"Wir meinten wohl nur, russisch zu singen"

<strong>Spagat zwischen Medienwelt und Landleben:</strong> Neben seinem Fernsehengagement betreibt  Dieter Moor mit seiner Frau Sonja einen Bauernhof.<foto>Manuel Krug</foto>
Spagat zwischen Medienwelt und Landleben: Neben seinem Fernsehengagement betreibt Dieter Moor mit seiner Frau Sonja einen Bauernhof.Manuel Krug

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10. Januar 2013, 10:48 Uhr

Prignitz / Wittenberge | Vor über zehn Jahren brach Fernsehmoderator, Schauspieler und Autor Dieter Moor aus seiner Schweizer Heimat auf, um in Deutschland sein Glück zu finden. In einem kleinen brandenburgischen Dorf wurden er und seine Frau Sonja fündig. Dieses bildet seitdem, inklusive eigenem Landwirtschaftsbetrieb, Lebensmittelpunkt und Ruhepol. Nachdem sein Buch über das erste Aufeinandertreffen mit der Landbevölkerung "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone" zu einem Bestseller wurde, ist er nun mit der Fortsetzung "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger. Frisches aus der arschlochfreien Zone" auf Lesungs-Reise durch Deutschland und heute im Wittenberger Kultur- und Festspielhaus zu Gast. Vorab sprach "Prignitzer"-Volontär Felix Alex mit ihm über Vorurteile, Landflucht und seine Russischkenntnisse.

Herr Moor wo treffen wir Sie gerade? In Brandenburg auf dem Land, in der Großstadt inmitten der Medienwelt oder irgendwo dazwischen?

Tatsächlich heute noch zu Hause. Ich sitze in meinem Büro auf dem Land, bereite die Lesungen vor und überlege gerade, was ich dafür auswählen soll.

Ihre Bücher leben von Alltagsdialogen. Wie müssen wir uns das vorstellen: Zückt Dieter Moor während eines Gesprächs auf der Dorfstraße Stift und Block?

Überhaupt nicht. Ich lebe einfach vor mich hin. Und die Hauptmotivation für das erste Büchlein war, dass das landläufige Klischee des sogenannten Ostdeutschen oder des Brandenburgers überhaupt nicht zu dem passte, was ich hier tagtäglich erlebt habe. Daraus ergab sich der Wunsch, da muss man gegenhalten und dann hab ich einfach versucht, die Menschen und den Ort zu beschreiben, wie ich sie erlebt habe.

Es ist aber ein Buch und keine Reportage. Irgendwann setze ich mich hin und denke, du hast da eine tolle Geschichte gehört, die verändere ich dann ein bisschen, damit sie nicht eins zu eins ist, aber doch das Lebensgefühl hier widerspiegelt.

Nachdem im ersten Buch Landleben und Leute vorgestellt wurden, geht es im zweiten um die Reparatur Ihres geliebten Hürlimann Traktors. Sie lassen dabei bewusst "Ost-unkundige" Schweizer und Bayern auf die Einheimischen treffen. Inwiefern macht gerade das Spiel mit den Klischees den Reiz aus?

Ich habe ja das Vergnügen und das Glück gehabt, in allen drei deutschsprachigen Ländern zu leben: In Österreich, in München, in Zürich, in Tübingen, Süddeutschland, jetzt auch in Brandenburg und von daher gibt es feine Mentalitätsunterschiede und eben die Vorurteile, die man jeweils hat.

Ich finde es natürlich auch selbst unterhaltsam zu beobachten, wenn sich zwei solche Menschen begegnen, die zwar meinen, sie sprechen dieselbe Sprache, es dann aber irgendwie doch nicht tun. Schön zu sehen, wie sich dann in den Menschen die Klischees, die logischerweise da sind, verändern und abbauen und man sich gegenseitig in Erstaunen versetzt.

Mit Ihrem ersten Buch haben Sie dazu beigetragen, Vorurteile gegenüber Brandenburg abzutragen. Merkt man in Gesprächen und Interviews einen Wandel weg von den Themen Rechtsradikalismus und "Jammer-Ossis"?

Ich meine schon. Dieses Angstklischee des Westens gegenüber dem Osten war am Anfang ganz sicher genauso da, wie das der Ostdeutschen, die überrollt wurden und ein fremdes System bekamen. Diese werden nach über zwanzig Jahren allmählich abgebaut. Es sind hier die einfachen Dinge, die man in anderen Bundesländern nicht so findet.

Es gibt die sogenannten preußischen Tugenden, die immer hochgehalten wurden und die noch leben, ein gewisser Pragmatismus gegenüber dem, was zu tun ist und das man eben anpacken muss mit einer unglaublichen Disziplin. Das lebt hier alles noch und trägt zur Vielfalt einer Nation bei.

Je weniger Vorurteile da sind, desto mehr kann man diese Vielfalt nutzen und ich glaube schon, dass es sich allmählich verschiebt, denn ich werde weniger mit Sprüchen konfrontiert wie "hast du schon deinen privaten Neonazi kennen gelernt?" usw. Das nimmt ab - Gott sei Dank.

Kommen wir zur Prignitz. Spielte die Region in Ihren Überlegungen sich ein Grundstück zu kaufen eine Rolle oder war das doch "zu viel Dorf"? Immerhin ist sie nach EU-Richtlinien unbesiedelt, liegt aber zentral zwischen Hamburg und Berlin.

In der Tat haben wir verschiedene Parameter gehabt. Es sollte nicht mehr als eine Autostunde von Berlin weg sein. Und was ich nicht wusste war, dass es gerade in der Prignitz Gegenden gibt, die zwar weiter als eine Autostunde entfernt, aber mit der Bahn sehr leicht zu erreichen sind. Für mich ist es ein wunderschöner Strich von Brandenburg.

