"Querbeet"-Fahndung nach EHEC

Enterohaemorrhagische Escherichia coli (EHEC): Eine rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des EHEC-Erregers. Die Bakterien wurden zur besseren Erkennbarkeit coloriert. Foto: Robert Koch Institut
Enterohaemorrhagische Escherichia coli (EHEC): Eine rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des EHEC-Erregers. Die Bakterien wurden zur besseren Erkennbarkeit coloriert. Foto: Robert Koch Institut

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24. Mai 2011, 08:43 Uhr

Hamburg/Berlin | Mit den "Hauptverdächtigen" kennt Anselm Lehmacher keine Gnade. Sie werden zerstückelt, eingewogen, in eine spezielle Nährlösung gelegt und schließlich über Nacht durchgeschüttelt - bisher ohne Erfolg. Über 120 Lebensmittel, darunter hauptsächlich Gemüse, hat der Mikrobiologe am Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt in seiner Abteilung bereits auseinander- und unter die Lupe genommen. Aber: "Wir haben noch keinen konkreten Verdacht auf EHEC", sagt Lehmacher. Seit vergangenem Freitag fahndet er querbeet. Die Herkunft des Durchfall-Erregers konnte er bisher nicht bestimmen. Die Jagd auf das gefährliche Bakterium läuft weiter auf Hochtouren.

Im Stundentakt liefern Kuriere in Kühlboxen junges, verdächtiges Gemüse in das sterile Labor der Abteilung Mikrobiologie in Hamburg-Rothenburgsort. In Plastikfolien und Einweggläsern liegen die mutmaßlichen Bakterienträger kreuz und quer. Erbsen, Karotten, Radieschen und andere Lebensmittel müssen sich einer gründlichen Untersuchung unterziehen.

Verdächtig: Salat, Sprossen und Spinat

Die Suche nach dem Erreger erweist sich als sehr schwierig. Die Angaben der Betroffenen lassen zwar vermuten, dass die üblichen Verdächtigen wie Rohmilch, Frischkäse und Rindfleisch für den großen Ausbruch des Erregers ausscheiden. Die Patienten hätten nur wenig Fleisch gegessen. Lehmacher möchte diese möglichen Erreger-Quellen aber noch nicht ausschließen - zumal Gemüse als Ursache dieser Erkrankung seines Wissens "sehr ungewöhnlich" wäre. Nach früheren EHEC-Ausbrüchen wisse man jedoch, dass der Erreger bei den Gemüsesorten eher an Salat, Sprossen und Spinat zu finden ist.

Viele der Infizierten sind wegen ihrer schweren Erkrankung nicht ansprechbar, können also keine Angaben machen, was sie zuvor gegessen haben. Daher konnte Lehmachers Abteilung bisher nur wenige Lebensmittel aus Haushalten der Erkrankten untersuchen. Diese Quellen sind aber am geeignetsten, um dem Erreger auf die Schliche zu kommen.

Außerdem benötigen die Lebensmittelkontrolleure eine Genehmigung der Bewohner, um in die Wohnungen der Betroffenen zu gelangen - das dauert. In Einzelhandel und Großhandel bleibt den Gesundheitsämtern nichts anderes übrig, als nach dem Zufallsprinzip auszuwählen.

Erkrankte aßen in denselben Kantinen

Ein weiteres Probleme kommt hinzu: "Häufig verteufeln die Erkrankten das Gericht, das sie zuletzt gegessen haben. So schnell läuft aber keine Infektion ab", sagt Lehmacher. Er hofft, dass sich die Schlinge bald zuzieht - und er die erste heiße Spur vermelden kann.

Unterdessen sorgt EHEC nach den ersten Todesfällen bundesweit für große Verunsicherung. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ließ sich gestern von Reinhard Burger, Deutschlands oberstem Infektionsexperten, informieren. Was der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu berichten hatte, dürfte den neuen Gesundheitsminister kaum beruhigt haben: Nach den ersten Fällen in Hamburg, Niedersachsen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gibt es nun auch Krankheitsfälle in Bayern und im Saarland. RKI-Experten rechnen mit weiteren Todesopfern. Sowohl in Hessen als auch in Berlin hatten EHEC-Erkrankte in denselben Kantinen gegessen. Hinweise, denen jetzt nachgegangen wird.

Bund, Länder und Krankenkassen starteten gestern eine Informationsoffensive, stellten Vorsorge-Tipps ins Internet. Wie lange hält die Infektionswelle noch an? In Berliner Regierungskreisen will man keine Prognosen abgeben. Heute wollen die Experten im Gesundheitsausschuss des Bundestages über die Lage beraten.

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