Wie viel Wolf verträgt das Land?

Der Wolf hat sich nach über 100 Jahren auch in Brandenburg wieder angesiedelt. Doch nicht bei allen scheint seine unter Schutz Stellung willkommen. dpa
Der Wolf hat sich nach über 100 Jahren auch in Brandenburg wieder angesiedelt. Doch nicht bei allen scheint seine unter Schutz Stellung willkommen. dpa

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28. September 2012, 06:06 Uhr

Prignitz | Wenn am 6. Oktober auf dem Truppenübungsplatz bei Lehnin die Wolfskundigen der Jagdverbände Brandenburgs geschult werden, wie man Isegrim entsprechend erfasst und bewertet, Risse, die auf sein Konto gehen, aufnimmt und weiterleitet und anderes mehr, dann werden daran auch Prignitzer Jäger teilnehmen. So hat der Jagdverband Perleberg Uwe Roese als seinen Wolfskundigen benannt. "Wir haben zwar derzeit noch keine Probleme mit dem Wolf, aber wir wollen uns in das Monitoring einbringen, das landesweit gegenwärtig erfolgt", beschreibt Roese die Motivation. "Wir sind nicht gegen die Wölfe, wollen da nicht falsch verstanden werden", betont der Jäger, der gleichzeitig Revierförster ist, "aber wir setzen uns für die Artenvielfalt ein", macht er deutlich. Also auch für die des Muffelwildes, sprich der Wildschafe, die der Wolfe reiße. Auch vor Rehen mache der Graue nicht halt. "Deshalb wollen wir unsere Meinung einbringen", unterstreicht Roese.

Er weiß sich darin einig mit dem Landesjagdverband. Dessen Geschäftsführer Dr. Bernd Möller bestätigt unserer Redaktion gegenüber, dass gegenwärtig noch recht kontrovers beispielsweise mit den Vertretern des Landesumweltamtes diskutiert werde. Dabei hätten bereits drei Monitoring-Veranstaltungen stattgefunden, zwei weitere sollen folgen, bevor voraussichtlich zum Jahresende der Wolfsmanagementplan vorliege. Der alte stamme aus dem Jahr 1994. Aus dem Landkreis Prignitz bringe sich dabei auch der Pritz walker langjährige Mitarbeiter der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Rudolf Scholz, ein.

Für Möller steht fest, "man darf den Wolf nicht einseitig schonen, sondern wir müssen sehen, wie viel Wolf unsere Kulturlandschaft verträgt, so dass sich dabei auch andere Arten behaupten können". Möller räumt zwar ein, dass der Wolf früher hier zu Hause war, aber "da war die Kulturlandschaft noch nicht so straff organisiert wie heute, herrschten ganz andere Strukturen und Voraussetzungen". Gerade die Bauern hätten deshalb große Bedenken, forderten Sicherheiten wie über eine Rissprämie, zählt Möller ein Beispiel auf. Gleichzeitig stellt er die Frage, wie künftig mit verletzten Wölfen umgegangen werden soll, denn selbst das Nottöten sei derzeit verboten. Aus seiner Sicht könne es aber nicht sein, dass, wie schon geschehen, sich ein Wolf im brandenburgischen Süden schwer verletzt sieben Stunde quälen müsse, bis ein Fachmann aus Potsdam eintreffe. Auch das müsse im Wolfsmanagement geregelt werden.

Für Ekkehard Kluge vom Potsdamer Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz ist die vom Landesjagdverband aufgeworfene Frage, wie viele Wölfe unsere Kulturlandschaft verträgt, falsch gestellt und lasse sich wissenschaftlich begründbar nicht beantworten. "Wölfe sind sehr anpassungsfähig und haben keine besonders hohen Ansprüche an ihren Lebensraum. Sie können grundsätzlich auch in unserer Kulturlandschaft gut leben und sind entgegen weit verbreiteter Meinung nicht auf Wildnis angewiesen. Weite Teile Deutschlands sind somit Wolfserwartungsgebiet", erklärt Kluge. Er räumt aber ein, dass die Anwesenheit eines Großraubtieres in der heutigen Kulturlandschaft "natürlich ein erhebliches Konfliktpotenzial birgt". So richte der Wolf in ungeschützten Viehbeständen immer wieder Schäden an. "Teile der Jägerschaft sehen im Wolf zudem einen Konkurrenten. Die Frage, wie viele Wölfe unsere Kulturlandschaft verträgt, hängt daher von unserer Bereitschaft ab, diese Konflikte zu lösen und trotz der Konflikte mit dem Wolf zu leben. Die Herausforderung besteht in der Förderung eines weitestgehend konfliktfreien Nebeneinanders von Mensch und Wolf", macht Kluge deutlich.

Genau deshalb würde jetzt ein neuer Wolfsmanagementplan erstellt, denn er sei das Regelwerk für ein möglichst konfliktarmes Nebeneinander von Menschen und Wölfen. "Er richtet sich an Personen und Institutionen, die mit Wölfen direkt oder indirekt zu tun haben, und gibt generelle Empfehlungen und Handlungsanweisungen". Der bisherige aus dem Jahr 1994 sei mehr ein Gutachten, werde dem heutigen Anspruch an einen Managementplan nicht gerecht. Verschiedene vom Wolf betroffene Verbände Brandenburgs wie der Bauern- der Landesjagd-, der Schafzuchtverband, aber auch der Naturschutzbund hätten deshalb auf eine Überarbeitung des alten Plans gedrängt. So verlange der Bauernverband, dass exakt beschriebene und eindeutig abgrenzbare Wolfsgebiete ausgewiesen werden, die Höhe der Wolfspopulationen unter Berücksichtigung der Freiland-Nutztierhaltung in diesen Gebieten festgelegt werde, der Umgang mit Wölfen außerhalb der ausgewiesenen Wolfsgebiete geregelt werde und die Entnahme von Problemwölfen aus der Population rasch und unbürokratisch möglich sein müsse. Außerdem müsse für sämtliche wolfsbedingte Schäden und für Aufwendungen für Präventionsmaßnahmen einen Rechtsanspruch auf vollständigen finanziellen Ausgleich geschaffen werden. Darüber, so Kluge, werde in den nächsten Beratungen zum neuen Wolfsmanagementplan diskutiert.

Wölfe in Brandenburg: Derzeit 40 bis 50 Tiere

Laut brandenburgischem Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz leben derzeit 40 bis 50 Wölfe in Brandenburg. Aktuell sind den Behörden in Brandenburg insgesamt 11 territoriale Wolfsvorkommen bekannt: Neun Wolfsrudel, ein Wolfspaar und ein territorialer Einzelwolf.

Bis auf den Einzelwolf in der Kyritz-Ruppiner Heide im Grenzgebiet zu Mecklenburg-Vorpommern befinden sich alle anderen Vorkommen im südlichen Brandenburg. Zwei der Rudel haben ihr Territorium auch auf sachsen-anhaltinischem bzw. sächsischem Gebiet, das Wolfspaar lebt im Dreiländereck mit Sachsen und Sachsen-Anhalt (Annaburger Heide).

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