Zimmerergeselle auf der Walz : Von Cumlosen in die Welt getippelt

Das Trampen gehört bei Zimmergesellen auf der Walz zum guten Ton. Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt.
Das Trampen gehört bei Zimmergesellen auf der Walz zum guten Ton. Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt.

Zimmerergeselle Eric Wysocki war fast vier Jahre auf der Walz und reiste bis nach Südamerika. Jetzt ist er in seine Heimat zurückgekehrt

svz.de von
26. Juli 2014, 08:00 Uhr

Er ist wieder da. Nach fast vier Jahren auf Wanderschaft hat der Zimmermannsgeselle Eric Wysocki genug von der großen, weiten Welt und ist in seinen Heimatort Cumlosen zurückgekehrt. Die Tage nach seiner Ankunft waren geprägt von Wiedersehensfreude. Alte Freunde, Verwandte und Nachbarn hat er besucht, nach seinem kranken Opa gesehen. Von ihnen erfuhr er, was er in der Zeit verpasst hat, seit der damals 22-Jährige aufgebrochen ist, um bei fremden Meistern dazuzulernen und ferne Länder zu bereisen. Und natürlich wollen sie alle wissen, wie es ihm ergangen ist, dem Prignitzer Zimmermann auf der Walz.

„Die Jahre haben mich geprägt, ich bin jetzt viel selbstbewusster und gehe anders mit den Dingen um“, resümiert Wysocki. Als er beschließt, in die Welt hinaus zu tippeln, hatte er gerade seine Ausbildung in einer örtlichen Zimmerei beendet. „Ich war ein typisches Landei, bin nie groß aus der Prignitz rausgekommen.“ Seine Eltern haben dann auch ungläubig reagiert, als der Sohn sein Vorhaben verkündete.

Er bleibt dabei, und zieht schließlich im November 2010 los, begleitet von zwei erfahrenen Tippelbrüdern. „Die erklärten mir, wie das funktioniert mit dem Trampen, wie ich mir einen Schlafplatz besorge und solche Sachen.“ Sein Reisegepäck beschränkt sich auf ein Minimum: Die Kluft, die er am Leib trägt, bestehend aus einer weiten Schlaghose aus Cord, einem passenden Jackett mit sechs Knöpfen, darunter ein weißes Hemd und um den Hals eine schwarze Krawatte, die so genannte Ehrbarkeit. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Hut mit kleiner Krempe. Dazu ein Wanderstab, auch Stenz genannt, und einen Charlottenburger, in dem er sein restliches Hab und Gut verstaut. „Mehr brauchte ich auch tatsächlich nicht“, sagt Wysocki. Unterwegs wirft er sogar noch Ballast ab. „Zum Beispiel ein Handtuch. Völlig unnötig. In jeder Herberge gab es Handtücher für mich.“


Bauherren halten mit quietschenden Reifen


Zu Fuß geht es zunächst nach Wittenberge, von dort aus per Anhalter weiter auf die A 24 Richtung Berlin. Das erste Jahr reist Eric Wysocki quer durch Deutschland, von Dresden nach Darmstadt, von Stuttgart an die Ostsee. Der Brauch besagt, dass Gesellen erst das eigene Land kennen lernen müssen, bevor sie weiter weg gehen. In Darmstadt findet er seine erste Arbeit, deckt eine Scheune mit Biberschwänzen ein. Drei Monate bleibt er dort, die Höchstzeit. Als Geselle Arbeit zu finden, sei einfach. „Die Bauherren halten mit quietschenden Reifen neben dir auf der Straße. Und sie zahlen nach Tarif.“ Er übernachtet in Herbergen, die zu der „Vereinigung der Rechtschaffenen Fremden Zimmerer und Schieferdecker“ gehören, der Gesellenbund, unter dem Wysocki wandert.

Als er genug Geld gespart hat, zieht es ihn in die Ferne – erst nach Österreich, später nach Südamerika, Rumänien, Ungarn und die Schweiz. Vorwärts kommt er in der Regel per Anhalter. Öffentliche Verkehrsmittel sind unter den Gesellen verpönt. „Nach Südamerika bin ich dann doch lieber geflogen“, sagt Wysocki augenzwinkernd. Und auch die 3500 Kilometer lange Strecke von São Paulo in Brasilien nach Santiago de Chile legt er mit dem Überlandbus zurück. „Dort ist das Trampen schwierig. Die Einheimischen sind misstrauisch und nehmen ungern Fremde mit. Außerdem muss man mindestens mit zwei Metern Abstand zur Straße stehen, weil in Paraguay zum Beispiel jeder einen Führerschein für ein paar Euro kaufen kann. Da hält sich keiner an Verkehrsregeln.“


In Rumänien lernt er die alte Handwerkskunst


Am Fuße eines Vulkans in Chile baut er gemeinsam mit anderen Gesellen für deutsche Auswanderer ein Ferienhaus aus Eichen. Ohne Strom- und Wasseranschluss. „Wir hatten nur ein Notstromaggregat. Wasser mussten wir uns aus dem Bach holen.“ Erfahrungen kann er in Südamerika reichlich sammeln, sein handwerkliches Können hingegen kaum verbessern. Das ist in Rumänien anders. In Hermannstadt lernt er die alte Handwerkskunst kennen – Arbeiten, die hieruzulande längst Maschinen übernommen haben.

Während der Walz darf der Heimatort und ein Umkreis von 50 Kilometern, der so genannte Bannkreis, nicht betreten werden. Kontakte zu Freunde und Familie sind rar. „Ich hatte kein Handy dabei, habe nur ab und zu eine E-Mail nach Hause geschrieben.“ Vermisst habe er seine Heimat aber nicht, wie er sagt. Dennoch beschließt er im Frühjahr dieses Jahres, wieder zurückzugehen. „Ich hatte einfach einen Punkt erreicht, wo es anstrengend wird.“

Der Prignitz wird er jedoch bald wieder den Rücken kehren. „Ich ziehe im August nach Bayern an den Staffelsee. Dort habe ich ein Jobangebot in einer Schreinerei, die auf nachhaltigen Holzbau setzt.“

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