zur Navigation springen

20 Jahre Landkreis Prignitz : Vorhang auf im Schweinestall

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wie aus einer Schnapsidee ein bundesweit beachtetes Projekt wurde – „Dorf macht Oper“ fasziniert seit mehr als zehn Jahren seine Besucher

von
erstellt am 04.Feb.2015 | 12:00 Uhr

20 Jahre Landkreis Prignitz nahm die Kreisverwaltung zum Anlass, in diesem Jahr eine Broschüre herauszubringen. Neben wenigen obligatorischen Eckdaten lernen die Leser interessannte Persönlichkeiten kennen, die den Kreis mit ihren Ideen, ihrem Einsatz in diesen zwei Jahrzehnten geprägt haben. Mitgearbeitet an der Broschüre haben Redakteure unserer Zeitung. Einige der Beiträge wollen wir Ihnen vorstellen.

Heute: Familie Tast und ihr Projekt Dorf macht Oper

Verrückt? Oder doch eher genial? Was muss man sein, wenn man sich entschließt, in einem knapp 60 Seelen zählenden Dorf Opern aufzuführen? In einem früheren Schweinestall. Christina und Steffen Tast schmunzeln bei dieser Frage in ihrem Bauernhaus im verträumt wirkenden Klein Leppin in der Gemeinde Plattenburg.

Sie hatten keinen Plan, verfolgten kein Ziel und sind heute nach elf Jahren selbst erstaunt, was aus einer Schnapsidee geworden ist: „Dorf macht Oper“ zieht jährlich Hunderte Besucher an, im Umkreis ist Monate im Voraus zu den Aufführungen kein freies Zimmer zu bekommen und das ganze Dorf ist mit eingebunden.

Eine unscheinbare Probe mit befreundeten Musikern sollte zur Geburtsstunde der Festspiele werden. 1994 zogen Tasts nach Klein Leppin, waren über Jahre hinweg mit dem Hausbau beschäftigt. An Wochenenden halfen ihnen Freunde und Bekannte, darunter Musikerkollegen, mit denen Steffen Tast im Rundfunksinfonieorchester Berlin zusammenspielt.

Klassische Klänge im Vorgarten eines Dorfes einer zugezogenen Familie – das machte neugierig. „Wir haben zu uns eingeladen und viele der Nachbarn sind gekommen, um zu sehen, was wir hier machen“, sagt Steffen Tast, der Violine spielt.

Was sie sahen und hörten, muss ihnen gefallen haben, denn 2001 folgte im zweiten Schritt auf dem Dorffest eine Aufführung des Musikstücks „Karneval der Tiere“. Kinder aus dem Ort wirkten daran mit, die Schule im benachbarten Glöwen war begeistert, bekundete Interesse an einer Zusammenarbeit. „Saal und Dorfkneipe haben wir nicht, aber einen ungenutzten Schweinestall mit ausreichend Platz“, sagt Christina Tast. Und so ein Stall fungierte in früheren Zeiten ja auch als ein Treffpunkt. Damit war die Idee von einer Aufführung in dieser Kulisse geboren.

Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. Der Stall musste zumindest notdürftig hergerichtet werden. Plötzlich waren Geld und helfende Hände nötig. „Wir gründeten unseren Verein ,Festland‘ und beantragten die ersten Fördermittel“, erzählt Christina Tast, die seitdem den Vorsitz führt.

Nicht überall stießen sie auf glühende Verfechter ihrer Idee. Plattenburgs Gemeindevertreter zweifelten. „Einzelstimmen forderten den Abriss des Stalls“, erinnern sich Tasts. Im Dorf verfolgte die Feuerwehr das Geschehen abwartend. „Sie war kulturell bis dahin der einzige Anlaufpunkt. Aber wir wollten nicht gegen sie arbeiten, sondern haben uns als Ergänzung verstanden.“

2003 hob sich erstmals der Vorhang im umgebauten Schweinestall, der fortan Festspielhaus heißen sollte. „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky wurde gemeinsam mit Glöwener Schülern szenisch dargestellt. Im Jahr darauf folgte „Mord im Polloexpress“ – ein selbst gedrehter Film. „Wir arbeiteten dafür mit einem Drehbuchautor und einem Regisseur zusammen“, sagt Steffen Tast, dessen Vater kurz darauf seine Kinder mit der Idee überraschte: „Macht doch mal eine Oper.“ Warum nicht, sagte sich der Verein. Der „Freischütz“ würde gut zu Klein Leppin passen.


