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Der Prignitzer

22. November 2017 | 21:44 Uhr

Zwischen Kinderspiel und Höllenritt

vom

svz.de von
erstellt am 11.Apr.2013 | 12:33 Uhr

Wittenberge/Gross Woltersdorf | Wittenberge, 8 Uhr: „42 Kilometer. Was sind schon 42 Kilometer?“, hatte ich noch in der Redaktion rumgetönt. „Das ist kein Problem.“ Immerhin bin ich während meines Studiums täglich 20 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren. Also, auf geht’s. Ich bin auf dem Weg zum ESV-Sportplatz in Wittenberge, als ich in der Ferne meine Mitstreiter sehe, mit denen ich auf Sternfahrt nach Groß Woltersdorf gehe. Sie alle sind eingepackt in dicken Sachen, tragen Schal und Mütze. Magere drei Grad zeigt das Thermometer.

Ich fange doch an zu zweifeln. Mein Fahrrad stand den ganzen Winter über im Keller. Was ist, wenn ich nicht mithalten kann? Wenn die Strecke zu anstrengend wird? „Das ist auch meine erste längere Tour in diesem Jahr“, ermutigt mich Christa Hose (73) aus Breese. Ein Zurück gibt es sowieso nicht mehr. Bernd Gerhardt, der uns anführen wird, gibt das Startzeichen. Und wirklich. Es ist ein guter Tag zum Anradeln. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Im gemütlichem Tempo radeln wir durch Wald und Wiesen. In den Dörfern schließen sich uns weitere Fahrer an. Schon bald sind wir mehr als 60 Mann, brauchen fast die ganze Straßenbreite.

Zum Plaudern bleibt Zeit: „Ich bin mit meinem Liegerad schon bis nach Istanbul gefahren“, erzählt mir Herbert Wedel (72) aus Wittenberge. „Was für eine Leistung“, staune ich, denn nach drei Stunden in die Pedale treten, sehne ich mich doch ein wenig dem Ende entgegen. Nach einem Schlussspurt und einem wirklich fiesen Hügel auf den letzten Metern erblicken wir endlich das Ziel. Dort wartet schon mein Kollege Felix Alex auf uns. Naja, der musste ja auch nur zwölf Kilometer fahren.
Lisa Kleinpeter

11.15 Uhr Gross Woltersdorf: Endlich in Groß Woltersdorf angekommen und durch die Hexe begrüßt, erwartete uns und die etwa 300 Radler ein Programm, das sowohl Unterhaltung als auch reichlich Informationen versprach. So waren die meisten Gemeinden mit eigenen Ständen vor Ort, informierten über die anstehenden Veranstaltungen und erhielten dabei tatkräftige Unterstützung durch ihre Maskottchen. So tummelten sich zwischen den Sternfahrern auch immer wieder Königinnen, Marktfrauen, Schmuggler, Füchse und Frösche. Und auch der Perleberger Roland, der mit seinen mittlerweile 515 Jahren und seiner schweren Rüstung noch erstaunlich gut zu Fuß war, ließ es sich nicht nehmen, für diese Großveranstaltung vom Sockel zu steigen.

Und auch die musikalischen Einlagen und ausreichend Stärkung für die Radler durfte nicht fehlen. Abgerundet wurde das Programm durch Gespräche zwischen Gemeinde-Verantwortlichen und Moderatorin Petra Ferch.

Pritzwalk, 10 Uhr: Eine gemütliche Familien-Radwanderung mit Pausen entlang der schönen Landschaft, ist meine Erwartung, als ich eine halbe Stunde vor dem Start zum Pritzwalker Marktplatz fahre. Angekommen verpasse ich den etwas platt wirkenden Reifen schnell noch etwas Luft. Nicht weiter schlimm. Immerhin liegt das letzte Aufpumpen schon fünf Minuten und bestimmt 400 Meter zurück. Aber was soll’s – auch mit einem geborgtem Fahrrad, das augenscheinlich doch nicht ganz so fahrtüchtig ist, wie es sein sollte, werden die vor mir liegenden zwölf Kilometer leicht zu schaffen sein.

Okay, sechs Jahre saß ich nicht mehr im Sattel, aber meine rund 60 Begleiter sind ja auch nur Hobbyradler. Selbst eine Neunjährige fährt mit. Und wenn die das schafft... Ich reiße mich zusammen. Kein Problem, atme durch, alles nicht so schlimm, beruhige ich mich in Gedanken, während Fred Pogalski das Startzeichen gibt.

Ganz anders sieht die Welt nach drei Kilometern und großen Schlucken aus meiner Wasserflasche aus. Während ich den ersten gefühlten Zweitausender erklimme, den meine Mitfahrer – augenscheinlich ebenso dehydriert und keinen klaren Gedanken fassend wie ich – leichtfertig „die Anhöhe da“ nennen, radeln mehrere über 70-Jährige mit den Worten „ein bisschen wenige Luft auf den Reifen was?“ lächelnd leichtfüßig an mir vorbei. Respekt, denke ich neidisch bei mir und bin geneigt, die Schuld meinem altersschwachen Drahtesel zu geben. Zum Glück bleibt es die einzige Steigung, so dass ich doch noch Gelegenheit habe, die Schönheit der Prignitz und der Sternfahrt aufzusaugen. Beim Anblick der Schutzhütte im Ziel, atme ich aber erleichtert durch.
Felix Alex

11 Uhr Gross Woltersdorf: Das Fahrrad geht nach Karstädt, der Lenker an die Knatter. Über den Hauptpreis, das durch die Sparkasse verloste Fahrrad im Wert von 500 Euro, konnte sich die Karstädterin Petra Hinke freuen. Und auch wenn der Gewinn nicht mehr persönlich übergeben werden konnte, ist ihr ein fahrtüchtiges Rad für die kommende Sternfahrt garantiert. Den zweiten Preis, ein Gutschein über 250 Euro für die Anschaffung von Fahrradbekleidung, erhielt Siegfried Kramer aus Lindenberg. Das dieser Ort viele Glückspilze beheimatet, zeigte Platz drei. Denn der Fahrrad-Frühjahrscheck im Wert von 100 Euro geht ebenfalls dorthin. Rainer Knurbien war der glückliche Gewinner. Und auch der Zielort für die kommende Sternfahrt ist bekannt: Der Lenker wurde an die Kleeblattregion übergeben. Im nächsten Jahr geht es also nach Kyritz an der Knatter.

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