Würgen, Schläge, Drohungen

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19. September 2012, 07:10 Uhr

Perleberg / Frehne | Der Fall: Seit gestern muss sich der 48-jährige Michael A. aus Baden-Württemberg vor dem Amtsgericht Perleberg verantworten. Ihm wird vorgeworfen, sich zwischen Februar 2008 und April 2010 in sieben Fällen einer Körperverletzung und in einem weiteren Fall einer Freiheitsberaubung schuldig gemacht zu haben. Die Taten sollen jeweils zum Nachteil von Zöglingen einer Jugendhilfeeinrichtung in Frehne begangen worden sein.

Der Verein "Kinder und Jugendliche ohne Grenzen" betreibt die Jugendhilfeeinrichtung in Frehne. Der Angeklagte ist nicht nur Vorstandsmitglied des Vereins, sondern teilt sich den Vorsitz mit einem weiteren Mitglied. Zudem gehören ihm sowie einer weiteren Person die Immobilie in Frehne. Schon vor zehn Jahren, so erklärte er gestern der Vorsitzenden Richterin Christine Kirbach, sei die Jugendeinrichtung in Frehne geplant gewesen, dafür habe er extra das Haus umgebaut. Für die Betreuung von sechs Jugendlichen gebe es eine Betriebserlaubnis. Vorwiegend gehe es um die Betreuung von Schulverweigerern bzw. -versagern, aber man nehme auch Jugendliche mit anderen Problemen auf, erklärte der Angeklagte auf Nachfrage.

Michael A., gelernter Klavierlehrer, der nach eigenen Angaben auch zehn Semester Medizin studiert hat, war als Erzieher in der Frehner Einrichtung tätig, bis 2010 schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben, das Perleberger Jugendamt aktiv, die Zöglinge aus der Einrichtung genommen wurden. Seinerzeit erklärte sich der Angeklagte bereit, von seiner Arbeit als Erzieher zurückzutreten, bis die Vorwürfe geklärt seien. Er sei derzeit mit organisatorischen Aufgaben des Vereins betraut und in dieser Funktion habe er hin und wieder in Frehne zu tun. In der Einrichtung würden seit vergangenem Jahr wieder Jugendliche betreut, die Betriebserlaubnis sei nie entzogen worden, bekräftigte Michael A. gestern vor Gericht.

Während für einige der damals geäußerten Vorwürfe laut Staatsanwaltschaft der Tatverdacht nicht ausreichte, in anderen Fällen die Schuld nur gering gewesen sei und sie deshalb eingestellt wurden, muss sich Michael A. nun in acht konkreten Fällen vor Gericht verantworten. So soll er einen Jungen, weil er ihn beim Rauchen erwischte, mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen haben. Der Angeklagte bestreitet das, er sei viel mehr von dem jungen Mann beleidigt worden, weshalb er ihn geohrfeigt und auf sein Zimmer geschickt und ihm das Abendessen habe dorthin bringen lassen. Später habe er sich dafür entschuldigt.

In einem zweiten Fall soll Michael A. bei einem Sommerurlaub in Slovenien von einem Zögling beleidigt worden sein und habe ihn zur Strafe mit einer Hand am Hals gepackt und mit der anderen mehrfach ins Gesicht geschlagen. Auch das stellte der Angeklagte gestern völlig anders dar. Vielmehr habe der Jugendliche ihm mehrfach den Kopf in den Bauch gerammt, weshalb A. ihn auf einen Stuhl gezerrt und zum Aufhören aufgefordert habe.

Völlig unrichtig sei der Vorwurf, er habe einen geistig behinderten jungen Mann mit dem Gürtel mehrfach heftig auf das nackte Gesäß geschlagen, weil dieser einem Bauarbeiter eine Flasche Bier gestohlen haben soll. Der Angeklagte schilderte den jungen Mann gestern viel mehr als jemanden, der dringend psychologische Betreuung gebraucht hätte.

Der Verein habe sich seinerzeit nach einer Anfrage der Arbeiterwohlfahrt Mannheim bereit erklärt, ihn vorübergehend aufzunehmen, nachdem er für eine weitere Betreuung in Polen nicht mehr tragbar gewesen sei. "Das hätten wir nicht machen dürfen", erklärte Michael A., zumal man zunächst keine vollständige Akte gehabt habe, es dann zudem lange gedauert hätte, bis es einen Termin und entsprechende Untersuchungen gegeben hätte.

Auch einen weiteren schweren Vorwurf bestritt der Angeklagte, nämlich dass er den gleichen Heimbewohner wegen des Diebstahls eines Schlüssels zu einem Holzklotz gezerrt und vorgetäuscht habe, ihm mit einem Beil die Hand abzuschlagen. Das wäre schon daran gescheitert, dass er spontan gar nicht an ein Beil gekommen wäre, denn solcherlei vor allem nicht ungefährliche Werkzeuge lägen in Frehne unter Verschluss bzw. verstecke der Hausmeister.

Die öffentliche Verhandlung geht am 29. September weiter. Dann werden auch die ersten Zeugen befragt.

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