Weihnachten in Syrien : Zwischen Kirchgang, Kuss und Krippe

Johni Bashkhanji  hat in Aleppo sein Medizinstudium absolviert. Demnächst schließt sich   die Facharztausbildung  bei der KMG an. Er habe  sich gut eingelebt, sagt er. Weihnachten verbringt er mit seiner Frau zu Hause, in Pritzwalk.
Johni Bashkhanji hat in Aleppo sein Medizinstudium absolviert. Demnächst schließt sich die Facharztausbildung bei der KMG an. Er habe sich gut eingelebt, sagt er. Weihnachten verbringt er mit seiner Frau zu Hause, in Pritzwalk.

Johni Bashkhanji aus Syrien über Weihnachtstraditionen in seiner Heimat und warum es in diesem Jahr kein wirklich frohes Fest in Aleppo wird

svz.de von
20. Dezember 2013, 22:00 Uhr

Andere Länder – andere Sitten: Das trifft speziell auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. Unsere Serie „Weihnachten international“ ging bereits ins siebente Jahr. Im letzten Teil für 2013 begeben wir uns heute nach Syrien.

Hört man die Begriffe „Syrien“ oder „Aleppo“, verknüpft man damit nicht unbedingt so liebreizende Themen wie Weihnachtstradition oder Weltkulturerbe. Unterhält man sich mit Johni Bashkhanji, geboren und aufgewachsen im syrischen Aleppo, ändert sich diese Perspektive jedoch schlagartig. Der junge Mann arbeitet seit rund einem halben Jahr als Arzt in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am KMG Klinikum Pritzwalk. Mit seinem einnehmenden Lächeln und in erstaunlich gutem Deutsch, das er sich autodidaktisch aneignete, vermittelt er ein Bild von seinem Zuhause, das mit dem aktuell in Aleppo tobenden Bürgerkriegsszenario so gar nichts zu tun hat.

Stolz ist der 25-Jährige auf seine Heimat, auf das rund 4000 Jahre alte Aleppo, eine Millionenmetropole im Nordwesten Syriens, wichtigste Industriestadt des Mittleren Ostens, 2006 als erster Ort zur Kulturhauptstadt des Islams ernannt, bereits 1986 von der Unesco in die Welterbe-Liste aufgenommen – 2012 im Bürgerkrieg zerstört, im Juni dieses Jahres von der Unesco auf die Rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes gesetzt …

Aleppo und Syrien, damit verknüpfen sich für den Mediziner natürlich auch Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Weihnachten. Familie Bashkhanji gehört dem katholischen Glauben an. Ihre Advents- und Weihnachtstradition ist der deutschen also gar nicht so unähnlich. „Weihnachten ist ein wichtiges Fest für die Familie, aber auch in Syrien insgesamt“, macht Johni Bashkhanji deutlich. Der 25. Dezember ist ein landeseinheitlicher Feiertag. Feierlich wird es aber bereits – wie bei uns – am 24. Dezember. Um 20 Uhr steht der Kirchgang an, etwa zwei Stunden, danach gehen die Familien ins Restaurant oder nach Hause und verbringen den Abend gemeinsam. Es heißt, lange durchhalten, denn um 0 Uhr wünschen sich alle eine frohe Weihnacht und tauschen Küsse aus. Außerdem werden Feuerwerke entzündet. „In dieser Nacht wird auch erst das Jesuskind in die zuvor bereits aufgestellten Weihnachtskrippen gelegt“, erzählt der Syrer. In der Weihnachtsnacht findet zudem die Bescherung statt. „Die Geschenke brachte bei uns immer Papa Noel“, erzählt Johni Bashkhanji.

Eine Woche vor dem Fest stecken die Kinder ihre Wunschzettel in einen Socken. Tradition ist es überdies, dass Kinder und Jugendliche eine Woche vor Weihnachten beim Pfarrer eine Beichte ablegen. Kinder bringen auch gebrauchtes Spielzeug und nicht mehr benötigte Kleidung in die Kirchen. Die Sachen kommen dann zum Fest Bedürftigen zugute. Der eigentliche Feiertag – der 25. Dezember – ist dem Besuch bei Freunden und Bekannten vorbehalten. Auch der Kirchgang ist fester Bestandteil des Tagesprogramms. Zu diesem Gottesdienst wird u. a. Geld gesammelt, das man dann wiederum an ärmere Menschen verteilt. „Viele Leute gehen zum Essen ins Lokal, abends und nachts wird gefeiert und getanzt“, berichtet Johni Bashkhanji. Und: Die Familien kleiden sich eigens zum Fest nagelneu ein. Auch das ist eine alte Tradition.

Jedes Jahr werden bereits Anfang Dezember auf Straßen und Plätzen, in den Häusern und Wohnungen Christbäume aufgestellt, geschmückt und beleuchtet, alles ist festlich dekoriert. „Dieses Jahr ist das – zumindest in Aleppo – nicht so“, sagt Johni Bashkhanji. Die in der Stadt verbliebenen Familien würden dennoch versuchen, wenigstens für ihre Kinder so etwas wie Weihnachten zu organisieren und zu feiern. Viele haben die Region allerdings verlassen, flohen vor der Not und der Todesangst, die mit dem Bürgerkrieg über Aleppo hereinbrach. Johni Bashkhanjis Familie – dazu gehören noch zwei Brüder, Krankenpfleger und Architekt von Beruf, sein Vater, Tischler, und seine Mutter, Hausfrau – setzten sich in den benachbarten Libanon ab.

Flüchtlinge seien letztendlich auch Johni Bashkhanji und seine Frau, Architektin, stellt Dr. Dirk Mielke fest. Der Chefarzt der Anästhesiologie und Intensivmedizin am KMG Klinikum Pritzwalk nahm den Syrer unter seine Fittiche. Per E-Mail bat Johni Bashkhanji bei Dr. Mielke um einen Vorstellungstermin. „Ich merkte relativ schnell, dass der junge Kollege enorm viel Engagement und Eigeninitiative an den Tag gelegt hatte, bevor er mir überhaupt gegenüber saß. Davor habe ich eine hohe Achtung.“ Die Integration ins Ärzteteam habe schnell und unkompliziert funktioniert. Der Neuzugang, so Mielke, sei ein absoluter Teamplayer. Komplizierter hingegen gestaltet sich der weitere berufliche Weg des 25-Jährigen. Dass die Approbation junger Mediziner aus Nicht-EU-Ländern in Deutschland keine 100-prozentige Anerkennung findet, sei ein Ärgernis, sagt Dr. Mielke. „Sie sind in der Regel sehr gut medizinisch universitär ausgebildet, haben ein hohes Niveau.“ Ein Jahr lang hat Johni Bashkhanji Zeit, die entsprechende Prüfung in Deutschland zu absolvieren, die ihm dann auch die Türen zur Facharztausbildung öffnet. So lange arbeitet er unter der Aufsicht des Chefarztes.

Die Spezialisierung zum Anästhesisten, Intensiv- und Notfallmediziner dauert 60 Monate. Diesen Weg hat der junge Syrer fest im Blick. Was kommt danach? Johni Bashkhanji – lächelt: „Das weiß ich noch nicht. Vielleicht gehe ich nach Aleppo zurück – vielleicht bleibe ich aber auch hier.“

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