Bombenentschärfung in Wittenberge : Zwischen Sorge und Gelassenheit

Andrej Kuhn vom Wittenberger Stadtbetriebshof stellt die Absperrplanken und Hinweisschilder bereit, mit denen am Donnerstag insgesamt zwölf Straßen abgeriegelt werden.
Andrej Kuhn vom Wittenberger Stadtbetriebshof stellt die Absperrplanken und Hinweisschilder bereit, mit denen am Donnerstag insgesamt zwölf Straßen abgeriegelt werden.

2100 Menschen bereiten sich auf die Evakuierung am Donnerstag vor / Bahnwerk lässt Frühschicht ausfallen

svz.de von
22. Juli 2014, 22:00 Uhr

„Wir planen und organisieren seit Montag mit Hochdruck. Für unsere Bewohner soll die Evakuierung so stressfrei, wie überhaupt möglich, ablaufen“, sagt Anke Brauer, Leiterin des Seniorenpflegezentrums „Willi Kupas“. Das Haus in Wittenberge Nord liegt im Sperrbezirk, der wegen der Bombenentschärfung morgen bis 8 Uhr geräumt werden muss. Auch die pflegebedürftigen Herrschaften müssen ihre gewohnte Umgebung verlassen.

Eine Sondergenehmigung zum Bleiben hat die Stadt jenen Senioren erteilt, die nicht transportfähig sind. „Sie werden in der unteren Etage des Pflegezentrums in der Obhut von Fachpersonal untergebracht“, erklärt Brauer. Sie und ihre Mitarbeiter sind im Willi-Kupas-Haus für insgesamt 112 Pflegebedürftige verantwortlich. Die Stadt hat dem Pflegezentrum die Allende-Turnhalle als Ausweichunterkunft zur Verfügung gestellt. „Diese kommt für uns aber nicht in Frage wegen der Hitze“, sagt die Leiterin. Sie und ihre Mitarbeiter seien sehr froh, „dass wir das evangelische Gemeindehaus nutzen können“. „Dort ist es kühl. Es gibt eine Küche und Sanitäranlagen. Sehr dankbar sind wir auch für das Entgegenkommen des Awo-Pflegezentrums in der Stein-Hardenberg-Straße und für das Angebot aus dem evangelischen Seniorenzentrum in der Lindenstraße in Perleberg“, sagt Anke Brauer. „In diesen Einrichtungen können unsere Senioren während der Bombenentschärfung verweilen, begleitet von unseren Mitarbeitern.“ Einige der Pflegebedürftigen werden am Donnerstag aber auch von Verwandten nach Hause geholt.

Die Evakuierung betrifft mit dem Instandsetzungswerk der Bahn auch den mit rund 950 Mitarbeitern größten Betrieb in der Stadt. „Das Werk liegt zum Teil im Sperrgebiet, aus diesem Grund wird die Frühschicht am Donnerstag ausfallen, die Spätschicht beginnt erst um 16 Uhr“, sagt Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Auf dem Teil des Werksgeländes, der außerhalb der Sperrzone liegt, würde lediglich Wachpersonal verbleiben.

Die beiden Kitas in der Kyritzer Straße liegen am äußeren Rand des Sperrgebiets. Dort sieht man die Lage entspannt. Die Kinder der Kita „Happy Kids“ weichen in die Parkstraße aus, wo Leiterin Bärbel Mernitz eine zweite Einrichtung unterhält. Ähnlich handhabt es die Kita der Integrativen Bildungsstätten (IBiS). Dort werden die Mädchen und Jungen in der Lebenshilfe-Kita im Horning betreut, wie Leiterin Silke Krügener informiert.

Auch Bürger in der Weisener Siedlung Waldhaus sind betroffen. „Wir gehen zu meinen Schwiegereltern in den Horning“, sagt Jacqueline Gryczan. Sie wohnt erst seit wenigen Monaten gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und ihren drei Söhnen in der Waldhaussiedlung. Die Familie hat sich dort ein Haus gekauft. „Da macht man sich schon ein bisschen Sorgen“, gibt sie zu. Die wichtigsten Dokumente und Fotos wollen sie morgen früh mitnehmen. „Sicher ist sicher“, meint die junge Frau.

