Iris Berben in Wittenberge : Wir brauchen unbequeme Geister

Gerade erst wurde Iris Berben von der Deutschen Filmakademie ausgezeichnet, morgen liest sie in Wittenberge.
Gerade erst wurde Iris Berben von der Deutschen Filmakademie ausgezeichnet, morgen liest sie in Wittenberge.

Iris Berben spricht im Vorfeld ihrer morgigen Lesung über rechte Populisten, Sprachwitz und über ihr persönliches Kraftwerk – den Atlantik

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13. November 2015, 12:00 Uhr

Dem künstlerischen Leiter des Kultur- und Festspielhauses Hans-Joachim Böse ist ein richtig großer Coup gelungen: Er holt die Grand Dame des deutschen Fernsehens Iris Berben nach Wittenberge. „Verbrannte Bücher – verfemte Musik“ lautet der Titel ihrer musikalisch umrahmten Lesung morgen Abend. Im Vorfeld sprach Volontär Carlo Ihde mit ihr über einst verbotene Kunst, über Ängste der Menschen und über junge Zuhörer in ihrer Lesung.

Wie sind Sie auf dieses Projekt „Verbrannte Bücher – Verfemte Musik“ gekommen?

Iris Berben: Das ist ein Zusammenwachsen. Der Veranstalter carpe artem und ich haben vor vielen Jahren ein Projekt zusammen gemacht mit den Tagebuchaufzeichnungen der Anne Frank, die wir den Tagebuchaufzeichnungen von Joseph Goebbels entgegengesetzt haben.

Das war ein Programm, mit dem wir sehr erfolgreich waren. Weil es zeitgleiche Aufzeichnung waren, die durch das Thema „Angst“ einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Nämlich die reale Angst eines kleinen Mädchens vor der Vernichtung und die größenwahnsinnige Angst von Goebbels, dass das deutsche Volk doch noch nicht für diese „großartige“ Idee des tausendjährigen Reiches bereit sei.
Aus dieser Zusammenarbeit hat sich ein zweites Projekt ergeben, das waren Hitlers Tischgespräche, mit Texten von Überlebenden des Holocaust, die wir für die Bühne aufbereitet haben. Schließlich haben wir über die verbrannten Bücher nachgedacht. Damit können wir klarmachen, dass es nicht nur um Politik ging, die Bücher waren nicht nur politische Bücher. Es sind mit Karl Kraus und Bert Brecht nur zwei Autoren dabei, die sich vorrangig politischen Themen widmeten.

Es ging um Lebensformen, Freiheit und Liebe, um Gefühle und Satire. Darum sind Autoren wie Stefan Zweig, Kurt Tucholsky und Irmgard Keun mit dabei. Wir wollen den Menschen auch einen Zugang zu lustigen oder merkwürdigen Texten geben, um zu zeigen: Auch davor hatte man Angst.

Manche der von Ihren rezitierten Autoren scheinen ja Gebrauchsautoren unserer Gegenwart zu sein, fast unvorstellbar also, dass deren Werke mal verbrannt wurden. Was würden Sie den Leuten entgegnen, die ein Engagement in der Sache einstmals verbotener Kunst für überflüssig halten?

Ich glaube, ich würde versuchen, den Menschen immer wieder klar zu machen, dass diese Autoren aus einer gesellschaftlichen Mitte heraus und mit Hilfe dieser Mitte aus dem Land verbannt wurden.

Wir befinden uns doch heute in einer Zeit, wo wir uns nicht mehr mit der Frage beschäftigen sollten, ob es wieder rechte Ränder gibt, sondern sehen müssen, dass diese mittlerweile Wege in die Mitte der Gesellschaft finden und dort ihr Spiel mit den Unsicherheiten und Ängsten der Menschen treiben.

Deswegen können wir nicht aufhören und das Thema ad acta legen. Ich denke, es hat seine Berechtigung, Autoren zu bemühen, die damals unter den Vorzeichen verbannt wurden, die es heute im Ansatz auch wieder gibt.

Die ausgewählten Autoren überzeugen mit Intellekt, Sprachwitz und Haltung. Was denken Sie, warum hatten die Nationalsozialisten so viel Angst vor ihnen?

Weil sie für eine individuelle Freiheit, für ein individuelles Leben, individuelle Gedanken gekämpft haben, weil sie sich der Uniformierung des Deutschseins nicht angeschlossen haben. Ich glaube, das waren die Hauptgründe. Herauszugehen aus einem Korsett, das man ihnen anlegen wollte, das aber kein Mensch jemals tragen sollte. Es ist wichtig, dass jeder in seiner Individualität wahrgenommen wird. Davor hatte das Dritte Reich Angst.

