Kulturaustausch : Von Westafrika in den Winter

N‘dakpin Nanakan genießt die gemeinsame Zeit mit ihrer Lübzower Gastfamilie, hier mit Jens und Tessa Groschinski.
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N‘dakpin Nanakan genießt die gemeinsame Zeit mit ihrer Lübzower Gastfamilie, hier mit Jens und Tessa Groschinski.

N‘dakpin Nanakan aus Togo lernt erst die Metropole Berlin, dann das idyllische Lübzow kennen

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30. August 2015, 08:00 Uhr

„Ah, Sie haben wieder eine Austauschschülerin.“ „Nein, das ist die Lehrerin“, antwortet Beate Groschinski mit einem Lächeln. Für zwei Wochen ist ihre Familie in Lübzow um ein Mitglied größer. N‘dakpin Nanakan ist bei ihnen eingezogen.

Zuhause in Togo, hat sich die junge Afrikanerin auf den Weg gemacht, um das Land kennen zu lernen, dessen Sprache sie als Lehrerin unterrichtet. experiment e. V. und das Goethe-Institut machen diese Fortbildung für afrikanische Lehrer möglich.

Am 2. August besteigt N‘dakpin das erste Mal in ihrem Leben ein Flugzeug und landet sechs Stunden später in Deutschland. Zurückgelassen hat sie ihre Familie, ihre zwei Kinder, „meine Kleine ist gerade 17 Monate alt“, fügt sie an. Was sie dafür erlebt, ist alles neu.


Hilflos in der Metropole


Etwas hilflos steigt sie in Berlin aus der U-Bahn, fragt einen jungen Mann nach dem Weg zu ihrer Gastfamilie, in der Hand einen Zettel mit der Adresse. „Das ist doch nicht weit“ sagt jener, schnappt sich die Koffer der 37-Jährigen und bringt sie bis vor die Haustür. „Eine schöne Erfahrung im fremden Land“, gesteht sie lächelnd.

Zwei Wochen Berlin – Deutschunterricht, Großstadt, überall nur riesige Häuser, Hektik pur. „Wir haben auch große Gebäude in Sokode, eine Stadt in Zentral-Togo, wo ich wohne. Aber nicht so viele. Unsere sind eher flach.“

Tapfer bahnt sich N‘dakpin allein täglich den Weg zum Unterricht und durch die Metropole. So einige Male verfährt sie sich mit der U-Bahn, aber letztlich kommt sie immer an. Nur einmal wird ihr etwas Angst, als sie auf Leute trifft, die selbst nicht weiter wissen, erzählt sie. Jetzt muss sie lachen, denn einer wusste immer Rat.

Aufgefallen seien ihr die vielen anderen Sprachen, „vor allem redeten viele Menschen Englisch“. Eine Sprache, die ihr nicht so liege, darum sei sie auch Lehrerin für Deutsch geworden. „Ich finde Deutsch einfacher.“ In ihrer großen Familie, sie hat noch vier Geschwister, ist sie die einzige, die diese Sprache in ihr Herz schloss. „Die anderen unterrichten alle Englisch, wie mein Vater.“ Ihr Mann allerdings sei Geschichtslehrer.

Von der Großstadt in die tiefste Provinz, von Berlin nach Lübzow. „N‘dakpin hat sich erst einmal ausgeschlafen“, berichtet ihre Gastgeberin Beate Groschinski. „Ich war nur noch müde.“ Ausschlafen, durchatmen und dann von Angesicht zu Angesicht sich kennen lernen. Per Mail habe man bereits im Vorfeld kommuniziert und „vom Bild her kannten wir N‘dakpin auch schon“, berichtet die Lübzowerin. Ein kleines Foto, groß wie ein Passbild, und dieses bezaubernde Lächeln, das war’s, das Tessa und ihre Mutter sofort gefangen nahmen. „Die laden wir zu uns ein.“

Vor drei Jahren hatten die Groschinskis bereits für ein Jahr eine Austauschschülerin aus Thailand und erhielten so immer auch noch die Newsletter vom experiment e. V. Dieses Mal wurden Familien auf Zeit für Deutschlehrer aus Afrika gesucht. Ferien, der eigene Urlaub vorbei – schnell steht der Entschluss fest.

N‘dakpin ist begeistert von der neuen Familie, von dem kleinen Ort. „Alles grün, die hübschen Blumen, der große Wald, es ist hier so schön“, schwärmt sie richtig. Nein, sie sei hier nicht fremd, „dass ist jetzt meine Familie – die süße Tessa, die nette Clara nur Theo hat sie nicht richtig kennen gelernt“. Der Grund: N‘dakpin wird krank und muss ins Perleberger Krankenhaus. „Eine unplanmäßige Erfahrung, aber abgesehen davon, dass es ihr nicht sonderlich gut ging, „waren alle hier so nett, haben sich ganz lieb um mich gekümmert“.

Ja, N‘dakpin spricht gut Deutsch, vor allem wenn man weiß, dass sie die Sprache nur auf dem Gymnasium und dann vier Jahre an der Uni hatte. „Dafür verfügt sie aber schon über einen beachtlichen Wortwitz“, gesteht Beate Groschinski. Als sich beispielsweise die Groschinskis im Krankenhaus mit den Worten von ihr verabschieden: „Wir kommen heute Nachmittag wieder“, kontert sie schlagfertig: „Ich bin hier.“


Besuch in der Schule


Vor ihrem Unwohlsein erlebt die junge Afrikanerin das komplette Bildungsprogramm der Prignitz. Das Gottfried-Arnold-Gymnasium sehen sie sich an, sind zu Gast in der Wittenberger Montessori-Schule und im dortigen Kinderhaus. Hier erzählt N‘dakpin den Steppkes von ihrer Heimat und die bedanken sich mit zwei Liedern aus Ghana, dem westlichen Nachbarland von Togo. Dann geht es auch noch in die Kreisvolkshochschule, wo die beiden Lehrerinnen das moderne Smartboard, eine multimediale Tafel, testen.

Dem kompakten Bildungspaket folgen Ferien in Lübzow. Von dort aus geht es mit Rad und Hund durch den Wald, per Tretboot auf der Stepenitz zur Neuen Mühle, zur Gala der Lotte Lehmann Akademie, zum Essen zum Griechen, zur Buga nach Havelberg. Hier ist sie von den Blumen und allem Drum und Dran fasziniert.

Ein Erlebnis werde sie aber nie vergessen. „In einer Stunden war ich im Winter“, genauer gesagt in der Skihalle in Wittenburg. Und da rasen sie die Schneerodelbahn runter, wie die Kinder, erzählt die junge Togolesin. Eine weitere neue Erfahrung für die 37-Jährige, die bisher Schnee nur aus dem Fernsehen kannte.

Gestern ging es nach Frankfurt/Main, heute nach Hause. Zurück bleiben liebe Freunde, „zwei Gastfamilien, in denen ich mich wie daheim gefühlt habe“. Sie nehme viele Eindrücke mit und ein ganz anderes Bild von den Deutschen. „Sie sind nett, lachen gern, lieben ihre Kinder. Sie sind einfach wie wir Afrikaner.“  

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