„Wir setzten uns Donnerstag ins Auto und machen einen Ausflug. Nachmittags ist dann hoffentlich alles vorbei und wir können wieder in unser Haus“, sagen Günter und Erika Dahse. Sie wohnen im Zellwolleweg und damit im Sperrbezirk. Sorgen, dass etwas passiert, „machen wir uns eigentlich nicht“, fügt Dahse an.

Bombe wird erst ab Donnerstag früh freigelegt

Das Wäldchen hinter dem  „Delphin“ – heute ist das ehemalige Bad ein offizielles Angelgewässer – ist von Trichtern durchzogen. Zeugnisse des Bombenangriffs, den amerikanische Kampfflugzeuge gegen Mittag des 22. Februar 1945 auf das nördliche Wittenberge flogen. „Wir wohnten damals in der Franzstraße und hatten im Keller der Bäckerei gegenüber Zuflucht  gesucht“, sagt  die heute 86-jährige Ilse Flügge. „In meiner Erinnerung war das der schlimmste Angriff auf Wittenberge. Die Leute haben erzählt, die  Fliegerbomben sind schon in Höhe  unserer Straße ausgeklinkt worden. Der Bombenteppich war wohl für den Bahnhof bestimmt.“ An die 150 Sprengbomben sollen die Amerikaner damals Richtung Gleisanlagen und im nördlichen Stadtgebiet abgeworfen haben.  28 Tote, viele Verletzte, 19 völlig zerstörte Häuser  und eine ganze Reihe beschädigter Gebäude  listen die Chronisten nach diesem Bombardement auf. Auch das „Delphin“-Bad wird getroffen, die Explosionen zerstören das Brack. Eine der Bomben explodiert nicht, liegt seit knapp 70 Jahren als Blindgänger  zwei bis drei Meter tief in der Erde. 

Wo genau die Sprengbombe zu finden ist, dazu geben die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst keine Auskunft. Wie André Müller, Technischer Einsatzleiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes beim  Zentraldienst der Polizei Berlin-Brandenburg, gestern auf „Prignitzer“-Nachfrage sagte, „legen wir die Bombe erst am Donnerstag früh frei“. Nach den umfangreichen Bohrungen im Spätfrühjahr in diesem Bereich am Rehwischdeich, der eben zu  Verdachtsflächen zählt, wurden die Anomalien geöffnet und am vergangen Freitag im fünften Abschnitt diese Sprengbombe  lokalisiert.

Schienenersatzverkehr und Straßensperrungen

Mit der für morgen ab 10 Uhr  geplanten Bombenentschärfung gibt es sowohl Straßensperrungen wie  auch Einschränkungen im Bahn- und Busverkehr, informiert die Stadt Wittenberge.

Straßensperrungen: Neben den nicht befahrbaren Straßen im Sperrbereich   Wittenberges wird die B189 ab 10 Uhr in dem Bereich Weisener Kreisel bis zur Kreuzung Wittenberge, Bentwischer Weg nicht befahrbar sein.
Der Kreisel ist in und aus Richtung Weisen befahrbar und die Kreuzung Bentwischer Weg in Wittenberge ist in Richtung Stadt, Lindenberg und Stendal ebenfalls befahrbar.

Buslinien: Die Linie 924 Perleberg/Wittenberge wird letztmalig ab Perleberg um 9.40 Uhr und ab Wittenberge um 8.50 Uhr bedient. Danach wird diese Linie gesperrt.
Achtung: Im Stadtgebiet Wittenberge wird diese Linie aber gefahren. Die Haltestellen der Linie 940 im Stadtverkehr werden im Sperrbereich ab 8 Uhr nicht mehr angefahren.

Regionalbahn: Der Bahnverkehr zwischen Perleberg und Wittenberge wird ab 9.40 Uhr ab Perleberg und ab 9.59 Uhr ab Wittenberge eingestellt. Es wird ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Entsprechende Haltestellen befinden sich auf den jeweiligen Bahnhöfen.

Fernverkehr:  Laut Stadt wird der Fernverkehr nach und von Ludwigslust  ebenfalls ab 10 Uhr ersatzlos eingestellt.  Die Pressestelle der Bahn ergänzt, dass  Fernverkehrszüge der Verbindung  Hamburg – Berlin – Halle/Leipzig – Nürnberg –München  in beiden Richtungen über Uelzen und Stendal umgeleitet werden. In Hamburg und ab Berlin müsse deshalb mit Verspätungen von bis zu 45 Minuten gerechnet werden.

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