Dieser Landstrich hat besonders bei der Jugend mit einer großen Landflucht zu kämpfen, was würden Sie als "Verfechter des Landlebens" jenen mit auf den Weg geben, die die Region verlassen?

Ich glaube, das ist total nachvollziehbar, dass die Jugend sich aufmacht. Aber in der Tat besteht das Problem der Landflucht und das hat einfach mit Infrastruktur zu tun, mit Möglichkeiten nach wie vor. Schuld ist die Großprojektepolitik, die einfach eine Fabrik in die grüne Landschaft stellt und denkt, da wohnen die Menschen dann auch mit Freude. Wenn ich in der Fabrik aber nicht arbeiten will, dann ziehe ich trotzdem weg. Es ist einfach oftmals vergessen worden, dass es dort eine Schule braucht, einen Laden und all diese Dinge. Das sieht man am Beispiel Lausitzring oder Cargolifter.

Kommen wir wieder zu Ihnen persönlich, als gleichzeitigem Hauptakteur im Buch. Wie lange brauchen Sie, wenn Sie in Ihre Enklave zurückkommen, um abzuschalten?

Manchmal reicht es auf der Terrasse zu sitzen und den Kühen zuzugucken oder ich muss zu den Tieren ’raus. Manchmal muss ich auch auf den Trecker steigen und den Angestellten, den wir haben, stören und sagen "komm ’runter, dass muss ich jetzt machen, um zu entspannen".

Es fängt meist schon mit der Anreise an. In dem Moment, wo ich diesen kleinen Wald durchquert habe, öffnet sich die Landschaft und ich sehe mein Dorf, dann fällt die Panzerung ab, die man hat, wenn man unterwegs ist und dann bin ich tatsächlich zu Hause.

Sie lassen in ihren Büchern noch den "kleinen Schweizer" als eine Art Gewissen auftreten, wenn etwas "unkonventionell" geregelt wird. Wie oft greift er nach über zehn Jahren in Deutschland noch ein?

Der ist in der Tat kleiner geworden, ganz werde ich ihn aber nie los werden, was zum Beispiel Pünktlichkeit betrifft. Manchmal bin ich immer noch verwundert, wo ich sage, unsere kleine Schweiz würde da nach Planquadrat B vorgehen.

Dass es da noch andere Möglichkeiten gibt und dass man auch mal ein bisschen mehr Flexibilität ’reinbringt, das verwundert mich immer wieder, und da spüre ich dann den kleinen Schweizer.

Zu einem ganz anderen Thema. Sie haben in Ihrem ersten Buch von einem Dorffest mit musikalischem Ausgang berichtet, bei dem Sie am Ende russische Lieder mitgesungen haben. Wie haben sich ihre Kenntnisse seither weiterentwickelt?

Die haben sich überhaupt nicht entwickelt. Die waren wohl auch nur unter dem Einfluss relativ großem Alkoholkonsums vorhanden. Wahrscheinlich haben wir nicht einmal russisch gesungen, aber wir meinten, wir singen russisch.

Wo wir gerade beim Thema Sprache sind: Sie sprechen neben Hoch- und Schweizerdeutsch mittlerweile wohl auch teilweise "Ostdeutsch". Dass Sie die Worte Klamotten für Steine und Konsum kennen wissen wir, welche Worte haben sich noch in Ihren täglichen Wortschatz eingeschlichen?

Schwierig. Es fällt mir gerade keins ein, wo ich sagen würde, dass ist mir gerade kürzlich über den Weg gelaufen. Ich habe auch das Gefühl, ich kenne mittlerweile die Begriffe. Ich sag selbst Klamotte und ich sag selbstverständlich mittlerweile auch Schrippe statt Strippe.

Heute sind Sie in Wittenberge. Waren Sie schon mal in der Region bzw. was wissen Sie über die Prignitz?

Ich glaube ich war noch nie in Wittenberge und bin sehr neugierig drauf. Ich habe ein Experiment gestartet, meine Tochter wird mich begleiten, die mittlerweile erwachsen ist. Wir werden zu zweit diese drei winzigen kleinen Lesungstourneen machen. Ich werde früh anreisen, so dass ich mir das angucken kann und am Abend schöne Dinge dazugeben, die ich wahrgenommen habe.

Gibt es Unterschiede zwischen Lesungen auf dem brandenburgischen Land oder wenn Sie in Kiel, Düsseldorf usw. lesen?

Es gibt nur latent Unterschiede. Was wirklich in Ostdeutschland anders ist als dass, was ich in der sogenannten Provinz, in kleinen Orten in Österreich und der Schweiz kennen gelernt habe, ist, dass ich mich immer noch wundere, dass 150, 200 oder auch 300 Leute hinkommen. Das finde ich sehr erstaunlich und entspricht ja auch nicht diesem Klischee, dass da nichts los ist, die Leute nicht interessiert sind.

Das hat auch mit einer DDR-Vergangenheit zu tun, das ist meine Erklärung, da gab es halt diese Volksräume und man ging da hin, wenn da was war. Das lebt immer noch und das ist toll. Deshalb werde ich immer wieder angenehm überrascht und hab ein gewisses Staunen, dass die Leute ihre Häuser verlassen und nicht vor dem Fernseher sitzen, sondern sagen, na komm, da gehen wir jetzt hin.

Wie geht es mit den Geschichten aus der arschlochfreien Zone weiter? Ist da schon was geplant?

Das ist noch völlig, völlig offen. Ich bin so ein bisschen wie manche Frauen, wenn sie ein Kind geboren haben. Dann sagen sie "nie wieder" und bereits ein Jahr später sagen sie "vielleicht doch" und dann heißt es irgendwann "es wird Zeit".

Vielen Dank für das Gespräch.

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