Karstädter Ehrenamtler : „Wir sind traurig, dass er aufhört“

Die Jungs sind traurig, dass Jonas (vorn) aufhört. Hin und wieder wird er aber doch noch vorbeischauen und Sozialarbeiterin Cornelia Koch (hinten) unter die Arme greifen.
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Die Jungs sind traurig, dass Jonas (vorn) aufhört. Hin und wieder wird er aber doch noch vorbeischauen und Sozialarbeiterin Cornelia Koch (hinten) unter die Arme greifen.

Nach 18 Monaten gibt Jonas Schröder sein Ehrenamt in Karstädt auf. Sein Fazit: Klima für Integration in der Gemeinde ist sehr gut.

svz.de von
13. Mai 2017, 12:00 Uhr

Ferienfreizeiten, Wochenendaktionen und Deutschunterricht: Nicht nur die Flüchtlingskinder in Karstädt, auch viele Ehrenamtler haben Jonas Schröder viel zu verdanken. Über 18 Monate hat der 17-jährige Karstädter das Treiben mit gestaltet, hat Schwarzlicht-Theater mit den Kindern inszeniert, Sitzblöcke gebaut und Fahrradtouren geleitet. Nun muss sich der junge Mann von seinen Jungs und den Kolleginnen rund um Sozialarbeiterin Cornelia Koch verabschieden. Denn Jonas will sein Abitur am OSZ in Wittenberge gut machen. „Und das ist dann schon ein größerer Aufwand als vorher in der Oberschule“, sagt der junge Ehrenamtler.

Er war noch nicht ganz 16 Jahre alt, da wollte er schon mit anpacken, war aber für ein offizielles Ehrenamt noch zu jung. Über Cornelia Koch kam er zur Gemeinde. Als er endlich das passende Alter hatte, bewarb er sich bei der Jugendhilfe Nordwestbrandenburg für eine 20-Stunden-Stelle und konnte sein Ehrenamt in Karstädt starten. Freizeit und Wochenenden hat er hergegeben, um im Team etwas bewegen zu können, Verständigung zu schaffen und den Kindern das Ankommen zu ermöglichen. Dabei sind wahre Freundschaften entstanden. Seine Kreativität ist berühmt geworden. Einmal fehlte es an Bastelmaterial, erinnert sich Cornelia Koch. Und Jonas habe zu den Kindern gesagt: „Bringt einfach ein paar alte Schuhe mit, die malen wir bunt an und pflanzen Blumen rein“. Ein anderes Mal kam ein Kind mit einem Fahrrad zur Radtour, ohne Licht und mit einem platten Reifen. Wo vielleicht mancher Erwachsene aus der Haut gefahren wäre, behielt Jonas immer die Ruhe und griff zum Schraubenschlüssel. „Das ist meine Tiefenruhe in schwierigen Situationen“, sagt er schmunzelnd. Und mit dieser Art konnte er den Flüchtlingskindern ein echtes Vorbild werden. Man sieht es an dem zehnjährigen Abdullah aus Syrien: „Ich hatte Deutschunterricht, Mathe und Sachkunde bei Jonas“, sagt der Junge, der seit zweieinhalb Jahren mit seiner Familie in Karstädt lebt. Die Noten werden immer besser, verrät Jonas. „Besonders Mathe kannst du sehr gut“, sagt er als Lehrer zu seinem Schützling und klingt dabei eher wie ein großer Bruder und guter Freund. So wie die meisten Kinder in seinem Alter findet Abdullah Mathe zwar eigentlich schwer, „aber bei ihm hab’ ich das immer verstanden“, sagt er zu Jonas. Schimpfen musste er mit seinen Schützlingen nie, sagt er. „Ich habe nicht erlebt, dass einer nicht will. Es ist alles auf freiwilliger Basis, die Eltern sind hinterher, dass ihre Kinder zum Unterricht gehen.“

Woher hat der Ehrenamtler sein Unterrichtstalent? „Ich habe an der Oberschule Lehrer nach Materialien und Arbeitsblättern gefragt, selber im Internet recherchiert“, und sich mit seiner Mentorin kurzgeschlossen. Lehrer werden möchte er trotzdem nicht. „Ein paar Kinder auf einmal, das schaffe ich. Aber eine große Rasselbande alleine eher nicht“, gibt er freimütig zu.

27 Flüchtlingskinder werden heute in der Gemeinde betreut. In der Zeit, in der die ersten Syrer kamen, machte eine Facebook-Seite Stimmung dagegen. Bei „Karstädt WEHR DICH“ wurde mit Begriffen wie „Asylwahnsinn“ umhergeworfen. Von manchen anfänglichen Berührungsängsten sei heute nichts mehr zu spüren, sind sich Jonas und Cornelia Koch einig. „Das Klima in Karstädt ist ein ganz tolles“, meint die Sozialpädagogin.

Auch wenn Jonas noch nicht so ganz weiß, in welche Studienrichtung es ihn nach dem Abi verschlagen könnte, steht für ihn fest: „Ich komm’ danach wieder zurück in die Prignitz.“

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