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Der Prignitzer

26. September 2017 | 00:32 Uhr

Zu Gast bei Casanova

vom

svz.de von
erstellt am 21.Nov.2011 | 06:45 Uhr

Plattenburg | Casanova auf der Plattenburg. Ja, Sie lesen richtig. Von jenem venezianischen Chevalier, Herzensbrecher und Verführungskünstler soll hier gesprochen werden. Seine Reisen durch das Europa des 18. Jahrhunderts könnten den Edelmann tatsächlich in die Prignitz geführt haben. Das zumindest ist die kühne These der Gastgeber. Sie haben zu einem Casanova-Abend in den Rittersaal der Plattenburg eingeladen - zu einem üppigen Mahl, das Gaumenkitzel verspricht und eine touristische Premiere im Land Brandenburg darstellt.

Dicke Holzscheite knistern im offenen Kamin. Neckisch die Accessoires auf der festlichen Tafel. Eine Mademoiselle schenkt aus Krügen Perlwein in Gläser ein. "Ein typisches Getränk für die damalige Zeit", sagt Jürgen Schmidt, der als Maitré de Plaisier heute Abend in den Barock und Rokoko entführt. In eine Zeit der Trick serei, in eine Epoche der Täuschung. Passender hätte der Ort kaum gewählt werden können: "Die Säule hat nichts zu tragen, Stuck und Gips an der Decke sind nichts weiter, als ein künstliches Kreuzgewölbe", sagt Schmidt. Auch die Menschen jener Zeit hätten gern getrickst. Waschen war verpönt, Parfüm musste Seife ersetzen, andere Gerüche übertünchen. Aber so genau will es Jürgen Schmidt offenbar nicht nehmen mit der hiesigen Kulisse. Zumindest dringt kein kräftiges Parfüm in die Nasen der rund 30 Gäste - beruhigend.

Was in den nächsten gut vier Stunden duftet, sind die Speisen - frisch zubereitet von Jungkoch David Brand hier auf der Burg. Odövre bilden den Auftakt. Appetithäppchen vom Plattenburger Fisch, gebeizte Entenbrust, Leber vom Fasan. Im zweiten Gang werden Pasteten serviert - Glanzpunkte der feudalen Kochkunst: Hirsch, Gänseleber, Jakobsmuschel, Lachs. Probieren ist ein Muss.

Lecker und delikat ist es fraglos. Ob tatsächlich bei jedem ein Gaumenkitzel einsetzt oder Geschmacksnerven rebellieren, bleit unbeantwortet. Gut möglich, dass barocke Kost nicht jedermanns Sache ist. Einen Versuch ist es alle mal wert.

So wie der gewürzte Wein, den die Mademoiselles großzügig einschenken. Kardamon, Sternanis, Nelken, weißer Pfeffer verleihen ihm ein eigenes Aroma, viel stärker als das eines Glühweins. "Vorsicht", mahnt Schmidt vor allzu großer Trinkfreude, die in Kopfweh münden könnte. Ein durchaus ernst zu nehmender Hinweis, denn diverse Liköre und Brände werden ungefragt gereicht.

Zwischen den Gängen verkürzt Jürgen Schmidt die Wartezeit. Mal lehrreich, mal amüsant, berichtet er vom Hofe des Sonnenkönigs. Von der stundenlangen Ankleidezeremonie am Morgen, vom ausschweifenden Liebesleben des Adels, von üppigen Banketten und fehlenden Toiletten im Prunkschloss Versailles. "600 Piss pagen gab es. Sie waren Männern und Frauen behilflich, wenn sie sich erleichtern wollten." Dass die Burgherren auch in diesem Punkt auf allzugroße Authentizität verzichten, sorgt bei den Damen am Tisch für hörbares Aufatmen - die Toiletten sind geöffnet.

Hausherr René Günther serviert das Hauptgericht: Fasan und zarte Ochsenbäckchen darunter. Wer stöhnend aufgibt, ist fehl am Platze. Noch drei Gänge werden folgen.

Friederike Kuhnt zupft gekonnt die Harfe, wechselt an das Spinett und verzaubert mit ihrer klaren Stimme am Klavier. Beeindruckend ihr barockes Repertoire , es passt hervorragend zu diesem Abend. Aber zugleich ist eine Herausforderung für Gäste, deren Ohren nicht mit Barockklängen vertraut sind. Da kommt ein höfisches Spiel zur rechten Zeit, bezieht alle Gäste mit ein, lockert spürbar die Stimmung auf. Genau wie Anekdoten aus Casanovas Leben, das sich nicht ausschließlich dem schönen Geschlecht widmete.

Seine Reisen durch Europa sind es, die den Verdacht nähren, er könnte hier auf der Plattenburg gewesen sein. Eine Quelle dafür gibt’s nicht, aber die Burg war Poststation auf dem offiziellen Weg von Braunschweig nach Berlin. Diesen ist Casanova nachweislich gefahren. Eine Bekanntschaft mit der Adelsfamilie von Saldern liege ebenfalls nahe, so Jürgen Schmidt.

Die abschließenden Gänge stehen dem kulinarischen Beginn in nichts nach. Das süße Finale fegt jeglichen Gedanken an Diätplan und Body maßindex hinweg. Wir speisen am Hofe, da gelten andere Maßstäbe.

"Dieser Abend soll eine reguläre Veranstaltung werden. Nach unseren Recherchen gibt es so etwas in ganz Brandenburg nicht", sagt Jürgen Schmidt. Burgpächter René Günther möchte den restaurierten Rittersaal viel stärker nutzen als bisher und sieht im Casanova-Abend eine Ergänzung zu den beliebten Tafelrunden. Der Auftakt sei ein Experiment gewesen. "Wir wollten sehen, wie es ankommt, was wir noch verändern müssen", so Günther.

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