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Der Prignitzer

23. November 2017 | 16:10 Uhr

Wieder Spaß an der Schule

vom

svz.de von
erstellt am 02.Mär.2012 | 10:45 Uhr

Müllrose | Sie haben keine Lust auf Schule, kommen im Unterricht schlecht mit und gehen oft ohne Abschluss ab. Laut Angaben des Bildungsministeriums lag die Quote der Schulabbrecher im vergangenen Schuljahr bei neun Prozent. Modelle wie das "Produktive Lernen" geben benachteiligten Schülern eine Chance.

Laura fällt das Lernen etwas schwerer als anderen Jugendlichen. Als die Lehrer ihr von dem Projekt erzählten, war sie erst einmal skeptisch und wollte lieber in ihrer alten Klasse bleiben. Jetzt nimmt die 16-Jährige am "Produktiven Lernen" an der Oberschule Müllrose teil, hat ihre Zensuren verbessert und macht nächstes Jahr ihren erweiterten Hauptschulabschluss.

Den Bildungsgang bieten seit dem Schuljahr 2002/03 landesweit sieben Schulen an. Nach einer vierjährigen Modellphase wurde es dauerhaft etabliert. Das Schuljahr ist in Trimester unterteilt: Die Schüler gehen alle drei Monate in einen neuen Praktikumsbetrieb und erwerben Fähigkeiten, die ihnen später im Beruf von Nutzen sind. Laura Ziegner lernt gerade in der Kindertagesstätte "Am Zeisigberg": Jeden Montag und Dienstag von 8 bis 15.30 Uhr passt sie dort auf die Kinder auf, liest ihnen etwas vor, teilt das Essen aus oder wechselt die Windeln bei den Kleinsten, so wie sie das schon bei den Babys ihrer Schwester gemacht hat. "Laura hilft gut mit, sie sieht die Arbeit von alleine, andere brauchen mehr Einweisung", lobt Kita-Leiterin Kathrin Unglaube.

"Sie macht sich gut", sagt auch die Projektleiterin Gudrun Gerstberger. Sie betreut zurzeit 13 Mädchen und Jungen in der neunten Klasse und sechs Jugendliche in der zehnten Klasse. "Manche Schüler können einfach nicht sechs Stunden lang stillsitzen. Für sie ist das Regelschulsystem nicht das Richtige, sie sind vom rein theoretischen Unterricht überfordert", erklärt die Lehrerin.

Viele der Jugendlichen kämen aus sozial schwachen Elternhäusern oder lebten in Heimen, andere seien lernschwach, so wie Laura. Damit sie nicht "durch die Schablone fallen", bietet ihnen die Oberschule eine Alternative. Während der Praktika wachsen die Mädchen und Jungen mit ihren Aufgaben, sammeln Erfahrungen, entwickeln Interessen und Berufswünsche. "Die Einheit von Lernen und praktischen Tätigkeiten funktioniert. Die Jugendlichen wenden ihr Fachwissen an, bewähren sich in Ernstsituationen und werden belastbarer", ist sich auch Schulleiter Michael Weiß sicher. Sie hätten Erfolgserlebnisse und damit auch wieder mehr Spaß an der Schule.

Zwei Tage die Woche sind die Schüler in ihren Betrieben, den Rest der Woche haben sie Unterricht am "Praxislernzentrum" gegenüber der Schule. Anders als im normalen Klassenraum sitzen die Schüler in der "Lernwerkstatt" mit ihren Laptops an einem großen Tisch, erarbeiten selbstständig Bewerbungsmappen oder erstellen Präsentationen über ihre Praktika. In kleinen Lerngruppen und nach individuellen Lernplänen können speziell ausgebildete Lehrer besser auf jeden Einzelnen eingehen. Sechs Zwischenprüfungen müssen die Teilnehmer bestehen. Während an anderen Schulen nach Punkten benotet wird, behält man in Müllrose die gewohnten Zensuren bei, denn die gibt es auch wieder in der Ausbildung.

Ihre Praktikumsplätze suchen sich die Schüler bei mehr als 100 Partnerbetrieben aus dem Handwerk, der Landwirtschaft, sozialen Einrichtungen, dem Gesundheitswesen oder der Gastronomie. Indem sie mehrere Berufe ausprobieren, finden sie heraus, was sie wirklich können und machen wollen. Laut Angaben der Schule haben zum Schluss alle eine Lehrstelle oder machen ein Berufsvorbereitungsjahr an einem Oberstufenzentrum. Das Berliner Institut für Produktives Lernen in Europa hat den Modellversuch evaluiert: Demnach wurden 71 Prozent der insgesamt 420 Teilnehmer in die zehnte Klasse versetzt und schafften somit den Hauptschulabschluss. Von den 192 Teilnehmern, die dabei blieben, erwarben 84 Prozent die erweiterte Berufsbildungsreife. Wenn Laura Krankenpflegerin werden will, braucht sie den Realschulabschluss und muss die zehnte Klasse an einer Regelschule wiederholen. Schon jetzt besucht sie den Biologie-Unterricht an der Oberschule, weil das Fach für ihren späteren Beruf wichtig ist. Der Kritik, dass der Bildungsansatz mit Mehrkosten von etwa 2500 Euro pro Schüler zu teuer ist, halten die Gutachter entgegen, dieser Mehraufwand entstehe "hauptsächlich durch die Projektentwicklung vor Ort, die intensive Weiterqualifizierung der beteiligten Pädagogen und die Sachausstattung, die das selbständige, individuelle Lernen erfordert". Darüber hinaus habe sich gezeigt, "dass sich die Investitionen der Entwicklungsphase in wenigen Jahren amortisieren, weil erhebliche Kosten für schulischen Misserfolg - Klassenwiederholungen und zusätzliche Lehrgänge der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung - wegfallen".

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