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Der Prignitzer

20. September 2017 | 18:14 Uhr

Von Resignation keine Spur

vom

svz.de von
erstellt am 09.Jun.2013 | 10:21 Uhr

Prignitz | Seit Tagen liegen die Nerven der Prignitzer, die in Elbnähe wohnen, blank. Spätestens mit der Prognose von mehr als acht Metern am Pegel Wittenberge, die seit Freitag steht, hat sich die Situation noch einmal deutlich verschärft. Von Resignation jedoch keine Spur.

Bälow

Die Luft am Sandsackfüllplatz in Bälow ist pausenlos vom Dröhnen der Radlader und Lkw erfüllt. In kurzen Abständen kommen Sattelzüge und kippen tonnenweise Sand ab. Unzählige Helfer wuseln um die gelben Berge, schaufeln mit angesägten Abflussrohren die Säcke voll, stapeln sie auf Paletten. Kaum ist eine voll, verschwindet sie auf der Ladefläche eines der Militärlastwagen, die pausenlos zwischen dem Füllplatz und den Stellen pendeln, an denen Deiche verstärkt oder Grundstücke abgesichert werden müssen. Die Stimmung ist gut, hin und wieder fallen aufmunternde Worte für jene, die selbst unmittelbar betroffen sind.

Auch die Kleinsten helfen mit: Soraya und ihre Schwester Samantha laufen durch die Helfer und verteilen Pfirsiche - eine kleine Stärkung, vor allem für die Motivation. "Das nimmt man gerne an, wenn man hier stundenlang in der Sonne steht und Säcke füllt", sagt Marcel Karger aus Bad Wilsnack, der gemeinsam mit seinem Bruder Patrick zum Helfen hergekommen ist. "Bei Facebook haben wir durch den ,Prignitzer davon erfahren, dass noch Leute gebraucht werden und sind hergekommen", sagt er. Wie lange beide bleiben wollen? "Bis zur Erschöpfung, oder bis der Sand alle ist, je nachdem, was zuerst kommt."

Auch die Mutti von Soraya und Samantha, Jennifer Fenske aus Bälow, unterstützt die Helfer und verteilt belegte Brote. "Das ist das Positive an der Situation: Alle halten zusammen und bringen sich ein wie sie können. Und es sind bei weitem nicht nur Bälower hier, auch aus Quitzöbel, Groß und Klein Lüben und Rühstädt habe ich Leute gesehen. Das ist toll."

Dorothee Bartsch hat ebenfalls Dutzende Sandsäcke gefüllt. Als sie sich eine Pause gönnt, erzählt sie von ihrem Fahrradurlaub, der sie und ihren Mann in der vergangenen Woche direkt in die Katastrophenregion führte. "Wir wollten von Saalfeld über Jena, Barby und Magdeburg an der Elbe entlangradeln, aber schon in Saalfeld standen unsere Räder zu einem Drittel im Wasser. Immer wieder haben Überschwemmungen die Weiterfahrt unmöglich gemacht, auch Zugverbindungen wurden abgesagt. Über zahlreiche Umwege kamen beide schließlich nach Magdeburg und von dort weiter nach Hause. "Es tut einem so wahnsinnig Leid um die betroffenen Menschen, und dort, vor allem um Magdeburg, ist das Land ja deutlich dichter besiedelt als die Prignitz."

Vor Ort sein, nicht nur reden, sondern handeln - so begründet Thomas Domres, Landtagsabgeordneter und Kreischef der Linkspartei, seinen Einsatz in Bälow. "Ich bin Prignitzer, und im Landkreis herrscht Not, also ist es für mich selbstverständlich, zu helfen. Und ich freue mich, dass sich auch Mitglieder der Landtagsfraktion bereit erklärt haben, hier mit anzupacken, wo jede helfende Hand gebraucht wird."

Breese

Am Sandsackfüllplatz vor der Breeser Waldschule das gleiche Bild wie in Bälow: Menschen, Maschinen und große, gelbe Sandberge. "Alle packen mit an, die jüngeren Schaufeln, die älteren besorgen Getränke, die Frauen backen Kuchen, so muss es sein", sagt Olaf Stark. "Zwar bin ich selbst noch nicht vom Hochwasser betroffen, aber wenn die Deiche nicht halten, dann geht ganz Breese unter." Frank-Jürgen Schmidt, Containerschiff-Kapitän bei Hapag-Lloyd und in Breese heimisch, hat extra seine Fahrt nach China mit einem Kollegen getauscht, um mithelfen zu können. "Hier muss man mit anpacken, es geht um unseren Ort", sagt er.

Bürgermeister Werner Steiner ist permanent in ganz Breese unterwegs, versucht, den Überblick zu behalten. "Größ tes Problem ist, dass die Deiche durch das anstehende Wasser aufweichen", sagt er. "In der Perleberger Straße muss der aufgeschüttete Wall noch mit Sandsäcken verstärkt werden, und am Schwarzen Weg haben wir wieder Ärger mit Qualmwasser." Steiner lobt die Hilfsbereitschaft und betont, momentan sei man auf einen Pegel um die acht Meter vorbereitet.

Derartige Aussagen müssen für die elf Familien in den Häuser, die vor dem Sandwall in der Perleberger Straße liegen, wie Hohn klingen. "Wir wurden elf Jahre lang für dumm verkauft", spricht Gerd Riek vielen Betroffenen aus der Seele. "Wie kann man denn den Wall hinter die Häuser schütten und alles davor absaufen lassen", fragt er wütend, während seine Frau durch das hüfttiefe Wasser watet, um zum Haus zu gelangen. "Es wird Zeit, dass sich hier endlich etwas bewegt, damit das, was wir uns aufgebaut haben, nicht bei jedem Hochwasser wieder kaputt geht."

Während in der Perleberger Straße der Ärger grassiert, gibt es auch andernorts Probleme. Am Baggersee drückt das Wasser durch die Sandsackwälle, und in der Wittenberger Straße kommt es beinahe zu einer kleinen Katastrophe, als auf mehreren Metern Länge die Sandsäcke in sich zusammen rutschen. Doch es gelingt den Helfern unter dem Kommando der Feuerwehr, das Leck schnell zu schließen. Flüche und Ärger. Der ständige Einsatz zehrt an den Nerven. Und dieser Zustand dürfte noch tagelang anhalten.

Quitzöbel

Entlastung könnte das Quitzöbeler Wehr bringen. Seit gestern, 14 Uhr, stürzen Wassermassen durch die Tore, die unter großem Medieninteresse und im Beisein von Landesumweltministerin Anita Tack und der Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann (beide Die Linke) geöffnet worden waren. In breitem Strom ergießt sich nun die Elbe in die Havel, fließt entgegen der eigentlichen Richtung landauf, was dem Pegel in Wittenberge nach Schätzungen des Landesumweltamtes eine Entlastung von 25 bis 30 Zentimeter bringt. Es sei die richtige Entscheidung, die Halvelpolder zu fluten, um den Elbescheitel zu reduzieren, waren sich die Politikerinnen einig.

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