Bundeskulturstiftung Retter in der Not


Damit begannen die kleinen und großen Schwierigkeiten. „Wir brauchten einen Chor, aber hatten keinen. Wir brauchten Solisten, aber hatten keine.“ Am einfachsten war die Frage nach den Musikern zu beantworten. Steffen Tast fand unter Kollegen und Freunden Enthusiasten, die sich mit dem originellen Konzept bis heute anfreunden können.

Der Laienchor bildete sich langsam. Sänger aus bestehenden Chören kamen nach Klein Leppin, Dorfbewohner entdeckten ihren Spaß am Singen. Als Solistin konnte Birgit Bockler gewonnen werden, die als Sopranistin dem Verein ebenfalls bis heute die Treue hält.
Als drängende Frage blieb: „Wie bezahlen wir das alles?“ Der Erlös von der Kuchentafel würde nicht reichen, selbst wenn die Gagen eher symbolisch waren. Retter in der Not wurde die Bundeskulturstiftung. „Deren Unterstützung gab uns einen richtigen Schub“, sagt Christina Tast.

Vorhang auf, Spot an. Gefeierte Premiere, Sekt hinter der Bühne. Das war’s. Oder anders formuliert: Das sollte es gewesen sein. Eine Fortsetzung war nie geplant. Aber es kam anders. Seitdem folgt Oper auf Oper. „Romeo und Julia“ haben sie gespielt. „King Arthur“ aufgeführt und sich mit „Orpheus und Eurydike“ in die geheimnisvolle Unterwelt gewagt, an ein Stück, dass die Akteure an und über ihre Grenzen hinaus gehen ließ.

„Dieses immer wieder aufs Neue zu toppen oder mehr Aufführungen zu stemmen, schaffen wir nicht.“ Das sei auch nicht ihr Ziel. Ohnehin sei es schwierig, Jahr für Jahr eine umsetzbare Vorlage zu finden. Oft verbringen Steffen Tast und die seit sechs Jahren mitwirkende Regisseurin Mira Ebert bis zu einer Woche in der Staatsbibliothek.

Gemeinsam wälzen sie Opernlexika, schauen sich Partituren an. Nicht zu viele Solisten, nicht zu viele Musiker dürfen es sein, aber ein Chor ist Pflicht, Kinder sollen eingebunden werden. Allein diese Kriterien machen es ihnen nicht einfach.

Stücke werden erwogen und verworfen, werden vorgeschlagen, im Verein diskutiert und meist ist Christina Tast die große Skeptikerin. „Das interessiert doch niemanden“, pflegt sie zu sagen. Sie bleibe abwartend bis zum Tag der Aufführung, hält sich musikalisch aus allem raus und kümmert sich stattdessen im Hintergrund um die großen und kleinen Dinge. Um ein Pflaster für den verletzten Bühnenbauer, um ein Eis, dass sie den Kindern versprochen hatte, um fehlende Stühle oder Besucher, die ihr Zelt aufbauen wollen.

Dass die eigenen Kinder mitwirken, wundert nicht. Tochter Nele sang oft im Chor und legte dann eine Zwangspause ein. Die damals 20-Jährige ging nach ihrem Abitur zunächst ins Ausland. Ihr 16-jähriger Bruder Bruno sagt zwar: „Ich bin kein Klassik-Fan“, so ganz kann auch er sich dem Familienprojekt doch nicht entziehen. Als Elfjähriger sang er in der „Zauberflöte“ mit, spielte in anderen Aufführungen Nebenrollen und spielt mittlerweile Schlagzeug. Irgendwie sei das Ganze dann doch cool.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen