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Hochseeinsel feiert Jubiläum : Vor 60 Jahren: Helgoland wieder deutsch

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Mit einem Fischkutter fährt eine Gruppe Handwerker am 1. März 1952 nach Helgoland. Es ist der Tag, an dem die Briten die Hochseeinsel an die Deutschen zurückgeben. Zum Wiederaufbau-Team gehört auch Paul Artur Friedrichs.

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erstellt am 01.Mär.2012 | 11:52 Uhr

Helgoland | Mit einem Fischkutter fährt eine Gruppe Handwerker am 1. März 1952 bei hartem Nordostwind nach Helgoland. Es ist der Tag, an dem die Briten die verwüstete Hochseeinsel an die Deutschen zurückgeben. Zum Wiederaufbau-Team gehört der damals 20-jährige Paul Artur Friedrichs. Sieben Jahre lang hat er fern seiner Heimat Helgoland gelebt. Das Bild, das sich ihm bietet, übertrifft seine schlimmsten Erwartungen: "Die gesamte Südspitze war weggesprengt. Überall gab es Bombentrichter und Trümmer - es war schockierend", sagt der heute 80-Jährige. Den 60. Jahrestag der Wiederfreigabe will Helgoland heute groß feiern.

Die Häuser werden mit Flaggen geschmückt, eine historische Sternfahrt von Schiffen ist geplant. Viel Musik, Theater und zahlreiche Begegnungen mit Zeitzeugen stehen auf dem Programm.

Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU) wird eine Rede auf der zum Kreis Pinneberg gehörenden Insel halten. "Mit den Feierlichkeiten wird eine Brücke geschlagen zwischen der großartigen Aufbauleistung, die nach der Wiederfreigabe in Gang gesetzt wurde, und den aktuellen Herausforderungen der Insel Helgoland", sagt Tourismusdirektor Klaus Furtmeier.

Eingeladen ist auch René Leudesdorff. Der inzwischen 84-Jährige setzte am 20. Dezember 1950 mit seinem Heidelberger Kommilitonen Georg von Hatzfeld nach Helgoland über, das militärisches Übungsgebiet der Briten war. "Es sollte eine gewaltlose Invasion sein", sagt Leudesdorff, der heute in Flensburg lebt. Die britische Regierung geriet unter Druck, es kam wieder zu Verhandlungen über die Freigabe der Insel. Die beiden Studenten hätten mit ihrer Aktion Bewegung in die umstrittene Helgoland-Frage gebracht, erklärt Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Universität Kiel.

Am 1. März 1952 war der damalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Friedrich-Wilhelm Lübke (CDU), mit Gästen nach Helgoland gefahren. Am Südhafen wurden Flaggen gehisst, auf dem Festland läuteten die Glocken - Helgoland gehörte wieder zu Deutschland. "Es war ein Freudenfest", berichtet Olaf Ohlsen, der als Vertreter der Helgoländer Jugend beim Übergabe-Fest dabei war.

Deutschlands einzige Hochseeinsel sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Auseinandersetzungen, wenn es um die Macht im Nordseeraum ging. "Zum Zankapfel zwischen den Nationen entwickelte sich das kleine Helgoland schon im Zuge der Napoleonischen Kriege", sagt Historiker Auge. 1890 übergaben die Briten Helgoland an das Deutsche Reich und erhielten dafür Teile Ostafrikas, die bislang unter deutscher Kolonialherrschaft standen.

Im Zweiten Weltkrieg wollten die Nationalsozialisten durch Aufspülungen und Betonbauten einen riesigen Marinehafen als Flottenstützpunkt errichten, der im Notfall einen Großteil der Reichskriegsflotte aufnehmen sollte. Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs machen die Insel unbewohnbar, die mehr als 2000 "Halunder" - so nennen die Helgoländer sich selbst - mussten ihre Heimat verlassen.

Auch die Familie von Friedrichs war gezwungen, sich ein neues Zuhause zu suchen. Nach mehreren Stationen kamen sie schließlich in Hörnum auf Sylt unter. "Für meine Eltern war das wie für alle Helgoländer eine Katastrophe", erinnert sich Friedrichs. Sie hatten alles verloren, mussten wieder von vorn anfangen. "Das waren sehr, sehr harte Jahre."

Ohlsens Angehörige fanden in Cuxhaven eine neue Bleibe. Doch das Heimweh war stark. "Für meine Eltern und Großeltern gab es nur Helgoland, Helgoland, Helgoland", sagt der 76-Jährige. Sein Vater habe sehr für die Freigabe der Insel gekämpft. Dabei hielt er Kontakt zu dem Historiker und Journalisten Hubertus zu Löwenstein, der sich bei britischen Regierungskreisen für die Rückgabe des roten Felsens einsetzte.

Sieben Jahre lang nutzten die Briten Helgoland als Bomben-Trainingsgelände. Am 18. April 1947 wollten sie mit 6700 Tonnen Munition alle militärischen Anlagen sprengen. Bei diesem "Big Bang" entstand ein riesiger Krater, der das heutige Mittelland an der Südspitze der Insel bildet. "Als Helgoland 1952 freigegeben wurde, war das eine Mondlandschaft", so Ohlsen.

Doch die "Halunder" ließen sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit anderen Handwerkern lebte der junge Tischler Friedrichs vor 60 Jahren unter schwierigsten Bedingungen im Keller einer Hausruine. Sie arbeiteten zum Teil bei Minustemperaturen und Schneefall am Wiederaufbau der Insel. Die Helgoländer Familien kehrten zurück, die Hochseeinsel wurde wieder beliebtes Touristenziel und zollfreies Einkaufsparadies. Der Zusammenhalt sei in den Aufbau-Jahren sehr groß gewesen, erzählt Ohlsen. "Die Helgoländer sind stolz auf das, was alles geschafft wurde."

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