

Güstrow | Erwin Muchow ist noch immer fassungslos. "Ich bin empört", sagt der Güstrower. Als er erfuhr, was seinem "engen Bekannten" Christopher O. (Name d. Red. bekannt) widerfuhr, wandte sich Muchow an die SVZ. Der Vorwurf: Ein Mitarbeiter der Güstrower Stadtverwaltung praktiziere offenen Rassismus.

Der Reihe nach: Vor einer Woche brannte die Wohnung von Christopher O. in der Kurzen Straße. Er schildert: Überall war Feuerwehr, Polizei - die Wohnung ein Chaos. Ein Polizist habe ihm gesagt, dass er sich ans Ordnungsamt wenden solle, das könne ihm in der Not helfen.

Christopher O. stand in Arbeitskleidung da. Er verdient Geld bei einem Paketservice, ist seit 2002 deutscher Staatsbürger. Er hat dunkle Haut, wurde vor 50 Jahren in Nigeria geboren. Seit 1993 lebt er in Güstrow. Viele Menschen kennen den freundlichen Mann, der sehr gut deutsch spricht.

Was er beim Ordnungsamt erlebte, schildert er so: Ein Mitarbeiter habe ihm sofort ein Bett im Obdachlosenheim angeboten. Drei Betten in einem Raum. "Er hat gesagt: Wir haben nichts anderes." Das stimmte nicht. Erst als O. immer wieder nachfragte und schließlich seinen deutschen Pass auf den Tisch legte, habe der Mitarbeiter eingelenkt. "Dann sagte er: Wir haben da noch was, aber das ist nur für Familien." Eine Wohnung für Notfälle. "Ich habe gefragt: Warum kann ich da nicht erstmal rein?" Nachdem klar war, O. ist Deutscher, habe der Mitarbeiter gesagt: "Jetzt kann ich verstehen; nein, Sie gehören nicht ins Obdachlosenheim." O. ist überzeugt: "Dies hat er nur gesagt wegen meiner Hautfarbe. Wenn das nicht rassistisch ist ..."

O. fand andere Hilfe. Sein Chef besorgte ihm eine Pension, nun suche er eine neue Wohnung. Aber: Er könne die Behandlung im Ordnungsamt nicht verstehen. "Ich arbeite und zahle Steuern, damit dieser Mann bezahlt wird", so der 50-Jährige. Was ihn wurmt: "Seit ich da gewesen bin, hat kein Mitarbeiter vom Ordnungsamt bei mir angerufen und mich gefragt: Haben Sie etwas gefunden? Wie geht es Ihnen?"

Detlef Moll, Leiter des Ordnungsamtes, schildert den Fall anders. O. habe seinen Ausweis gleich auf den Tisch gelegt, da sein Name so schwer zu buchstabieren sei. Den Vorwurf des Rassismus weise das Amt "grundsätzlich" zurück. Die Stadt habe für Notfälle zwei Zimmer im Obdachlosenheim gemietet. Das Heim sei "in gutem Zustand, es ist sauber", so Moll. "Bei anderen Betroffenen machen wir genau das Gleiche. Das ist nicht von der Hautfarbe abhängig." Moll bestätigt: Eine stadteigene Fünf-Raum-Wohnung sei für Notfälle mit z.B. "mehreren Kindern".

Klärendes Gespräch geplant
Zwei Aussagen treffen aufeinander. Christopher O., ein ruhiger Mensch, bleibt dabei: "Ich habe den Ausweis nicht am Anfang abgegeben. Die versuchen nur, das Ganze zu vertuschen."

Die SVZ will vermitteln: O. ist zu einem klärenden Gespräch der Beteiligten bereit. Das Ordnungsamt auch. Termin: kommende Woche.

Menschen, die O. kennen, sind erschüttert. Der 50-Jährige sei bescheiden, fleißig, sehr gut in die Gesellschaft integriert, sagt Erwin Muchow. Er sei aktives Mitglied der katholischen Kirchgemeinde. Pfarrer Ralf Sobania hat grundsätzlich Bedenken zum Handeln des Ordnungsamtes: "Wie gehen wir mit Menschen um, die alles verloren haben?", fragt er. "Das ist ein Politikum."

Stadtpräsident Günter Wolf steht Christopher O. zur Seite: "Wir stellen uns hinter den jungen Mann", sagt er. "Ich bin der Meinung, es geht nur im Miteinander. Das ist ein Mitbürger wie jeder andere auch."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen