Diskussion um den Wolf : Wölfe bedrohen die Weidehaltung

Dominik Tempel will den Wolf nicht ausrotten, aber die Nutztierherden müssen vor dem Raubtier geschützt werden, fordert er.
Foto:
1 von 2
Dominik Tempel will den Wolf nicht ausrotten, aber die Nutztierherden müssen vor dem Raubtier geschützt werden, fordert er.

Landwirt Harten verliert ein Kalb. Mitarbeiter Dominik Tempel hat zwei Wölfe an der Herde gesehen und fordert die Politik zum Handeln auf

von
24. Mai 2017, 12:00 Uhr

Sie haben vom Wolf gehört, von Rissen in der Prignitz, vom Disput über den Umgang mit dem Raubtier. Nur sie selbst hatten den Wolf nicht auf dem Plan, als Lehrling Dominik Tempel das tote Kalb morgens auf der Weide fand. „Dass ein Kalb stirbt, kommt schon mal vor. Die Innereien waren aufgefressen. Ich dachte an Füchse oder Kolkraben“, sagt Dominik Tempel, der auf dem Hof Harten in Uenze arbeitet.

Wer Hartens besucht, muss das Dorf durchfahren, am Ende der Straße ein Sackgassenschild passieren und die letzten knapp eineinhalb Kilometer auf einer staubigen Sandpiste zurücklegen, bevor das Fachwerkhaus fast wie aus dem Nichts auftaucht. Links und rechts Weideland, Rinder grasen. Hätte man nicht erst zehn Minuten zuvor Perleberg passiert, könnte die Idylle gut und gern irgendwo in der Wildnis liegen. So muss man sich wohl Wolfsland vorstellen.

Erst als Dominik Tempel am gleichen Tag abends vom Sport kommt, weiß er, dass seine Vermutung falsch ist. „Die Herde wirkte unruhig und war laut. Ich ließ den Hund raus, aber auch der hat nur gebellt und hielt Abstand.“ Dann sah er sie: Zwei Wölfe im Licht seines Autos, knapp 400 Meter vom Gehöft entfernt. Das war vor rund vier Wochen.

Dieses 14 Tage alte Kalb hat vermutlich ein Wolf gerissen.
Foto: Dominik Tempel
Dieses 14 Tage alte Kalb hat vermutlich ein Wolf gerissen.
 

Der Schreck war groß. Solch imposante Raubtiere hatte er in freier Natur noch nicht gesehen. „Damit war mir aber klar, dass sie in der Nacht zuvor das Kalb gerissen hatten.“ Diese Vermutung habe der Wolfsexperte vom Landesumweltamt am nächsten Tag geteilt. Er sei gleich gekommen, habe den Kadaver untersucht. Die Art der Verletzungen, der Abstand der Zähne – alles passe zu einem Wolf. Auch eine Fährte im Sand etwas abseits fand sich. „Eine Speichelprobe soll Gewissheit bringen, wir warten auf das Ergebnis“, sagt Tempel, der für den Hofbesitzer Heinrich Harten spricht.

Wir sitzen in der Küche. Auf dem Tisch liegen Infobroschüren und ein Verkaufsprospekt. Hartens beginnen, sich ernsthaft mit dem Wolf zu befassen. Sie halten in zwei Herden 95 Mutterkühe gemeinsam mit Bullen ganzjährig auf der Weide. Deshalb gebe es keine begrenzte Zeit für die Kalbung, sondern Jungtiere werden das ganze Jahr über geboren. Davon habe ihnen der Wolfsexperte abgeraten.

Ein Vorschlag, den Hartens ablehnen. Er passe nicht zu ihrer Philosophie. Ein Wolfszaun wäre eine zweite Empfehlung. „Zehn Kilometer lang müsste er bei unserem Weideland sein“, haben sie ausgerechnet. 1,20 Meter hoch und vier Querdrähte soll er laut Empfehlung haben. „Das ist nicht finanzierbar“, sagt Tempel.

Die Politik müsse das Problem lösen. Wie allerdings die Lösung aussehen kann, ist auch ihm unklar. Konsequentes Abschießen lehnt er nach kurzen Überlegen ab. „Wir müssen den Wölfen Grenzen aufzeigen, sie und nicht unsere Tiere einzäunen.“ Vielleicht könnte man die Wölfe in klar definierten Schutzzonen halten. „Werden Tiere woanders gesichtet, dürfen sie geschossen werden“, meint er. Oder zumindest sollte man sie mit Gummigeschossen vertreiben.

Keinesfalls dürfe bei der hohen Nutztierdichte in Brandenburg der Wolf ein täglicher Gast werden. „Ein totes Kalb bringt uns einen Verlust von 800 bis 1000 Euro“, rechnet Dominik Tempel vor. Dabei habe er die anfallenden Kosten für das Muttertier noch gar nicht mit einbezogen. „Ein Kalb pro Tier und Jahr. Das ist die wirtschaftliche Grundlage unseres Hofes und die wird durch den Wolf gefährdet.“

Sie wissen noch nicht, was sie tun werden. Erst einmal abwarten, ob das Land ihnen eine Entschädigung zahlt und wenn ja, wie hoch diese ausfallen wird. Eine erneute Wolfssichtung hatten sie noch nicht wieder. Aber Hartens und Dominik Tempel wollen die Augen offen halten.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen