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Ist die Prignitz lebenswert? : „Wir sind auf Augenhöhe mit Neuruppin“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

WGW-Geschäftsführer Torsten Diehn sieht Probleme, aber keine sterbende Region Prignitz. Die Aussagen der Studie zu Neuruppin haben faden Beigeschmack.

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erstellt am 21.Jan.2017 | 05:00 Uhr

Kein privater Hausbau, gedrosselte öffentliche Investitionen? Diesen Empfehlungen der Studie von Professor Harald Simons folgt Torsten Diehn nicht. Der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Wittenberge (WGW) spricht im Interview mit Redakteur Hanno Taufenbach von verantwortungslosen Äußerungen und einer Realität, die mit der Studie nicht konform geht.

Herr Diehn, was war Ihr erster Eindruck nach dem Lesen der Studie?

Torsten Diehn: Dass sich die Menschen nicht so verhalten, wie manche Wissenschaftler meinen.

Aber der Studie liegen offizielle Statistiken zu Grunde?

Auf wissenschaftlicher Ebene mag sie nachvollziehbar sein, aber sie repräsentiert nicht die Ableitungen für die Wirklichkeit.

Wie sehen Sie denn die Wirklichkeit?

Wir stehen seit den 90er Jahren unter extremen Anpassungsdruck, weil die Bevölkerung schrumpft. Sie nimmt auch weiter ab, aber nur bedingt durch die Altersstruktur. Wir haben Zuzug, was für unsere Attraktivität spricht. Mit seinen Äußerungen unterstellt Professor Simons vier Fünftel der Bevölkerung von Prignitz und Ostprignitz-Ruppin, dass sie auf verlorenen Posten stehen.

Sie meinen seine Warnung vor einem privaten Hausbau und dem drohenden Zusammenbruch der Wasserversorgung im rbb-Interview?

Ja, diese Aussagen sind unverantwortlich. Das ganze wirkt wie Boulevardjournalismus.

Aber wir haben Leerstand in der Stadt, Ihr eigenes Unternehmen betreibt Rückbau. Wir können doch nicht so tun, als wäre die Welt in Ordnung.

Klar gibt es Probleme, und mit dem Rückbau reagieren wir und andere Vermieter auf die Entwicklung. Aber genauso investieren wir in Sanierung und Sicherung von Gebäuden.

Nur ein Beispiel. Die Goethestraße 7 werden wir mit erheblichen Summen sanieren, bekommen dafür eine hohe Förderung. Glaubt man der Studie, würde das Land verantwortungslos handeln. Und der von Ihnen angesprochene Leerstand ist im städtischen Erscheinungsbild in den Hintergrund getreten.

Simons Zahlen sprechen aber eindeutig für die Schwarmstädte und nicht für die Prignitz.

Wenn Schwarmstädte zu voll und zu teuer werden, kommt die Flucht zurück aufs Land. Das ist eine bekannte Wellenbewegung. Außerdem erreichen wir von Wittenberge und Perleberg aus mehr Schwarmstädte binnen einer Stunde als Herr Simons von Berlin aus. Vielleicht weiß er das nur nicht.

Aber einige Prignitzer Dörfer wirken trostlos und haben in der Tat keine Infrastruktur mehr.

Aber von einzelnen Problemen kann man doch nicht auf eine ganze Region schließen. Als Wachstumskern haben wir vom Land die Aufgabe, das Umland mitzunehmen und das machen wir auch. Das Umland völlig abzuwerten, funktioniert nicht. Sollen jetzt alle Menschen nach Neuruppin ziehen?

Simons unterscheidet zwischen privaten Hausbau und Firmeninvestitionen. Letztere seien nach zehn Jahren abgeschrieben, die Firma könne sich dann ja neu orientieren.

Privatpersonen bauen Häuser oder modernisieren sie. Firmen siedeln sich an, investieren, erweitern und nicht nur die größeren Konzerne, sondern auch der Klein- und Mittelstand. Ganz offensichtlich trauen sich die Menschen mehr zu, als ein Theoretiker das vorsieht.

Die Studie sieht Neuruppin als stärkste Stadt in der Region. Teilen Sie diese Auffassung?

Perleberg in Verbindung mit Wittenberge sehe ich mit Neuruppin auf Augenhöhe. Neuruppin hat Vorteile, weil die Stadt mit Landesstellen überversorgt ist.

Sie persönlich befürworten eine Kreisfusion. Die Studie rät der Landesregierung, die Kreisstadt zwingend in Neuruppin anzusiedeln. Der dortige Landrat erwägt schon zuvor, eine neue Verwaltung zu bauen.

Spätestens an dieser Stelle wird für mich klar, dass es sich um eine Auftragsstudie handelt. Ich kann nur nicht verstehen, wie der Verein Autobahndreieck Wittstock und dessen Vorsitzender Mike Blechschmidt die eigene Region so diffamieren können. Wem nutzen solche Aussagen zur künftigen Kreisstadt?

Und die Diskussion über den Bau einer neuen Verwaltung im laufenden Entscheidungsprozess halte ich für absurd.

Wohin gehört die Kreisstadt?

Wir brauchen zwei Verwaltungssitze. Der Hauptort gehört nach Perleberg. Neuruppin ist ein starkes Oberzentrum und das berechtigt.

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