Großes Engagement in Wittenberge : Werner Konert – lebenslang Lehrer

Werner Konert und die von ihm organisierte Jahn-Büste am Schuleingang.
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Werner Konert und die von ihm organisierte Jahn-Büste am Schuleingang.

Der 75-jährige übernimmt an der Jahnschule immer noch Vertretungen. Bundespräsident Joachim Gauck dankte ihm für diesen Einsatz.

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07. April 2017, 21:00 Uhr

Kann er nicht los lassen? Kann er nicht Nein sagen? Fällt ihm die Decke auf den Kopf? Nein, Werner Konert liebt den Lehrerberuf und will nur helfen. Deshalb übernimmt der 75-Jährige noch immer Vertretungen an der Jahnschule in Wittenberge. Ein Engagement, für das er mit einer Einladung von Altbundespräsident Joachim Gauck gewürdigt wurde.

Wenn er die Schule betritt, muss es selbst für ihn ein seltsames Gefühl sein. Auf Kinderbeinen lief er einst durch die Flure. Das war bei seiner Einschulung 1948. Als junger Mann kehrte er 1965 zurück, begann hier als Lehrer zu arbeiten. Fast 40 Jahren sollten vergehen, bis er ab 2003 über ein Gleitzeitmodell in den Ruhestand wechselte. Damals ahnte er nicht, dass seine Erfahrung weiter gefragt sein wird.

Sieben Jahre später rief ihn Schulleiterin Kerstin Schulz an: „Werner, wir brauchen dich.“ Nur kurz überlegte er und entschied: „Ich packe das. Meine Tasche stand sowieso in meinem Arbeitszimmer bereit. Dort liegen bis heute meine Vorbereitungen, meine Materialien für den Kunstunterricht.“

Sechs Monate vertrat er eine erkrankte Kollegin. Als Werner Konert zur Elternversammlung einlud, hatte er Sorge, dass die Eltern ihn meiden würden, gar nicht erst kommen. „Aber dann war der Raum voll und 70 Prozent der Eltern waren einst meine Schüler.“ Wer mit ihm im Schulleiterzimmer plaudert, hört viele solcher Geschichten. Einst sprach ihn ein Erstklässler an: „Dich kenne ich. Du warst der Lehrer von meinem Vater und meinem Opa.“ Im November 2016 klingelte wieder sein Telefon. Fünf Jahre nach der letzten Vertretung rief Kerstin Schulz erneut um Hilfe. Wieder sagte Werner Konert zu. Beim Vorstellungsgespräch im Schulamt habe der Potsdamer Personalrat skeptisch auf den alten Mann geschaut. Es stand die Frage im Raum, warum er das mache. Und überhaupt, er könne nicht mit der Höhe seines letzten Gehaltes rechnen. „Als ob es mir um das Geld gehen würde“, sagt Konert. Er bekam einen Arbeitsvertrag.

Selbstbewusst kehrte er vom November 2016 bis zu den Winterferien zurück an seine alte Wirkungsstätte. Selbstbewusst tritt er gegenüber jungen Kollegen auf. Wer keinen Wert auf seine Erfahrungen legt, hat einen schweren Stand bei ihm. Wer von ihm lernen möchte, kann das. Es gibt wohl kaum einen Platz in der Schule, an dem er keine Spuren hinterließ. Wir begnügen uns mit einem Beispiel: die Jahn-Büste vor dem Eingang. Sie ist ein Werk des Müggendorfer Künstlers Guntram Kretschmar, mit dem Konert eine enge Freundschaft verbindet. Als Konert die Büste sah, wollte er sie für die Schule unbedingt haben. Selbst der Freundschaftspreis lag bei 6000 DM. Es gelang ihm, dem Schulrat zu überzeugen, der gab das Geld. „Hätte es mich nicht gegeben, würde die Büste hier nicht stehen“, sagt er.

Kerstin Schulz, mit der er selbst jahrelang eng zusammenarbeitete, schrieb an den Bundespräsidenten Joachim Gauck. Sie berichtete von seinem Einsatz und schlug ihn für eine Einladung zum Neujahrsempfang vor. Als Werner Konert in seinem Briefkasten das Schreiben vom Bundespräsidialamt fand, dachte er an einen Scherz. Es war keiner. Die Einladung zum Großen Zapfenstreich am 17. März war echt. Er fuhr nach Berlin. „Ich war aufgeregt, lief das erste Mal in meinem Leben über einen roten Teppich.“ Er schaute sich das Schloss Bellevue an, plauderte mit einem Bischof und einem Zwei-Sterne-General. Auf Gaucks Rede war er gespannt, denn eigentlich sei er kein Fan von ihm. „Aber die Rede war gut und Gauck ist wirklich bürgernah. Er kam zu jeden Gast, auch ich durfte mit ihm sprechen.“

Konert erzählte nicht von seinem Engagement, sondern nutzte die Chance und sprach die Bildungsmisere an. Schonungslos und offen erzählte er dem scheidenden Bundespräsidenten vom Lehrermangel, vom Fehler im System und das es traurig sei, wenn Rentner mit Mitte 70 zurückkehren müssen, damit überhaupt Unterricht stattfinden kann. Gauck habe aufmerksam zugehört, aber ob er dieses Thema weitergeben wird, weiß Konert nicht. Er glaubt auch nicht daran, dass die Bildungspolitik diese Probleme in den Griff bekommt. „Lehramtsstudenten kommen zu spät mit der Praxis in Berührung, wir haben zu viele verschiedene Bildungsminister und Richtungswechsel sowie eine ungerechte Bezahlung zwischen Angestellten, Beamten und Quereinsteigern für die gleiche Arbeit“, nennt er drei Kardinalfehler. Gut möglich also, dass Kerstin Schulz wieder seine Nummer wird wählen müssen. „Ich bin vorbereitet, meine Tasche ist gepackt.“
 


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