Hochwasser der Stepenitz : Weihnachten nach dem Hochwasser

Hinter dem Ortsschild steht  das Haus, in dem das Wasser ein Meter hoch stand.
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Hinter dem Ortsschild steht das Haus, in dem das Wasser ein Meter hoch stand.

Die Flut ist weg, die gröbsten Schäden am Haus sind beseitigt, doch die bedrückenden Erinnerungen bleiben

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23. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Karissa Nickel kann ihre Tränen kaum zurückhalten. „Werden im Fernsehen beim Jahresrückblick Bilder vom Hochwasser gezeigt, ist es kaum auszuhalten“, sagt die 50-jährige Brandenburgerin, die eigentlich sehr couragiert ist. Sie erlebte im Juni, wie in der Prignitz das beschauliche Elbe-Nebenflüsschen Stepenitz über die Ufer trat. Nickels bescheidene Existenz in Wittenberges Ortsteil Breese wurde fast vernichtet. Von Besinnlichkeit im Advent ist bei der Familie nichts zu spüren.

Zwar gab es einen Deich, aber einige Häuser lagen auf der falschen Seite. Die betroffenen Bewohner mussten fassungslos mitansehen, wie ihre Grundstücke in den Fluten untergingen. Nickel, die mit ihrem schwer kranken Ehemann im letzten Haus, etwa 500 Meter von der Stepenitz entfernt lebt, füllte mit der Familie zig Sandsäcke. „Doch es nutzte nichts“, sagt sie. „Wir waren machtlos.“

Im Mai und Juni überschwemmte das Hochwasser von Donau, Elbe, Saale und vielen kleineren Flüssen weite Teile Ost- und Süddeutschlands. Die Bundesländer meldeten Schäden in Höhe von 6,7 Milliarden Euro. Auf dem Grundstück am Ortsrand von Breese stand das Wasser etwa einen Meter hoch. An ihrem 50. Geburtstag Mitte Juni versuchte Karissa Nickel zu retten, was zu retten war. Mit Galgenhumor zählt sie an einer Hand ab, was in Sicherheit gebracht wurde: die beiden Hunde, der 16 Jahre alten Kater, der alte Fernseher, ein wenig Garderobe und Geschirr. „Der Rest – Möbel, Kühlschrank und Waschmaschine – konnte gleich auf den Müll“, erzählt die arbeitslose Frau, die jeden Cent dreimal umdrehen muss.

Dem ehrenamtlichen Bürgermeister Werner Steiner (SPD) fällt es sichtlich schwer, über den vergangenen Sommer zu reden. „Ein fünf Kilometer langer, etwa 1,5 Meter hoher Notdeich wurde gebaut“, sagt er. Er schützte 80 Prozent der rund 1600 Einwohner; 13 Häuser wie das der Familie Nickel gehörten nicht dazu. Angehörige von Betroffenen machten über Facebook auf die Lage der Breeser aufmerksam. Viele fühlten sich im Stich gelassen und quasi geopfert.

Mittlerweile steht fest: Es wird einen neuen Deich geben. Der Baubeginn wird für die zweite Hälfte des kommenden Jahres angestrebt, wie kürzlich Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack Anita Tack mitteilte. Danach sind weitere Bauabschnitte geplant. Ein Großteil des Geldes kommt vom Bund und von der Europäischen Union. Die genaue Summe in der neuen Förderperiode steht aber noch nicht fest.

Im winzigen Haus von Familie Nickel ist nach einem knappen halben Jahr noch vieles provisorisch. Über drei Monate liefen die Lüfter, um das Mauerwerk zu trocknen. Maler, Fliesenleger und Installateure gaben sich die Klinke in die Hand. Mittlerweile könnten die angemeldeten Schäden der Breeser zu 100 Prozent ersetzt werden, kündigt Bürgermeister Steiner an. Die aufgeweichte Holztreppe und die Türen mussten ersetzt werden. Im Wohnzimmer sind das Sofa und eine kleine Schrankwand wie auch die Betten neu. Außerdem überstand der Fernseher das Hochwasser. „Die Gardinen hatten wir schon früher“, betont Nickel.

Ohne die Soforthilfe von 5000 Euro wäre sie noch nicht so weit. Eine Versicherung sei für die Verluste nicht aufgekommen. Wer neidisch auf ihre Neuanschaffungen sei, hätte bestimmt nicht mit ihr im Sommer tauschen wollen. „Ich will es nur wieder schön haben wie vor dem Hochwasser.“

Die Küche verdient ihren Namen noch nicht: Nur ein Tisch mit vier Stühlen und eine Fußbank mit einer kleinen Kaffeemaschine stehen in dem Raum. Am 20. Dezember sollen die neuen Möbel kommen. Nickel freut sich, zu Weihnachten für die Familie eine Ente in den Ofen schieben zu können. Vielleicht wird sie auch das Haus schmücken. „Ich fange noch einmal von vorne an“, sagt sie. „Aber ein weiteres Mal schaffe ich es nicht.“



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