zur Navigation springen
Der Prignitzer

22. November 2017 | 14:10 Uhr

Zusammen lernen: Die Inklusion

vom

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2012 | 07:36 Uhr

Birkenwerder | Mittwoch, 10.30 Uhr, eine Deutschstunde der Klasse 8e an der Regine-Hildebrandt-Schule. Ein paar Mädchen stecken die Köpfe zusammen und kichern, die Jungs geben sich Mühe, möglichst cool auszusehen. Alles ganz normal. Und auch wieder nicht. Da ist ein Junge, der sich etwas schlichter ausdrückt als die anderen. Tom (Name geändert) hat Schwierigkeiten beim Lernen. So geht die Lehrerin zu ihm hin und erklärt die Aufgabe noch einmal mit einfacheren Worten. Das geht, weil sie gemeinsam mit einem Kollegen vor der Klasse steht.

Tom ist einer von 81 Förderschülern an der Gesamtschule. Darunter sind körperbehinderte Mädchen und Jungen, solche mit Verhaltensauffälligkeiten oder Sprachschwierigkeiten, auch Hör- oder Sehbehinderte. Sie alle gehören Integrationsklassen an. Von 23 Schülern haben zwei bis vier einen sonderpädagogischen Förderbedarf. In Klausuren bekommen sie zum Teil andere Aufgaben und werden anders bewertet.

Die Gesamtschule in Birkenwerder gilt als Vorbild. Im Rahmen eines Schulversuchs fusionierte sie mit der Körperbehindertenschule. Das dürfte die Zukunft für einige Bildungseinrichtungen im Land sein. Denn der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Förderbedarf wird flächendeckend eingeführt. Ab 2015/16 sollen alle Kinder mit den Förderschwerpunkten "Lernen", "emotionale und soziale Entwicklung" und "Sprache" einen Platz an einer Grundschule bekommen, später auch solche mit geistigen und körperlichen Defiziten. Damit setzt das Land die UN-Behindertenrechtskonvention um. Aber die Verunsicherung ist groß: Das drohende Aus für die Förderschulen sorgt für heftige Proteste.

Das ehrgeizige Vorhaben wird das Land einiges kosten: Die Schulen müssen barrierefrei werden, es muss Therapieräume und Rückzugsmöglichkeiten geben. Außerdem müssen Stellen für Sonderpädagogen, Integrationshelfer und Sozialarbeiter geschaffen und die Aus- und Fortbildung von Lehrern organisiert werden. Das Bildungsministerium investiert im kommendem Schuljahr zwei Millionen Euro, um den inklusiven Unterricht an 70 Pilotschulen zu erproben. Dazu kommt die Änderung des geltenden Rechts: Das Schulgesetz räumt dem gemeinsamen Unterricht Vorrang ein - allerdings nur, "wenn eine angemessene personelle, räumliche und sächliche Ausstattung vorhanden ist oder nach Maßgabe gegebener Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden kann." Künftig haben Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf einen Rechtsanspruch darauf, gemeinsam mit Kindern ohne Handicaps zur Schule zu gehen.

Brandenburg ist beim Ausbau des gemeinsamen Unterrichts auf einem guten Weg: Von den 16 000 förderbedürftigen Schülern besuchen fast 40 Prozent eine Regelschule. Allerdings werden drei Viertel aller Lernschwachen auf Sonderschulen geschickt. In anderen EU-Ländern gehen "Lang samlerner" oder verhaltensauffällige Kinder generell auf Gemeinschaftsschulen von der ersten bis zur zehnten Klasse. Sie erreichen höhere Schulabschlüsse und haben bessere Berufschancen. Hierzulande schaffen mehr als 90 Prozent der Absolventen nicht einmal die Berufsbildungsreife.

Während manche Eltern ihre Kinder auch weiterhin lieber zur Förderschule schicken wollen, befürchten andere, ihr begabtes Kind würde in einer Integrationsklasse benachteiligt. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der langjährige Schulleiter Hansjörg Behrendt: "Die heterogene Zusammensetzung hebt das Lernniveau." Wenn sie anderen einen Lösungsweg erklären, profitieren leistungsstarke Schüler mehr, als würden sie allein noch mal drei Aufgaben rechnen. Dass er sich von allen Bewerbern immer noch die leichtesten Fälle aussuchen kann, verneint Behrendt: "Wir hatten auch schon einen Spastiker, der kein Wort sprechen konnte. Für ihn wurden die neunte und die zehnte Klasse auf jeweils zwei Jahre gestreckt und er schaffte seinen Abschluss."

Gerade wurde die integrativ-kooperative Ganztagsschule für ihr innovatives Konzept mit dem "Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule" ausgezeichnet. Statt Klassenleiter gibt es "Jahrgangsstufenteams" aus zwei Pädagogen, auch der Fachunterricht findet meist zu zweit statt. Neben 67 Lehrern und zehn Referendaren hat die Schule eine Sozialarbeiterin, eine Physiotherapeutin, zwei Zivildienstleistende und fünf pädagogische Unterrichtshilfen für körperlich und geistig Behinderte. Sie helfen den Kindern beim Auspacken, blättern Buchseiten um oder schreiben das Tafelbild für sie ab.

"Kleine Klassen, tolle Stimmung", das sind die Gründe, warum Ursula Busse ihre Tochter Marleen auf der Schule angemeldet hat. Wichtig sei ihr die Erziehung zur Toleranz und Respekt. Auch der Zwölfjährigen gefällt die Schule: "Hier gibt es keine Gewalt, man hilft sich gegenseitig und geht freundlich miteinander um." Physiklehrer Torsten Herzberg bringt es auf den Punkt: "Hier wird keiner ausgelacht, weil er über den Flur humpelt." Das heißt nicht, dass Tom seine besten Freunde unter den nichtbehinderten Jugendlichen haben muss. Aber er bekommt genau die Hilfe, die er braucht.

Inklusion oder Integration?

Der Begriff „Inklusion“ zielt darauf ab, dass das Bildungssystem von vornherein auf die unterschiedlichen Voraussetzungen aller Kinder eingeht und niemanden ausgrenzt. So müssen sich die Schüler nicht in eine Struktur integrieren, die gar nicht auf sie zugeschnitten ist. Die UN-Behindertenrechtskonvention garantiert Menschen mit Handicaps einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung. In Artikel 24 heißt es: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen