Ungewöhnliche Kunstinstallationen in Wittenberger : Wachstumskern als junger Lavendel

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24 Berliner und Brandenburger Künstlerinnen zeigten im Nähmaschinenwerk ihre Arbeiten „Verflixt und Zugenäht. Der Fall Wittenberge.“.

svz.de von
14. Juli 2014, 22:00 Uhr

Knapp zwei Dutzend Autos stehen auf dem Stellplatz beim Veritas-Park. Die Besitzer kommen aus Berlin, Potsdam, Dannenberg, Potsdam-Mittelmark. Nicht der große freistehende Uhrenturm des alten Nähmaschinenwerks ist ihr Ziel. Es ist die Ausstellung „Verflixt und Zugenäht. Der Fall Wittenberge. Eine Annäherung“, gestaltet von 24 Frauen aus dem Verein Endmoräne. Sie ist an diesem Nachmittag zum sechsten und letzten Mal in ehemaligen Produktionsräumen des Nähmaschinenwerks geöffnet. Die Macherinnen sind, so stellen sie sich in dem die Ausstellung begleitenden Heft vor, „ein Zusammenschluss von Künstlerinnen aus Berlin und Brandenburg“, die gemeinsam mit einigen Gast-Künstlerinnen das geschichtsträchtige Terrain des ehemaligen Nähmaschinenwerks bespielen würden.

Die rund 5000 Quadratmeter ehemalige Produktionsfläche bieten Ungewöhnliches: Bügel, die verkehrt herum im Fußboden stecken, ein einsam von der Decke hängendes weißes Herrenhemd, eine riesige, goldfarbene Folie, die quasi über den Fußboden wabert. Die plumpe Frage nach der Bedeutung der einzelnen Kunst-Installationen erübrigt sich. Zum Glück gibt es zur Ausstellung ein Heftchen, und das erklärt so manches – auch die philosophische Dimension, die hinter so mancher Installation steckt. So erklären sich dem Betrachter beispielsweise auch die einzelnen mit Ziffern versehenen Glasscheiben eines Metallfensters, eine Arbeit von Masko Iso, die an ein Sudoku-Rätsel erinnert. „Man kann den Strom der Zeit nicht anhalten. Die Blütezeit ist vorüber. Verlassene Fabrik, die Stadt und deren Menschen. Wittenberge, eine Ruine des Glanzes“, ist im Ausstellungsheft zu lesen. Und dort erfährt der Besucher auch, dass ihm die Künstlerin eine Aufgabe stellt, denn „um den Zustand zu überwinden, muss man sein Gehirn aktivieren“. Das Sudoku-Fenster soll dazu anregen.

Aktiv sein, Lösungen finden, diese großen Hallen in der Nähmaschinenfabrik – die Künstlerinnen sagen nicht Werk – mit Leben füllen: „Lasst eure grauen Zellen wuchern“, fordert auch Rotraud von der Heide die Elbestädter auf. Und es klingt aus ihrem Mund, als sei das alles gar kein so großes Problem. Von der Heide sitzt an einer Singer-Nähmaschine. An den Wänden ’ringsherum stehen die Namen weit entfernter Städte. Dorthin seien Wittenberger gegangen, als in der Stadt die Nähmaschinenfabrik und andere Betriebe schlossen. „Ich bin in Gaststätten gegangen, habe Wittenberger getroffen und sie interviewt“, sagt die Künstlerin. Ihr erster künstlerischer Projektansatz, gemeinsam mit Elbestädter eine Weltkarte mit Ausgewanderten zu erarbeiten, scheiterte mangels Interesse von Wittenbergern. Jetzt sitzt von der Heide an ihrer Tretmaschine und symbolisiert das Nähen eines Zukunftskleides für die Stadt und ihre Bewohner.

Auf Symbolik setzt auch Dorothea Neumann mit ihren Installationen. Sie hat die zehn Porzellanbecken eines seit 25 Jahren nicht mehr benötigten Waschraums mit Erde gefüllt. Darin sprießt Lavendel: ihre Interpretation für Wachstumskern. „Die Waschbecken sind für mich ein Ausdruck des Alten. Ich zeige, wie daraus etwas gutes Neues entsteht“, sagt die Künstlerin dem „Prignitzer“. Außerdem wolle sie mit der Waschraum-Installation auf die Unterstützung verweisen, die auch Wittenberge als Mitglied in einem Regionalen Wachstumskern erhält.


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