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Weihnachtsgeschichte : Von Legenden und Histörchen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Hofnarr erzählt über prominente Gefangene, die weiße Frau und Giacomo Casanova auf der Plattenburg

von
erstellt am 24.Dez.2014 | 08:00 Uhr

Verflixt. Wo steckt der Hofnarr? Sucht man ihn, ist er verschwunden. Braucht man ihn nicht, kaut er einem das Ohr ab. Der Verdacht liegt nahe, dass er mit seinen Weihnachtsmägden in der Taverne rumlungert, sich an dem Plattenburger Bier labt, statt uns wie verabredet durch das Gemäuer zu führen.

Im Nieselregen eilen wir über den Hof, die Treppen hinunter. Warm ist es hier, und es duftet verführerisch nach Braten. Vom Narr Jürgen ist nichts zu sehen. Verschwörerisch kichern die Mägde Isabell, Katharina, Josefine und Anne an einem der Tische. „Habt ihr ihn gesehen?“, fragen wir. „Im Kerker“, flüstern sie.


Das Gerücht von den Geheimgängen


Burgherr René Günther hat ihn einsperren lassen. Bis zum Feste soll er bei Wasser und Brot seine Strafe absitzen. Zu viele Lügen habe er über die Burg verbreitet, den Touristen von Geheimgängen zur Wunderblutkirche nach Bad Wilsnack und in Richtung Glöwen erzählt. Ein Gerücht, welches sich Jahrhunderte lang hartnäckig hielt. Umgeben von Wasser und bis zu neun Meter tiefen Gräben müssten die unterirdischen Gänge 20 Meter und tiefer angelegt ins Freie führen. Das ist Quatsch. Und das weiß der Narr, aber diese Geschichten erzählen sich halt so schön.

Wir legen bei René Günther ein gutes Wort für ihn ein. Schließlich geht es um die diesjährige Weihnachtsgeschichte für unsere Leser. Das überzeugt. Jürgen und seine Mägde dürfen uns begleiten. Kaum fällt die Gittertür des Verlieses ins Schloss, plaudert der Hofnarr drauf los.

Kein Wort des Dankes zwar, aber wozu auch. Das Verlies hat seinen Schrecken verloren, dient als Speisekammer. Man sieht es dem Narr an, dass er wohl keinen Hunger litt. Ganz anders als damals, im Jahre des Herrn 1552. Mit Joachim Ellefeldt hatte die Burg ihren berühmtesten Gefangenen. Nachdem der erste protestantische Prediger die Wilsnacker Hostien den Flammen übergeben hatte, wurde er eingekerkert. „Sechs Monate dauerte der Prozess. Außergewöhnlich für das Mittelalter: Ellefeldt überlebte, wurde verbannt“, erzählt der Narr.

Weniger Glück hatten die Rädelsführer einer Bande Mitte des 17. Jahrhunderts. Es handelte sich um entlassene Söldner, die marodierend durchs Land zogen. In Legde wurden sie gestellt, auf der Burg eingekerkert. Drei von ihnen endeten am Strick. Ein angenehmer Tod für damalige Verhältnisse. „Ihre fünf Kumpane wurden gerädert – eine der grausamsten Hinrichtungsmethoden des Mittelalters. Hier war es das letzte große Blutgericht.“

Zurück über den dunklen Hof, den Pfützen ausweichend, führt uns Jürgen auf die Terrasse der Oberburg, stampft mit dem Fuß auf den Boden und erzählt von der Sage, nach der Bischöfe in einer Gruft unter der Terrasse begraben seien. Einen Beweis gibt es dafür jedoch nicht.


Glühbirnen statt Pechfackeln


Durch einen Nebeneingang gelangen wir ins Gemäuer. Eine Treppe führt in den Keller hinab. Pechfackeln an den Wänden wären passend, aber es gibt sie nicht. Glühbirnen spenden spärliches Licht. Niemand kommt sonst hier hinunter, kein Besucher sieht, was wir jetzt sehen: ein kleines Kaminzimmer. Gelegen unter dem Pavillon im ältesten Teil der Burg.

