Die Elbestadt seit der Wiedervereinigung : Zeitzeugen reflektieren die Wende

Geschichtsstudent stellte Wittenberges Entwicklung nach der Wiedervereinigung in den Mittelpunkt seiner Masterarbeit.

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19. Juli 2015, 08:00 Uhr

Christoph Schüler erkundet gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Folgen der Wiedervereinigung für Wittenberge: Das Thema hört sich ziemlich theoretisch an. Der junge Mann schmunzelt bei dieser Bemerkung: „Natürlich hat meine Arbeit auch einen umfassenden theoretischen Teil“, sagt er. Der Greifswalder studiert in seiner Heimatstadt Geschichte, arbeitet derzeit an seiner Masterarbeit und die befasst sich mit Veränderungen in Wittenberge, bleibt aber bei der Theorie nicht stehen.

Hier in der Stadt hat sich der Student in dieser Woche mit Wittenbergern getroffen, die im Nähmaschinenwerk zum Teil über Jahrzehnte gearbeitet haben. Dann kam die Wende. Der Traditionsbetrieb wurde abgewickelt. Christoph Schüler will wissen: „Wie haben Sie die Situation damals empfunden? Wie sind Sie damit umgegangen?“, bittet der Student Henry Strutz um Auskunft.


„Keine reale Chance“


Strutz war in leitender Position im Nähmaschinenwerk tätig. Er erzählt von der damaligen Hoffnung, der Betrieb könne nach der Wende eine Zukunft haben, von den Bemühungen auf eine Zusammenarbeit mit Pfaff bis hin zur Liquidation. Seine heutige Sicht auf die damalige Entwicklung: „Wenn man es real betrachtet, hatte das Nähmaschinenwerk keine Chance.“ Trotzdem beschäftigt den Mann, der heute in den 70ern ist, die dann folgende Vernichtung der Produktionsgrundlage, wie er es nennt, noch immer.

Strutz sagt, er wie auch die anderen Zeitzeugen, mit denen Schüler sprach, hätten letztlich von der Wende profitiert. Er sei heute zufrieden.

Dass der angehende Historiker sich mit den ehemaligen Nähmaschinenwerkern im Stadtmuseum „Alte Burg“ zusammensetzen konnte, hatte eine besondere Bewandtnis. Und die besteht nicht allein darin, dass er das Haus kennt. Die Freundin von Christoph Schüler stammt aus Wittenberge. Also lag es nahe, hier ein Praktikum zu machen, als ein solches vor etlicher Zeit anstand. Das Stadtmuseum hat in seiner Dauerausstellung einen Schwerpunkt auf das Nähmaschinenwerk gesetzt.

Das war ein Ansatzpunkt. Hinzu kommt die Unterstützung , die Museumschefin Birka Stövesandt gewährt. „Es gehört zum musealen Selbstverständnis, zeitgeschichtliche Nachforschungen zu unterstützen. Das ist Teil unserer Arbeit“, sagt Stövesandt.

Noch schreibt Schüler an seiner Masterarbeit, aber die Grunderkenntnis ist klar: „Als Industriestadt war Wittenberge von den wirtschaftlichen Umwälzungen in Folge der Wiedervereinigung besonders betroffen. Die Erfahrung des massenhaften Arbeitsplatzverlustes wurde zu einer prägenden Erfahrung innerhalb der Gesellschaft.“ Trotz großer Bemühungen sei es letztlich nicht gelungen, Wittenberge nachhaltig als Industriestandort zu erhalten. Der demographische Wandel stelle zusätzlich eine große Herausforderung dar, zog der Student als Fazit. 

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