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Bomberabsturz überlebt : Zwei an einem Fallschirm

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Horst Hentschel erlebte als 14-jähriger den Absturz eines amerikanischen Bombers bei Quitzow , drei Besatzungsmitglieder überlebten

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erstellt am 21.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Es war der 10. April 1945. Herrlicher Sonnenschein, die Flugzeuge bewegten sich wie kleine Schwäne am Himmel. Bis plötzlich eine Maschine in sich zerbrach. So in etwa beschrieb der Heimathistoriker Albert Hoppe jenen Nachmittag. Horst Hentschel hat ihn in Quitzow hautnah erlebt. Der damals 14-Jährige stand auf dem Hof von Schmiedemeister Telschow. „Das Dröhnen amerikanischer Bomber erfüllte die Luft.“ Von der Basis Old Buckersham, Norfolk, waren sie gestartet. Ihr Ziel: die Luftwaffenerprobungsstelle Rechlin. Als Ausweichziel war übrigens Wittenberge angegeben, weiß Jürgen Freitag. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Luftkrieg über der Prignitz, hat dazu viel auch in Unterlagen amerikanischer Archivbestände recherchiert. Die sogenannten MACR-Berichte, sprich die Einsatzprotokolle der amerikanischen Besatzungen, geben über vieles genau Auskunft.

Die Eisenbahnflaks von Dergenthin und Lindenberg versuchten, die Bomber zu vernichten. Treffer! Horst Hentschel rannte zur Schmiede, um alles besser beobachten zu können. „Ein großer Knall. Ungefähr fünf Meter vor mir schlug ein Rad des Fahrgestells der Maschine mit so einer Wucht auf, dass es auf Giebelhöhe wieder hochgeschleudert wurde. Nicht weit von mir bohrte sich zugleich der Flugzeugmotor förmlich in die Erde“, berichtet der heute 84-Jährige. Getrieben von der Angst, rannte Horst Hentschel zurück zum Haus. Ein ohrenbetäubendes Sausen ließ ihn hier förmlich zur Salzsäule erstarren, wie er erzählt. Es war eine der Tragflächen, die ’runterkam. Und dann sah er sie – zwei Fallschirme, an einem hingen gar zwei Besatzungsmitglieder.

„Die drei – Peter W. Flemming, Edwin J. Jacyna und Charles J. Giano – konnten sich retten“, ergänzt Jürgen Freitag. Drei weitere – Mortan Donaway, Claude M. Clements und John C. Parker – stürzten in den Tod. Parker hatte noch versucht, sich an Flemming festzuklammern, doch die Wucht, mit der sich der Schirm entfaltete, war zu groß. Er verlor den Halt, stürzte in die Tiefe. Die restlichen fünf Besatzungsmitglieder verbrannten im Rumpf der B 24 Liberator. In rund 20 000 Fuß Höhe war die Maschine voll getroffen worden, verlor sofort an Höhe und brach in 4000 Fuß auseinander.

Auf dem Acker zwischen Quitzow und Neu Premslin kam der Rumpf herunter. „Es war ein Bild es Grauens, ein Bild, das sich tief ins Gedächtnis eingemeißelt hat. Die Menschen in der Maschinen waren total verbrannt“, berichtet Horst Hentschel.

Die Leichen wurden zuerst zum Perleberger Fliegerhorst gebracht, dann auf dem Quitzower Friedhof beigesetzt. Später, 1946, erfolgte eine Exhumierung. Die fünf verbrannten amerikanischen Soldaten fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Nationalfriedhof in Arlington, die anderen in Belgien, berichtet Jürgen Freitag. Die drei Überlebenden wurden im Quitzower Spritzenhaus festgehalten und dann zum Perleberger Fliegerhorst gebracht. Hier wurden sie auch medizinisch versorgt, so Freitag. Per Lkw und Bahn ging es dann für sie in Kriegsgefangenschaft.

„Der Beschuss und der Absturz der B 24 waren mit die letzten Luftkriegshandlungen hier“, so Jürgen Freitag. Eine Quitzower Familie habe ihm später einen Sauerstoffbehälter aus nichtrostendem Stahl übergeben, der von der abgeschossenen Maschine stammt. Jenen hatten sie aufgeschnitten und als Hühnertränke bis dato genutzt.

In Horst Hentschel hat Jürgen Freitag einen Zeit-, einen Augenzeugen gefunden. Was er berichtet, deckt sich mit seinen Aufzeichnungen und ist zugleich wieder ein weiteres Puzzleteil. Durch derartige Beiträge hofft er, dass möglicherweise auch noch andere sich erinnern und bereit sind, darüber zu sprechen.  

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