Auf dem Boden liegen verstreut Putten-Köpfe von kleinen Skulpturen. Arme, Beine, Torso. Manche haben Augen, von anderen ist nichts mehr zu erkennen. So, als hätte ein Bildhauer mitten in der Arbeit aufgehört. „Zwölf dieser Puttenköpfe gab es auf der Burg, für jeden Monat im Jahreslauf einen“, sagt Jürgen.

Sie haben das Geländer der Terrasse geziert. Russen hätten sie 1945 zerstört. Einige sollen noch auf dem Grund des Burggrabens liegen, zwei sind im Museum zu sehen. Eines Tages soll das Kaminzimmer restauriert sein. In blumigen Worten spricht Jürgen von erotischen Stunden am Kamin in dieser Hochzeitssuite, zwinkert dabei seinen Mädels zu. „Finger weg“, sagen sie wenig überzeugend.

Der Narr schreitet durch stille Flure voran. Nur das Klacken seines Stockes hallt vom steinernen Boden zurück. Er schaut nach links, blickt um die Ecke, kehrt um. „Habt ihr das gehört?“, fragt er geheimnisvoll im Flüsterton. Kopfschütteln. Niemand bewegt sich. Alle lauschen. Außer uns ist hier niemand. „Doch“, haucht Jürgen. „Die weiße Frau.“ Eine Verstoßene, die weiß gekleidet durch Flure und Gemächer streift. Wer sie in weißen Handschuhen erblickt, hat ein langes Leben vor sich. „Mit schwarzen Handschuhen kündigt sie den baldigen Tod an. Man mag es glauben oder nicht, aber viele wollen sie gesehen haben“, sagt Jürgen.

Schnell gehen wir weiter. Josefine und Katharina blicken sich um. Niemand folgt uns in den Rittersaal. Im Kamin lodert ein knisterndes Feuer, verbreitet wohlige Wärme. Die zarten Wangen der Mägde überzieht ein rosa Schimmer. Zielsicher schreitet der Narr auf den Kamin zu. Ein Prunkstück der den Saal dominiert. Er zeigt uns das Bild einer Hundehütte samt Hund. Ein Liebesbeweis soll das sein. Treibt er wieder Schabernack mit uns?

Er lächelt still vor sich hin, lässt uns Sekunden im Unklaren bevor er von Burchard von Saldern erzählt. Der ließ 1609 großräumig im Barockstil umbauen und errichtete den heutigen Rittersaal. Seine 1598 früh verstorbene erste Frau Anna von Klitzing habe er ehrlichen Herzens geliebt. Der Hund war ihr gemeinsames Tier und überlebte Anna um zehn Jahre. Das Bild am Kamin gilt als seine Erinnerung an sie.

Dass neben dem Kamin stehende Klavier hat ebenfalls ein besondere Geschichte. Es ist das letzte Instrument aus der Klavierfabrik Lenzen. Der Förderverein hatte es Anfang der 90er Jahre erworben.


Poststation und Pferdewechsel


Wir folgen Jürgen in Richtung Tür, als aus seinem Mund ein Name fällt, der uns verharren lässt: Casanova. Giacomo Casanova. „Ihr hört richtig. Ich spreche von jenem Italiener, dessen amouröse Abenteuer bis heute legendär sind.“ Auf seiner Fahrt mit der Postkutsche von Celle nach Berlin soll er auf der Plattenburg übernachtet haben.

Die offizielle Route führte über Plattenburg. Hier gab es eine Poststation und Pferdeausspanne. Wie es der Zufall wollte, befand sich der Herr auf der Jagd, seine Gemahlin langweilte sich auf der Burg. Nur allzu gern leistete Casanova ihr Gesellschaft. „Mehr wissen wir nicht darüber“, schmunzelt Jürgen und entlässt uns durch die Tür, hinter der er mit den Mägden verharrt. Leise fällt sie ins Schloss. Gekicher dringt heraus, vermischt sich mit dem Knistern des Kaminfeuers. Welch Bescherung mag der Narr wohl im Schilde führen? Frohe Weihnacht ihm und euch. 

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