Wenn Schokolade zum Luxus wird

Foto. dpa
Foto. dpa

svz.de von
22. Juni 2012, 10:18 Uhr

Prignitz | Eine Liste. Je kürzer desto besser. Mit dieser schnell in den Supermarkt hinein und noch schneller wieder hinaus. Monika A.* macht das Einkaufen keinen Spaß mehr. Die Rentnerin aus der Prignitz ist arm und verschuldet, muss mit jedem Cent rechnen. Doch sie kann wieder lachen, kann wieder hoffen, denn sie hat einen Weg aus den Schulden heraus gefunden - mit Unterstützung des Vereins Insolvenzhilfe Prignitz e.V. (IHP) Dem "Prignitzer" erzählt Monika A. ihre Geschichte und sie ist kein Einzelfall.

Es sollte ein schöner, ein sorgenfreier Lebensabend werden. Das eigene Haus samt Grundstück war längst abbezahlt, der Unterhalt für die bei ihnen lebende Enkeltochter war ebenfalls kein Problem. "Alles ging wunderbar, bis mein Mann aufhörte zu arbeiten und ebenfalls Rente bekam." Anfangs spürten sie es nicht. Verschönerungen am Haus bezahlten sie. Auch als die Kosten für den Unterhalt der Enkelin mit Ausbildungsbeginn stiegen, konnten sie das kompensieren. Doch das Ersparte nahm ab, die Rente reichte nicht mehr.

"Wir begannen noch mehr zu sparen, vor allem am Essen. Statt vier kauften wir nur eine Tafel Schokolade." Als auch das nicht mehr reichte, kam das erste Minus auf dem Konto. Ihr Dispokredit betrug 1000 Euro. Klingt erst einmal gut. Bisschen überziehen, nächsten Monat wieder ausgleichen. Dass die Banken für den Dispo zwischen 14 und 19,9 Prozent Zinsen berechnen, wusste Monika A. nicht. "Das hat uns auch niemand gesagt."

Die Schulden wurden größer. Zeitgleich verlangte ihre Hausversicherung dringend Modernisierungen. "Wir mussten Kredite aufnehmen." Innerhalb der Prignitz wechselte die Familie die Bank. Das neue Kreditinstitut habe gerechnet und verkündet: die Familie sei kreditwürdig. Die Gesamtsumme habe sich auf 30 000 Euro belaufen.

Monika A. war zunächst erleichtert. Der Bankberater klang nett, sie und ihr Mann waren sicher, es jetzt zu schaffen. Doch das Gegenteil passierte. Ihre Rente ist klein, die ihres Mannes etwas höher. Zusammen bekommen sie zwar 1600 Euro Rente, aber beim genauen Hinschauen ist das wenig, sehr wenig. In Deutschland liegt die Armutsgrenze für eine Einzelperson bei 960 Euro. Keiner von beiden kommt allein über diesen Satz.

470 Euro betrug ihre Kreditrate, hinzu kamen die Nebenkosten für ihr Haus. Abzüglich Benzingeld fürs eigene Auto blieben ihnen rund 100 Euro pro Woche für Lebensmittel und Medikamente. "Das bedeutet kein Geld für einen Ausflug, kein Geburtstagsgeschenk und dabei möchte man doch zumindest den drei Enkeln und Urenkeln mal eine Kleinigkeit schenken." Doch nichts ging mehr.

Ihre Enkeltochter las vom IHP, erzählte ihnen davon. "Lange haben wir überlegt, fast ein Jahr lang", sagt Monika A. Sie schämten sich, hatten Angst vor dem Gerede der Nachbarn. "Ich war kurz davor, in die Scheune zu gehen", spricht sie offen über ihre Suizidgedanken. Aber dann besiegte sie ihre Scheu und entschied: "Da müssen wir jetzt durch." Das war im Februar 2012.

Beratungsstellenleiterin Marlies Schmidt kennt die Geschichte der Familie A. Sie ist typisch. "Viele schaffen es, sich sechs bis sieben Jahre durchzumogeln, dann ist die Kraft weg", sagt sie. Die Psyche ist angeknackt, Depressionen, Mutlosigkeit. "Sie geben auf", weiß Marlies Schmidt. Über Schulden spricht man nicht, schon gar nicht in der Generation von Monika A. Nicht den Verwandten gegenüber, nicht den Freunden gegenüber. Zu groß sei die Scham. Aufgabe des Vereins sei es, Betroffenen diese Scham und die Angst zu nehmen. "Wir wollen Vertrauen aufbauen, dann können wir auch helfen." Das ist mit ein Grund dafür, dass die Beratungsstellen diese Woche zur bundesweiten Aktionswoche zu Armut im Alter ausriefen.

Im Fall von Monika A. war es höchste Zeit. Mahnungen häuften sich, Schulden wuchsen an. "Viel hätte nicht gefehlt und die Bank hätte für das Haus der Familie eine Zwangsversteigerung veranlasst", sagt Birka Kout, seit 2006 beim Verein als Beraterin tätig. Damit hätte Familie A. ausziehen müssen, hätten ihr Lebenswerk verloren. Nicht auszudenken, was passiert wäre.

Dass es nicht so weit kam, sei dem IHP zu verdanken. Vier Gläubiger gab es, mit allen sprach und verhandelte der IHP. Mit allen vier konnte er eine Einigung erzielen., "Wir rechnen und schauen, welche monatliche Belastung möglich sein könnte. Um diese Summe ringen wir dann mit den Gläubigern." In diesem Fall war die kreditgebende Bank der dickste Brocken. "Es gelang uns aber, deren Forderung von 25 000 auf 12 000 Euro zu reduzieren", sagt Birka Kout. Ergebnis ist eine Monatsrate von 385 Euro. "Das ist immer noch viel Geld, aber damit ist ein Ende absehbar, es fallen keine Zinsen, keine versteckten Gebühren an", fasst die Beraterin zusammen. Der Betrag werde auf alle Gläubiger verteilt. Bedingung ist: Keine Rate darf ausfallen. Ansonsten laste wieder der ganze Schuldenberg auf der Familie.

"Erst einmal kommen wir klar", sagt Monika A. nach zwei Monatsraten. Sie wisse nicht was passiert, wenn das Auto in die Werkstatt oder eine andere, nicht planbare Ausgabe gestemmt werden muss. Aber es gehe voran. Während zuvor der Schuldenberg nur noch wuchs, nehme er jetzt ab. Sie sei froh, ihre Scham überwunden zu haben und rät jedem Betroffenen, eine Schuldnerberatung aufzusuchen. "Wir haben wieder mehr Ruhe. So lebt es sich besser", sagt Monika A.

*Name von der Red. geändert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen