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Lokales

20. Oktober 2017 | 14:16 Uhr

"Prügeleien immer brutaler"

vom

Das Überschreiten von Grenzen im Jugendalter ist normal", sagt Heike Sellnies. Sie ist Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in Schwerin - ein Mittler zwischen Angeklagtem und Gericht. Zwei sehr gegensätzliche Hauptkonfliktbereiche beobachtet sie in Schwerin: Schwarzfahren und schwere Körperverletzungen. "Auffällig dabei ist, dass die Prügeleien immer brutaler werden und dass auch Mädchen jetzt richtig zuschlagen."

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erstellt am 02.Apr.2009 | 08:23 Uhr

Schwerin | Vor mehr als einem Jahr wurde die Jugendgerichtshilfe, eine Pflichtaufgabe der Kommune, aus der Verwaltung aus- und in eine Partnerschaft mit der Evangelischen Jugend eingegliedert. "Ein Beispiel für Outsourcing, das wirklich funktioniert", betont Jugendamtsleiter Ulrich Schmitt. Der Vertrag zwischen Stadt und Evangelischer Jugend wurde nach einem Testjahr nun auf unbestimmte Zeit verlängert. Was Schmitt überzeugt hat:

Der Freie Träger agiere flexibler als die Verwaltung und könne auf ganz andere Ressourcen zurückgreifen. Was das genau bedeutet, erklärt Heike Sellnies, die viele Jahre im Stadthaus in der Jugendgerichtshilfe gearbeitet hat: "Schon die Atmosphäre in den neuen Räumen ist Vertrauen erweckender. Einer unserer Klienten hat sich sogar mal die Schuhe ausgezogen, als er hereinkam."

Mit knapp zweieinhalb Stellen werden in den Büroräumen in der Moritz-Wiggers-Straße 4 Jugendliche und Heranwachsende von 14 bis 21 Jahren betreut, für die die Eröffnung eines Strafverfahrens bevorsteht, die bereits in einem Prozess stecken oder rechtskräftig verurteilt worden sind. Zu 545 Jugendlichen hatten die Jugendgerichtshelfer im Jahr 2008 Kontakt. Nicht alle nehmen das Angebot der Sozialarbeiter an, sich Rat zu holen und Wege aus der Kriminalität zeigen zu lassen. Die Jugendgerichtshelfer kommen trotzdem zum Prozess, auch wenn es keine Vorgespräche mit den Betroffenen gegeben hat. Und sie schreiben trotzdem eine Stellungnahme an die Justiz. "Wenn sich der Jugendliche bei uns nicht sehen lässt, ist unser Urteil natürlich entsprechend", sagt Heike Sellnies.

Junge Schwarzfahrer nicht gleich kriminalisieren"Wir sind aber nicht die Verteidiger der Jugendlichen", betont Peter Schultz. Die Sozialpädagogen schauen genau nach den Gründen, warum ein junger Mensch straffällig geworden ist. "Allein in 233 der Anklagen, die wir im vergangenen Jahr erhielten, ging es um Schwarzfahren", sagt Heike Sellnies. "Jugendliche, die so etwas tun, sollte man nicht von vornherein kriminalisieren. Viele von ihnen wissen gar nicht, dass Schwarzfahren eine Straftat ist. Und vielen tun es aus Armut, weil kein Geld mehr übrig ist zum Monatsende in einer Hartz-IV-Familie mit mehreren Kindern, selbst wenn die Mutter nachts noch zwei Putzjobs hat. Die Jugendlichen werden oft auf dem Weg zur Schule geschnappt. Sie wollten den weiten Weg einfach nicht zu Fuß laufen." In solchen Fällen ginge es auch von Seiten des Gerichts um Hilfe, nicht ums Strafen. Der Richter weise die Täter oft in die Fahrradwerkstatt im Külzhaus. Dort können sie sich unter Anleitung einen alten Drahtesel wieder fit machen.

Doch auch einen anderen Trend macht Heike Sellnies in Schwerin aus: Gewaltdelikte unter Jugendlichen nehmen zu - auch an Brutalität. 112 Anklagen wegen Körperverletzungen behandelten die Jugendgerichtshelfer 2008. "Die Hemmung, jemanden nicht mit den Füßen auf den Kopf zu treten, ist oft verschwunden", so Sellnies. "Und die Ursachen einen Prügelei sind häufig banal. ,Der hat mich angemacht, kommt gern als Begründung."

Oft sei Alkohol im Spiel, oft führt Gruppendruck zu blutigen Auseinandersetzungen. Oft haben die Jugendlichen zu Hause keine anderen Handlungsstrategien gelernt. "Wenn man vom Vater ständig eine gescheuert kriegt, kann man selbst gar nicht anders reagieren", sagt Peter Schultz. Er bietet Anti-Agressions-Training an, in dem Gewaltformen, Ursachen und die Opferperspektive beleuchtet werden. Neu im vergangenen Jahr: Ein Kurs, der nur aus Mädchen bestand. "699 Anklageschriften hatten wir 2008 auf dem Tisch, davon betrafen 149 Mädchen", sagt Schultz. Die Härte der Vergehen sei dabei erschreckend. Sellnies: " Mädchen schlagen mittlerweile sehr hart zu. Im Unterschied zu Jungen nehmen sie aber schlecht Hilfsangebote an. Sie sind dominant, manchmal grenzenlos. Und der Grund für ihre Ausbrüche ist meist: Die andere hat mir den Freund weggenommen."

Von anderen Ländern neue Wege kennen lernenWelche Ursachen Gewalt bei Jugendlichen hat und wie man denen am besten begegnet, das wird auf europäischer Ebene in dem Projekt "Youth an Violence" erörtert. Die Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe Schwerin sind dabei die deutsche Vertretung. Die Abschlussveranstaltung im kommenden Jahr soll in Schwerin stattfinden. Jugendgerichtshelfer Sylvia Streuer und Heike Sellnies haben dabei unter anderem erfahren, wie in Skandinavien mit Jugendgewalt umgegangen wird oder in Rumänien. "Während die Rumänen ganz ähnliche Probleme haben wir - nur dass es dort öfter um Leben und Tod geht - setzen die Skandinavier mit der Gewaltverhütung viel früher an als wir. Wenn dort in der Schule die Lehrerin unflätig beschimpft wird, beginnen gleich zahllose Präventionsveranstaltungen wegen verbaler Gewalt", berichtet Sylvia Streuer. "In Dänemark und Schweden gibt es ein großes Netzwerk aus Ehrenamtlichen, die nicht zuerst nach dem Staat rufen, sondern selbst die Dinge anpacken." Die Schweriner sind beeindruckt von diesem Austausch. Heike Sellnies als ehemalige Stadthaus-Mitarbeiterin begeistert noch etwas anderes: "Die letzte Zusammenkunft von Youth and Violence war in Genua. So eine Dienstreise in der Stadtverwaltung - das kann ich mir kaum vorstellen."

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