Nachforschungen : Von einer zaghaften Annäherung

„Da hinten auf dem Acker vor der Baumreihe war der jüdische Friedhof“, sagt Hajo Gast.
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„Da hinten auf dem Acker vor der Baumreihe war der jüdische Friedhof“, sagt Hajo Gast.

Werben unternimmt erste Vorstöße, um seine frühere jüdische Gemeinde zu erforschen - Friedhof bereits verortet

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16. September 2015, 12:00 Uhr

Die Karte von 1829 zeigt es: Im Dreieck zwischen Werben, Behrendorf und Wendemark gab es einst einen Judenkirchhof. Einen Friedhof, der neben Betsaal und ehemaliger Jüdengasse ein weiterer Zeuge für Werbens einstige lebendige jüdische Gemeinde ist. Das interessiert nicht nur Hajo Gast. „Irgendwo da hinten“, sagte er, „kurz vor der Baumreihe, auf dem Acker“. Dort, in der Nähe des ehemaligen Druidenhofes im Dreieck zwischen Werben, Behrendorf und Wendemark hatte die jüdische Gemeinde Werben einst ihren Friedhof. „Aber nicht nur Werbener kamen dahin“, so Gast.

Drei Jahre arbeitete er im Tourismusbüro der Stadt. Im Winter, als nicht so viel zu tun war, beschäftigte er sich näher mit den Archivunterlagen auf dem Boden des Rathauses. Er fand „durch einen dummen Zufall“ nicht nur ein „Juden-Register“, das für den Zeitraum von 1815 bis 1865 Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle innerhalb der jüdischen Gemeinde Werbens belegt.

Er fand, und das war echte Sisyphosarbeit, auch besagte „Karte von den Grundstücken der Kämmerei zu Werben“, gezeichnet 1837 nach Angaben von 1829. Die Freude darüber war groß und Hajo Gast navigierte sich mittels Karte zu besagter Stelle. Der alte Friedhof in seiner äußeren Umgrenzung, so fand Gast heraus, besteht heute noch als abgegrenzte Liegenschaft im Kataster. „Wem sie gehört, weiß ich nicht.“ Gefunden hat Gast an dortiger Stelle jedenfalls nichts, keine Hinweise auf eine alte Begräbnisstätte.

Es war ein älterer Werbener, der Gast zumindest in einem Punkt weiterhelfen konnte: „Die Grabsteine sind im zweiten Weltkrieg von französischen Kriegsgefangenen zerstört worden.“ Jüdische Bürger gab es zu jener Zeit nicht mehr in der Stadt. Das liege aber an einem ganz profanen Grund: Die Kleinbahn zwischen Werben und Goldbeck hatte den vor allem als Händler lebenden Juden die wirtschaftliche Grundlage genommen. Dorfbewohner waren nicht mehr auf Geschäfte an der Haustür angewiesen.

Das alles weiß Hajo Gast, aber viel zu viel ist noch unbeantwortet. Wie sah das jüdische Leben genau aus? Wie groß war die Gemeinde? Nicht so groß, dass es eine Synagoge und einen Rabbi gab, aber immerhin einen Betsaal im heutigen Hause Eifrig, in der Seehäuser Straße, der einstigen Jüdengasse.

Bürgermeister Jochen Hufschmidt ist es schon lange ein Anliegen, dass die jüdische Geschichte Werbens aufgearbeitet wird. „Sie gehört ja zu dieser Stadt.“ Der Räbeler wünscht sich eine Erinnerungskultur und sieht auch in Miriam Goldmann eine Chance, mehr herauszubekommen: Sie ist Kuratorin am Jüdischen Museum Berlin – und hat auch in Werben ein Haus.

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