Waren Sie schon einmal in Wittenberge?

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber das muss man mir verzeihen, nicht weil es mir nicht wichtig war, sondern einfach weil es manchmal so lange Listen von Orten sind, an denen ich schon war. Wenn ich in die Stadt rein fahre, dann kann ich es wieder mit Sicherheit sagen.

Was denken Sie, welche Bedeutung kommt den kleineren Orten auf ihrer musikalischen Lesereise zu?

In großen Städten ist ein großes Angebot, das häufig auch die Leute überfordert, obwohl ich mit der Lesung auch schon in den großen Städten war. Ich finde es gerade für die kleineren Orte wichtig, Thematiken dort hin zu tragen, die uns alle angehen. Wenn Menschen zu so einer Lesung kommen, hat das auch etwas mit einer Haltung zu tun. Man zeigt, wo man hingeht und wofür man sich entscheidet.

Da ist es vollkommen unwichtig, wie groß eine Stadt ist. Es ist die Haltung die zählt, egal wo ich auftrete. Ich nehme mich und meine Popularität da ganz pragmatisch und begreife mich nur als Vermittlerin, wenn ich etwas vortrage, das dazu einlädt, sich auf eine Seite zu stellen und Haltung zu zeigen. Insofern bin ich froh, egal, dass möglichst viele Menschen kommen und so ein Abend dazu beiträgt, sich vielleicht miteinander gewissen Themen zuzuwenden und sie differenzierter zu betrachten, gerade in einer Zeit wie heute, wo die Problematik des Fremden vielen Menschen anscheinend Angst macht.

Welche Publikumsreaktionen haben Sie bisher am meisten bewegt?

Mich beeindruckt natürlich, wenn sehr junge Menschen da sind. Häufig sagen sie mir, dass sie einen Text kannten, so ist es mir ganz oft bei Anne Frank gegangen. Aber sie sagen dann auch oft: „Ich kannte das Buch, ich kannte den Text, aber so wie ich heute zugehört habe, so habe ich den Text ganz anders verstanden.“

Das hat etwas damit zu tun, dass man nicht die „Anstrengung“ des Lesens hat, wenn man etwas vorgetragen bekommt. Man kann sich viel unmittelbarer auf den Text einlassen. Dadurch kann man mehr eigene Bilder im Kopf entstehen lassen. Wenn mir junge Menschen vermitteln, dass sie einen Text zwar vorher kannten, aber durch den Vortrag den Text neu und anders kennengelernt haben, dann sind das sehr wichtige und schöne Begegnungen für mich.

Können Künstler ihre Prominenz auch nutzen, um Themen zu transportieren, für die es sonst nur wenig Öffentlichkeit gibt?

Ja, natürlich können Künstler sehr pragmatisch mit ihrer Prominenz umgehen, indem sie Themen verbreiten und zur Diskussion stellen. Man kann Popularität ganz bewusst nutzen.

Brauchen wir dann mehr unbequeme Geister?

Ich bin überhaupt dafür, dass es viel mehr unbequeme Geister gibt. Ich halte nicht viel von dieser ewig einforderten Political Correctness, sondern man soll ruhig auch mal provokant sein. Solche Menschen sind mir sehr lieb. Weil auch durch eine Provokation immer wieder etwas entsteht, Diskussion und Kreativität.

Ich bin dafür, dass es viele streitbare Vertreiber von Ideen gibt. Aber: Ich glaube nicht, dass es die Verpflichtung von Künstlern ist. Das ist das tolle an der Demokratie insgesamt, dass wir uns einbringen sollen und müssen. Wir alle sind diejenigen, die diese Demokratie gestalten müssen.

Wenn ich Sie als Weltbürgerin bezeichnen darf, haben Sie einen Lieblingsort, an den Sie zurückkehren, wenn Sie sich sammeln und konzentrieren wollen?

Da gibt es mindestens zwei. Einmal bin ich sehr gerne in Portugal am Atlantik. Der Atlantik gibt immer wieder die Kraft, sehr auf sich zurück zugehen und zu merken, wie klein man eigentlich innerhalb dieser großen Gemeinschaft ist, und dass man trotzdem die Verantwortung für das Krümelchen hat, das man ist.

Das zweite ist Israel. Ich bin sehr gerne in Israel, gerade auch in Jerusalem. Das hat was sehr Spirituelles, selbst wenn man nicht gläubig ist. Für jemanden wie mich, der auch aus der Kirche ausgetreten ist, hat das eine große spirituelle Kraft, der man sich gar nicht entziehen kann, die mich immer dazu veranlasst, nachzudenken und sich mit sich selber und den Herausforderungen und Schwierigkeiten des Lebens auseinander zu setzen.

Danke für das Gespräch.

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