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In die Mechanik des Lenzener Zeitmessers geschaut : Winterzeit für die Kirchturmuhr

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Norbert Nußbaum widmet sich als Türmer in Lenzen dem historischen Zeitmesser – zweimal pro Woche wird das Werk aufgezogen.

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Zusätzlich musste Norbert Nußbaum am Wochenende die 100 steilen Stufen in den Lenzener Kirchturm hinauf steigen. Sonst macht er sich zwei Mal pro Woche auf, um in luftiger Höhe die riesige mechanische Turmuhr aufzuziehen. Die Umstellung auf die Winterzeit machte für den 64-Jährigen einen dritten Aufstieg nötig.

Doch für den guten Geist der St. Katharinenkirche ist der zusätzliche Weg kein Grund zum Klagen. Mit dem Zeitmesser aus der Berliner Großuhrenfabrik Meister verbindet ihn eine lebenslange Beziehung. Als Schüler lernte er das Wunderwerk aus Zahnrädern, Federn, Gestängen und Gewichten kennen, durfte sie erstmals aufziehen. Seit der Instandsetzung 1979 zur 1050 Jahrfeier von Lenzen betreut der gelernte Tischler die Turmuhr. Sie ist fast die letzte mechanische im Kirchenkreis.

Etwas anders als beim üblichen Aufziehen und Kontrollieren läuft die Zeitumstellung. Zuerst werden die Hämmer des Schlagwerkes ausgehängt, sonst würde zahllose Glockenschläge das Stellen begleitet.

Der Türmer stellt die Uhr bei der Zeitumstellung nicht eine Stunde zurück, sondern 23 Stunden vor. „Die alte Mechanik einfach gegen die übliche Richtung laufen zu lassen, könnte zu Schäden führen. Das hat mir schon als Schüler mein damaliger Mentor gesagt und daran halte ich mich noch heute.“ In wenigen Minuten hat das ölig glänzende Räderwerk einen Tageslauf bewältigt. Dann wird es gestoppt, alle Hebel werden auf normale Gangart gestellt, die Hämmer des Schlagwerks eingehakt.

Aus einer Ecke holt Nußbaum einen Autospiegel hervor. Auch wenn die Markierungen am Uhrwerk die gleiche Zeit ausweisen wie sein privater Zeitmesser, will er ganz sicher gehen. Er öffnet ein Fenster des Kirchturmes, lehnt sich etwas heraus und dreht den Spiegel in Richtung Zifferblatt, bis er die Zeiger sehen kann. Sie zeigen die richtige Zeit und der gute Geist der Kirche ist beruhigt, zieht abschließend das Werk noch einmal auf.

Als Nußbaum 1979 die Betreuung der Uhr übernahm, musste er nur einmal pro Woche das Werk mittels der Gewichte aufziehen. Doch bei der Turmsanierung der 80-er Jahre geschah ein Missgeschick, Die Betonpumpe versagte mitten beim Gießen der Decken. Aus Sicherheitsgründen wurden zusätzliche Stützwände eingezogen, für die Gewichte blieb weniger Platz.

Mehrfach gab es Pläne für einen elektrischen Antrieb. „Solange ich die Uhr betreue, bleibt sie mechanisch“, sagt Nußbaum. „Was dann wird“,, ein Schulterzucken folgt. Ihm gefällt die Uhr, wie sie ist. An das Treppensteigen hat er sich wie an die Zuverlässigkeit gewöhnt, die Uhr weicht maximal eine Minute in zwei Wochen ab.  

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