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Der Prignitzer

19. Oktober 2017 | 01:57 Uhr

"Wir haben sogar einen Tannenbaum"

vom

svz.de von
erstellt am 21.Dez.2012 | 06:45 Uhr

Wittenberge | Andere Länder - andere Sitten. Das trifft insbesondere auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. Heute geht’s nach Afghanistan.

Bunt geschmückte und hell erleuchtete Häuser, Weihnachtsmärkte, Glühwein, Adventskalender und der Weihnachtsmann - all das ist Anis Ibrahimi fremd. In ihrer Heimat Afghanistan ist der Islam die vorherrschende Religion, Weihnachten feiern die Muslime nicht.

Als die 27-Jährige mit ihrem Mann Karim und ihren Kindern vor vier Jahren aus dem vom Krieg gebeutelten Land flüchtete, fanden sie zunächst in Hamburg Asyl. Dort erlebten sie das erste Mal, wie die Deutschen das christliche Fest feiern. "Wir sind die meiste Zeit zuhause geblieben, sind kaum nach draußen gegangen", weiß Anis Ibrahimi noch. Die vielen Lichter in den Straßen, der vorweihnachtliche Trubel, dazu das kalte Wetter - all das war ein bisschen viel auf einmal.

Richtig anfreunden können sich die Ibrahimis, die vor zwei Jahren nach Wittenberge zogen, mit der deutschen Weihnachtskultur bis heute nicht. Und doch machte die dreifache Mama letztes Jahr eine Ausnahme und brachte ein Stück Weihnachten in ihre Wohnung: "Ich habe einen kleinen Tannenbaum gekauft", verrät sie. Damit wolle sie ihren drei Kindern Amir (9), Jusuf (6) und der Jüngsten Diana (2) eine Freude machen. Die sind große Weihnachtsfans, wie Amir erzählt: "Am tollsten finde ich, dass alle Geschenke bekommen." Für ihn und seine Geschwister gibt es deshalb auch eine kleine Überraschung an Heiligabend. "Sie verstehen eben noch nicht, warum ihre Klassenkameraden Weihnachten feiern dürfen und sie nicht", erklärt Anis Ibrahimi. Und weil sie sich nicht benachteiligt fühlen sollen, drücken die Eltern ein Auge zu.

Der größte Feiertag im iranisch geprägten Raum, wozu auch der Teil Afghanistans gehört, aus dem die Ibrahimis kommen, ist das Fest Norus, das Neujahrsfest. Es ähnelt Silvester, gefeiert wird allerdings erst am 21. März, dann beginnt nach dem iranischen Kalender ein neues Jahr. An diesem Tag putzen die Frauen das Haus blitzeblank, kaufen viel zu essen und neue Kleidung ein. Am Abend wird der Tisch reichlich gedeckt, es gibt Reis, Hühner- oder Schafsfleisch und Gemüse. Ein alter Brauch, der nicht fehlen darf: In der Mitte des Tisches liegen sieben Dinge, sie alle müssen mit dem persischen Buchstaben für "S" beginnen, also zum Beispiel "Skh" (Münze) oder "Syr" (Knoblauch). "Das bringt Glück", sagt Anis Ibrahimi. Das neue Jahr beginnt nicht mit Schlag null Uhr, sondern um exakt 8.44 Uhr - zumindest 2013. "Die Zeit, wann das neue Jahr beginnt, verschiebt sich jedes Jahr um ein paar Minuten." Die Kinder bekommen dann Geschenke und Süßigkeiten, die Männer feiern auf den Straßen, wo etliche Feuer entzündet werden.

Feuerwerk und Böllerei kennen die Afghanen nicht. "Das gefällt mir auch nicht, es ist viel zu laut", findet Anis Ibrahimi. Amir hingegen ist ganz begeistert: "Ich mag das total und schaue gerne zu, wie die Raketen in den Himmel schießen."

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