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Neues Angebot für Berufsorientierung : Wittenberge bleibt außen vor

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Schüler müssen nach Pritzwalk fahren, obwohl hier dieselben Ausbildungsvoraussetzungen herrschen / Wie kommt diese Posse zustande?

Geldverschwendung, einseitige Entscheidung, Ignoranz Wittenberge gegenüber. Die Vorwürfe gegen die Handwerkskammer Potsdam wiegen schwer. Sie führt in der Prignitz für rund 90 Flüchtlinge berufsorientierende Praktika durch. Alleiniger Partner ist die Bildungsgesellschaft Pritzwalk. Auch die rund 50 Schüler am Oberstufenzentrum (OSZ) Wittenberge werden nach Pritzwalk gefahren, obwohl nur 500 Meter von ihrer Schule entfernt das Berufliche Bildungszentrum (BBZ) mit gleichem Profil liegt. Das wirft Fragen auf.

Das OSZ war in die Entscheidung nicht eingebunden. „Wir haben an beiden Standorten in Wittenberge und Pritzwalk Flüchtlingsklassen“, sagt Schulleiter Jan Meyerhoff. Er hätte beide Bildungsträger beteiligt. „Allein aus Kostengründen liegt das doch nahe“, sagt er. Dass Wittenberger Schüler jetzt am BBZ vorbeifahren, könne er nicht verstehen. Erfahren habe er davon auf einer Schulleitersitzung, an der die Handwerkskammer und die Bildungsgesellschaft teilnahmen.

Die Handwerkskammer kann keinen Fehler erkennen. Präsident Robert Wüst sei in das Projekt nicht eingebunden, sagt der Pritzwalker auf Anfrage und verweist auf das Ausbildungszentrum in Götz. Dessen Schulleiter Tilo Jänsch, zugleich Geschäftsführer der Handwerkskammer Potsdam, gibt sich wortkarg. Es handele sich um ein bundesweites Pilotprojekt, finanziert vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Dieses habe gebeten, inhaltlich gegenüber der Presse noch keine Aussagen zu tätigen. Er könne aber bestätigen, dass das Projekt bewilligt ist und sich die Kammer für die Bildungsgesellschaft als Partner entschieden habe. „Wir haben einen Partner gesucht, der möglichst zentral liegt und Erfahrungen mit Flüchtlingen hat“, sagt er. Beides sei bei der Bildungsgesellschaft der Fall. Außerdem sei sie eine vom Bundesamt für Migration (BAMF) anerkannte Ausbildungsstätte. Der Geldgeber habe diese Entscheidung mitgetragen. Eine Ausschreibung habe es nicht gegeben.

Alle Argumente sprechen genauso für das BBZ: „Auch wir sind durch das BAMF anerkannt, bieten handwerkliche Ausbildungsberufe an und haben sogar schon mehr Kurse und Erfahrungen mit Flüchtlingen als die Pritzwalker Kollegen sammeln können“, sagt BBZ-Geschäftsführerin Nicole Goerke. Sie frage sich, was die Kammer unter zentraler Lage verstehe, wenn die Mehrheit der betroffenen Schüler das OSZ in Wittenberge besucht.

Die Prignitz gehe einen Sonderweg, denn eigentlich müssen alle Schüler ins Handwerkerzentrum nach Götz fahren. Da sei Pritzwalk günstiger, erklärt Tilo Jänsch. Im Falle des BBZ hätten die Pritzwalker fahren müssen. Beide Bildungsträger habe man nicht in Betracht gezogen, da bereits mit der Zusage für Pritzwalk das Bundesinstitut eine Ausnahme mache. Falls das Projekt verlängert werde, könne neu entschieden werden, so Jänsch. Auf Anfrage spricht das Bundesinstitut nicht zwingend von nur einem Partner. Die Auswahl habe die Kammer treffen dürfen. „Eine Ausschreibung des Kooperationspartners war nicht notwendig“, teilt Guido Kirst, Leiter Berufsorientierung, mit. Finanziell erhält die Kammer einen Festbetrag von 750 Euro je Teilnehmer. Davon müssen alle Kosten, einschließlich der Fahrt, abgedeckt werden. Ziel sei, dass die Jugendlichen vier verschiedene Berufsbereiche des Handwerks bei der Werkstattarbeit kennen lernen und realistische Vorstellungen zu beruflichen Anforderungen entwickeln. Wittenberges Bürgermeister, Oliver Hermann, zeigt wenig Verständnis für das Verfahren. „Ich bin enttäuscht, dass das BBZ nicht mal eine Chance bekam, sich anzubieten.“ Die Leistungen des BBZ müssten der Kammer genauso bekannt sein, wie die der Bildungsgesellschaft. „Ebenfalls bekannt ist, dass in Wittenberge und Perleberg weit mehr Flüchtlinge wohnen, als in Pritzwalk. Auch dieser Aspekt hätte Beachtung finden sollen“, so Hermann. Noch deutlicher wird der Vorsitzende der Wirtschaftsinitiative Westprignitz: „Beide Bildungsträger sind Mitglied bei uns, eine Kooperation wäre sinnvoll gewesen. Wir selbst achten darauf, dass es fair und gerecht zugeht“, sagt Lutz Lange. Gegen diesen Grundsatz habe die Kammer mit ihrer einseitigen Entscheidung verstoßen. Außerdem gebe sie völlig unnötig öffentliche Fördermittel für Fahrtkosten aus, die nicht notwendig seien.

 

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erstellt am 14.Apr.2017 | 21:00 Uhr

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