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Jedes Kind in der Prignitz ist ein Fall : Wenn Eltern zur Gefahr werden

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

21 Inobhutnahmen gab es im vergangenen Jahr im Landkreis Prignitz. Jeder darf dem Jugendamt Verdachtsfälle melden.

von
erstellt am 29.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Die Zahl der Meldungen über Kindeswohlgefährdungen im Landkreis Prignitz ist im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Das belegt eine Statistik des Allgemeinen Sozialen Dienstes, der bei der Kreisverwaltung angebunden ist. So gingen im vergangenen Jahr 142 Meldungen zu einer vermuteten Kindeswohlgefährdung beim Amt ein. „Von diesen Meldungen waren insgesamt 254 Kinder betroffen und wurden überprüft“, erklärt Kinderschutzkoordinatorin Nancy Schulz auf „Prignitzer“-Anfrage.

In 21 Fällen wurden Kinder in Obhut genommen. „Das bedeutet, dass gewichtige Anhaltspunkte einer Kindeswohlgefährdung bestätigt wurden und die Eltern nicht in der Lage und nicht gewillt waren, diese zu verändern“, erläutert Nancy Schulz. In weiteren 28 Meldungen hätten sich latente Merkmale einer Kindeswohlgefährdung bestätigt, die aber mit unterschiedlichen Maßnahmen beendet werden konnten und somit Kinder in der Familie bleiben durften.

Der Blick auf die Zahlen der zurückliegenden Jahre zeigt, dass die Meldefälle deutlich schwanken. 2015 wurden so 118 Meldungen mit 224 betroffenen Kindern gezählt, ein Jahr davor waren es deutlich mehr – 154 (262 Kinder). Dabei bleibt die Zahl der tatsächlichen Inobhutnahmen relativ konstant. In Pritzwalk und den umliegenden Gemeinden, inklusive Meyenburg, gab es seit 2014 zwischen 18 und 13 (2016). In Perleberg und Umgebung waren es in den vergangenen drei Jahren zwischen 17 und 20. Für Wittenberge und Umgebung, dazu zählen auch die Ämter Lenzen-Elbtalaue und Bad Wilsnack/Weisen, stieg die Zahl der Inobhutnahmen von zehn (2014) deutlich auf 20 im Jahr 2016. „Die Zunahme ist einfach zu erklären, da es sich um Geschwisterkinder handelt und jedes Kind ein Fall ist“, ordnet Nancy Schulz die Entwicklung ein.

„Prinzipiell kann jeder eine Kindeswohlgefährdung melden“, sagt die Sozialpädagogin, „lediglich zwischen einigen Institutionen wie freien Trägern der Jugendhilfe und dem Jugendamt sind Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen worden, die besagen, dass diese Institutionen eigene Einschätzungen vornehmen müssen, bevor es eine Meldung an das Jugendamt gibt.“

Doch was ist eine Kindeswohlgefährdung überhaupt? „Es gibt keine endgültige Definition, aber es gibt Urteile nach denen wir uns richten. Der Bundesgerichtshof hat schon 1956 seine Definition von Kindeswohlgefährdung bestimmt, nach der bundesweit bis heute gearbeitet wird“, so Schulz. Demnach ist eine Kindeswohlgefährdung „eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt“. Bei der Beurteilung eines Falles spielt auch eine Rolle, ob die Erziehungsberechtigten gewillt und in der Lage sind, diese Gefährdung abzuwenden. Ist dem nicht so, wird das Kind vorübergehend in einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht. Grundsätzlich kann sich jeder beim Jugendamt melden, wenn er befürchtet, dass das Wohlergehen eines Kindes in Gefahr ist. Die Bandbreite ist groß, es geht um Schläge, mangelnde Hygiene oder auch Nahrungsentzug. „Aber jeder schätzt eine Situation anders ein. Für manche ist schon ein Müllbeutel auf dem Balkon eine Kindeswohlgefährdung“, erklärt Nancy Schulz die unterschiedlichen Bewertungskriterien der Menschen, die das Amt größtenteils anonym kontaktieren. Dennoch werde jede Meldung ernst genommen und geprüft.

Bevor die Mitarbeiter des Jugendamtes zu einer Familie fahren, wird der konkrete Fall besprochen. Dort werden auch erste Bewertungen und Prognosen der Meldung diskutiert. Laut Gesetz müssen mindestens zwei Mitarbeiter zu den Familien fahren, es gilt das Vier-Augen-Prinzip.  


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