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Der Prignitzer

21. November 2017 | 02:11 Uhr

Prignitzer Serie : Wo liegt denn der Tschad?

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Redaktionsleiter Hanno Taufenbach begleitet Eldenburger Urban Britzius nach Am Nabak – ein weiter Weg

von
erstellt am 16.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das arme afrikanische Land – einst selbst bezeichnet hat, betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In dieser Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit vor Ort zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in umliegenden Dörfern baute.

 

 

„Amsterdam oder Paris?“, fragt mich die junge Frau am Schalter auf dem Flughafen in Hamburg. „Paris und weiter nach N'Djamena.“ „Mit dem Zug weiter?“ Erst glaube ich, mich verhört zu haben, aber sie fragt mich noch einmal. „Nein, mit dem Flugzeug in den Tschad.“ Wo das liege, will sie jetzt wissen. „Afrika“, sage ich und meine, ein Lächeln der Erkenntnis über ihr Gesicht huschen zu sehen. Offenbar hat ihr Computer zeitgleich die Antwort gegeben. Das fängt ja gut an.

Ich schaue meinem Rucksack hinterher und hoffe inständig, dass sie ihn bis N'Djamena durchgecheckt hat und nicht nur bis Paris. Lächelnd reicht sie mir die Bordkarte. „Bon voyage.“ Ich lächle etwas halbherzig zurück und schiele fix auf meine Bordkarte. Alles okay, mein Rucksack müsste mit mir heute Abend gemeinsam ankommen.

Der A 330 in Paris ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Selbst in der Business- und der Firstclass gibt es keine freien Plätze mehr. Unter ihnen Arbeiter einer Ölfirma, die im Tschad bohren. Urban kennt sie, grüßt herüber.
Sanft und pünktlich setzt unsere Maschine auf dem Boden auf. So weit ich das in der Dunkelheit erkennen kann, ist das Flughafengelände groß, unterscheidet sich anfangs nicht von einem europäischen Airport. Modernste Busse bringen uns zur Flughafenhalle. Erstes Anstehen. Zwei mit Mundschutz bekleidete Männer halten uns ein Fieberthermometer vor die Stirn. Eine Vorsichtsmaßnahme nach der Ebolaepidemie in Westafrika. Im Tschad gab es bisher keinen einzigen Krankheitsfall. Auch wir haben kein Fieber, müssen aber noch die Hände desinfizieren. Ein Gel wird uns auf die Handflächen gespritzt. Zweites Anstehen. An der Passkontrolle muss jeder vier Finger seiner rechten Hand auf einen Scanner legen, dazu für ein Foto in eine Kamera schauen. Ich mache es wie die 20 Leute vor mir, aber das reicht dem Beamten nicht. Es folgen der rechte Daumen, die Finger der linken Hand, der linke Daumen. Fragend blicke ich zu Urban, doch der zuckt nur mit den Schultern, legt seine linken Finger auf den Scanner und darf passieren. Die Amerikaner haben diese Technik installiert. Ihr Datenhunger scheint ungebremst.

Drittes Anstehen. Jetzt möchte jemand von der Gesundheitsbehörde unseren Impfpass sehen, ob wir gegen Gelbfieber geimpft sind. Bin ich, der Stempel ist noch ganz frisch. Viertes Anstehen. Nochmals werden unsere Pässe durchgeblättert, die Visa angeschaut. Auf mein chinesisches Visum schaut der Polizist etwas länger, gibt mir dann den Pass zurück.

Hinter der Tür rattert ein ausgefranstes Gepäckband. Kurz denke ich an die Schalterdame von heute früh zurück, aber da sehe ich erleichtert meinen blauen Rucksack. Urbans gelber, zerschrammter Koffer liegt direkt dahinter. Dann kann es ja los gehen. Nein, doch noch nicht. Fünftes Anstehen. Unser gesamtes Gepäck wird noch einmal durchleuchtet. Geschafft. Wir verlassen die Flughafenhalle, die kleiner als das Wittenberger Festspielhaus ist, und stehen in der 19 Grad warmen Nachtluft vom N'Djamena.

Auf der anderen Straßenseite wartet eine Menschenmenge. Jeder will jemanden abholen. „Aus Sicherheitsgründen lassen sie seit Monaten nur noch Passagiere in die Halle“, erklärt Urban und winkt zu Mahamat herüber. Urbans rechte Hand holt uns ab. Vorbei an Jeeps, an deren Türen ich Aufkleber verschiedener Hilfsorganisationen sehe, erreichen wir unser Auto. Ein Toyota Hilux. Ich lächle, ist es doch mein Lieblingsauto, mit dem ich gerne im südlichen Afrika durch den Busch fahre. Wir hieven unser Gepäck auf die offene Ladefläche des Pickups, steigen ein. Bis zum Hotel sind es knapp fünf Minuten.

Unsere Zimmerschlüssel liegen bereit. Während ich den Anmeldebogen ausfülle, begrüßt Urban so ziemlich jeden, der vor oder hinter der Rezeption steht. Hände werden geschüttelt, Worte gewechselt, es wird gelacht. Ich verstehe kaum ein Wort, sie sprechen französisch miteinander. „Seit neun Jahren fahre ich in dieses Hotel, wir kennen uns“, sagt Urban. Dass er in der Hotelbar fast unaufgefordert sein kaltes Tonic bekommt, wundert mich nicht mehr. Ich nehme zum Abschluss dieses Tages ein Bier.

 

 

 

 

 

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