Kindesmissbrauch : Wütend über dieses milde Urteil

<p> </p>

 

Vater bekommt Bewährung nach dem Missbrauch seiner Tochter

von
05. September 2015, 08:00 Uhr

Fassungslos halten Sabine Schumacher und Susann Bil-Hermann den „Prignitzer“ in ihren Händen. Immer wieder lesen sie das Urteil im Fall des Kindesmissbrauchs durch einen Wittenberger Vater. Sie können es nicht glauben, obwohl sie am Mittwoch im Gerichtssaal dabei waren, als Richterin Sandra Marcks das Urteil verkündete: zwei Jahre auf Bewährung.

Sie sind wütend, traurig, enttäuscht und ihnen kommen Zweifel. Ihr Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat bröckelt. Sabine Schumacher und Susann Bil-Hermann leiten das Frauenhaus in Wittenberge. Sie kennen die Familie. Mutter und Tochter fanden bei ihnen Obhut.

Das missbrauchte Mädchen ist dreieinhalb Jahre alt. Als vor vier Monaten der Vater verhaftet wurde, kam sie mit der Mutti ins Frauenhaus. „Die Kleine wog zwölf Kilo, sprach nicht. Sie hatte nicht einmal Mimik, zeigte keine Regung“, erzählt Sabine Schumacher.

Das Mädchen macht in die Hose, isst kaum und manchmal würgt sie das Gegessene sofort wieder heraus. „Wenn sie einen Fremden sah, zum Beispiel einen Handwerker, begann sie zu zittern, weinte, ihre Lippen bebten“, schildert Susann Bil-Hermann. Mehrfach habe sie das mit angesehen.

Vier Monate intensive Betreuung, Kindertherapie, Sprachschulung zeigen erste Erfolge. Sie hat in dieser kurzen Zeit fünf Kilo zugenommen und was fast noch schöner sei: „Sie kann wieder lächeln“, sagen die Frauen und zeigen ein Foto, auf dem ein zauberhaftes Mädchen den Betrachter anlächelt.
 


Eindeutige Fotos


Es gibt andere Fotos von dem Mädchen. Fotos, die der Vater gemacht hat, die Schändliches dokumentieren. Bilder, die der Staatsanwawalt gesehen haben muss. Auch Susann Bil-Hermann und Sabine Schumacher kennen diese Bilder. Sie sprechen von pornografischen Motiven, von Nahaufnahmen.

Sie ringen mit sich, noch mehr Details preiszugeben, schütteln aber dann den Kopf und belassen es dabei. Stattdessen stellen sie Fragen: Warum wurde kein Zeuge vor Gericht gehört? Kein Polizist, kein Arzt, kein Psychologe? Warum wurde nicht die Mutter in den Zeugenstand gerufen? Wollte sie niemand hören? „Warum hat man uns nicht befragt?“, sagen die Frauen und Wut schwingt in ihren Stimmen mit. Noch beim Haftrichter sprach der angeklagte Vater von 24 Fällen, in denen er seine Tochter missbraucht habe. Später widerrief er sein Geständnis. Vor Gericht spielten nur noch neun Fälle eine Rolle.

Das geringe Strafmaß sei auch ein Ergebnis von Absprachen zwischen Staatsanwalt, Gericht und dem Angeklagten. Er sei geständig, habe Reue gezeigt, sei nicht vorbestraft. Zwei Jahre Haft wären möglich gewesen und verdient, meinen Sabine Schumacher und Susann Bil-Hermann. „Hätten Richter und Staatsanwalt das Mädchen gesehen, sie erlebt, wäre das Urteil ein anderes gewesen“, sind sie beide überzeugt.

Seit 25 bzw. seit 14 Jahren arbeiten sie im Frauenhaus, haben viel Leid gesehen, aber dieser Fall sei in seiner Dimension außergewöhnlich. Sie glauben nicht, dass es nur die neun gestandenen Fälle waren, während die Mutter nicht daheim war.

„Das Kind hat zwischen den Eltern geschlafen“, sagen sie. Diese und andere Erkenntnisse hätten wohl vor Gericht keine Rolle gespielt, „aber dafür war der Fall sehr schnell abgearbeitet“, sagt Sabine Schumacher.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen