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Erste Hilfe : Zwei Schulstunden jedes Jahr ab Klasse 7

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Gymnasiallehrer erhalten Grundausbildung in Reanimation, um das Wissen an Schüler weiterzugeben

von
erstellt am 21.Aug.2014 | 08:00 Uhr

30 Mal kräftig drücken, dazu „Stayin Alive“ summen, zweimal beatmen und dann alles von vorn. Ein Leben zu retten kann kinderleicht sein, wenn man den Mut hat, zu handeln und genau weiß, was zu tun ist. Diese Grundeinstellung erklärte Dr. Thomas Libuda, Notfallmediziner am Perleberger Kreiskrankenhaus, gestern den Lehrern des Wittenberger Marie-Curie-Gymnasiums.

Hintergrund der Aktion: Der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz hat Anfang Juni die Initiative „Pflichtunterricht Wiederbelebung“ befürwortet, so dass künftig deutschlandweit in zwei Schulstunden pro Jahrgangsstufe die Grundlagen in Erster Hilfe gelehrt werden sollen. Weiterhin empfiehlt der Ausschuss den Ländern, ihre Lehrer entsprechend ausbilden zu lassen.

Eingebracht wurde die Initiative von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. „Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Deutschland im Europavergleich sehr schlecht abschneidet, wenn es um die Erste Hilfe geht“, sagt Thomas Libuda. Nur in 15 Prozent der Notfälle würden Laien eingreifen – und damit die Überlebenschance der Patienten verdoppeln bis verdreifachen. Die skandinavischen Länder beispielsweise kommen auf Ersthelferquoten von 60 bis 70 Prozent.

Von den Schulen erhoffen sich die Mediziner vor allem Multiplikatoreffekte. „Zum einen haben wir hier die Chance, Kinder und Jugendliche über sechs Jahre regelmäßig zu schulen. Das sorgt für Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten“, sagt Libuda. Zudem seien Kinder begeisterungsfähig. „Die erzählen dann zu Hause und im Freundeskreis, was sie gelernt haben und wie wichtig das ist. Wir wollen so Aufmerksamkeit für die Wiederbelebung schaffen.“

Zunächst bilden Libuda und seine Kollegen die Lehrer aus, die das relative einfache Grundwissen dann an ihre Schützlinge weiter geben sollen. Dass die Pädagogen selbst Berührungsängste haben, zeigt sich bei der Praxisübung deutlich. Erst mit Libudas Erklärungen und etwas Übung kommt Sicherheit.

„Ich finde es richtig, die Erste Hilfe in der Schule regelmäßig zu üben“, sagt Lateinlehrer Rainer Neumann. Das ist schon aus dem Grund wichtig, um Sicherheit zu bekommen. Außerdem werden so aktuelle Erkenntnisse regelmäßig bekannt, beispielsweise die Tatsache, dass man heute keinen Puls mehr kontrolliert, sondern nur noch die Atmung.“ Seine Kollegin Lena Bender stimmt zu. „Es gibt einfach ein gutes Gefühl, für Notfälle gewappnet zu sein.“

Schulleiter Andreas Giske müht sich ebenfalls an der Übungspuppe. „Wir haben eine Vorbildfunktion. Es geht darum, Hemmschwellen abzubauen und die Kompetenzen in Erster Hilfe über die Jahre, die die Schüler bei uns sind, zu professionalisieren.“

Am 24. September werden die Wittenberger Lehrer das Gelernte an ihre Schüler weitergeben. Am Perleberger Gymnasium läuft die Aktion ebenfalls, und auch die Oberschulen sind mit im Boot.

 

Kommentare:

Lars Reinhold: Auf Notfälle vorbereiten

Seit Jahren maulen Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen über unsinnige Lehrplaninhalte, die direkt  nach der Prüfung in Vergessenheit geraten, weil sie nicht wirklich lebensrelevant sind. Erste Hilfe ist lebensrelevant, und zwar im wortwörtlichen Sinn.

Jeder von uns kann jederzeit in eine Situation geraten, einem anderen Erste Hilfe leisten zu müssen.  Doch die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß – möglicherweise ein Grund, warum die Erste-Hilfe-Quote in Deutschland im  Europavergleich laut Experten erschreckend niedrig ist.

Kinder und Jugendliche sind offen für Neues und haben oft weit weniger Berührungsängste als Erwachsene. Es ist also nur konsequent, dieses Potenzial zu erschließen, sie in Erster Hilfe auszubilden und als Multiplikatoren zu nutzen, die im Freundeskreis und in der Familie erzählen, wie wichtig das Gelernte ist.

Angesichts von rund 1300 Unterrichtsstunden, die ein Gymnasiast im Jahr zu absolvieren hat, sollte uns diese soziale Kompetenz zweimal 45 Minuten pro Klassenstufe wert sein.

 

Hanno Taufenbach: Keine Kernaufgabe
 

Erste Hilfe ist wichtig. Wer sie beherrscht, kann Leben retten. Es ist richtig, wenn Jugendliche darin ausgebildet werden. Es ist falsch, wenn dies in der Schule geschieht.

Den Schulen eine Aufgabe mehr zu übertragen, fällt leicht.  Die Lehrer werden’s richten. Das ist  die gängige Meinung. Dabei klagen  Pädagogen berechtigt, dass Lehrpläne überfrachtet sind. Und  Unternehmer klagen, dass Absolventen,   von   Oberschule und vom Gymnasium, immer schlechter auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet sind. Aber das ist Primäraufgabe der Schulen. Es geht nicht um zwei Stunden. Es geht darum, dass es wieder zwei Stunden sind.   Projekte, Fahrten,  Informationstage etc. – viele Aktivitäten beschneiden den  Stundenplan. Hinzu kommen Ausfall und Vertretung. Das Limit an Stundenverlust ist längst erreicht.

Erste Hilfe kann erlernt werden: In Vereinen, beim DRK, in der Fahrschulausbildung ... Darauf zu drängen, ist Aufgabe der Eltern. Sie haben einen Erziehungsauftrag.

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