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Perleberger Kleinod : Vom vergessenen Haus zur Villa

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

1895 beauftragte Ritterschaft Rendant Oskar Born einen Architekten: Bau mir ein Haus. Heute wird dieses liebevoll saniert und restauriert

svz.de von
erstellt am 03.Jan.2014 | 22:00 Uhr

Als Tischlermeister Heinrich Heinrichs im Jahre 1859 das Grundstück, das in der Wittenberger Straße bis an die Stepenitz reicht, erwarb, da hatte er offensichtlich noch keine Vorstellung, was darauf mal entstehen würde. 3220 Quadratmeter nur Acker und Wiese mitten in der Stadt. Auch der nächste in der Ahnengalerie, Tischlermeister Gustav Heinrichs, der 1874 Besitzer der Fläche wurde, hatte augenscheinlich noch keine großen Pläne mit dieser. Erst als am 25. Oktober 1895 Ritterschaft Rendant Oskar Born das Anwesen kaufte, sollte Großes entstehen. Er beauftragte einen Architekten: Bau mir ein Haus. Standesgemäß sollte es eine Villa werden, berichtet Norbert Michael Bünger von der UNS HUESING Architektur & Ing. GmbH. Als Architekt hat er sich sehr genau auch mit der Geschichte dieses Hauses beschäftigt. Aus gutem Grund, denn er vollendet jetzt, was der Baumeister einst, geschuldet den Kosten, nicht umsetzte.


Kosten ließen nur abgespeckte Form zu


Auch wenn die Bauantragszeichnung, wie die Stadt sie damals genehmigte, die Villa weitaus schmuckvoller vorsah, gebaut wurde sie in abgespeckter Form. Die Fassade wurde in der Vertikalen durch sogenannte Eckquadrierungen gegliedert, auf die aufwändige Bekrönung über den Fenstern verzichtet, aus dem Turmzimmer wurde ein Balkon mit Baluster und statt Turm mit Wetterfahne entstand ein Fahnenmast. Schätzungsweise 1896 war das Haus fertig, denn Aufzeichnungen aus jenen Tagen gibt es nicht. Entstanden war dennoch eine ansehnliche Stadtvilla mit Wirtschaftsgebäude. Jene einschließlich Nebengebäude und auch die Gartenanlage sind heute Einzeldenkmale und werden im Auftrag seines jetzigen Besitzers derzeit überaus liebevoll saniert, mehr noch, sie werden restauriert.
Innen wie außen wird die Villa nun fast so hergerichtet, wie vor über 100 Jahren geplant. Dabei wird Altes bewahrt und nur originalgetreu ersetzt, wo eine Aufarbeitung unmöglich ist bzw. das einst Vorhandene in den Wirren der Zeit verloren ging.
Im Keller, wo die Angestellten früher ihre Zimmer hatten, wo die Waschküche und der Heizungsraum waren, wird über Solarthermie nun zusätzlich Wärme erzeugt. Die alte historische Schwerkraftheizung bleibt erhalten, auch wenn sie ihren Dienst längst quittiert hat. Ebenso der ehrwürdige riesige Waschkessel und auch die komplette E-Installation samt Leuchten. „Die Geschichte des Hauses soll erlebbar bleiben“, erläutert der Architekt und er stößt damit bei den neuen Hausherren auf offene Ohren. Zum Tag des offenen Denkmals werden sich Besucher davon selbst ein Bild machen können.
Bereits jetzt führt der Architekt den „Prignitzer“ durchs Haus: Elemente des schon damals vorgefertigte Stucks an der Decke mit Ornamentik wurden zusätzlich vergoldet. „Auch das wird wieder passieren“, so der Architekt. Auch die Deckenmalerei auf den Flächen zwischen den Rahmen wird akribisch von einer Restauratorin freigelegt, Stellen, wo notwendig partiell repariert und die Farben anschließend gesättigt, wie der Fachmann sagt. „Hier wird restauriert und nichts überstrichen.“


Ein altes Haus birgt Überraschungen


Ein altes Haus birgt immer Überraschungen. Bei dem Anspruch, alles möglichst zu erhalten, wird daraus schnell ein Drahtseilakt ohne Seil und doppelten Boden, gesteht Norbert Michael Bünger. Die mit Holz getäfelte Decke mit profilierten Holzbalken im einstigen Esszimmer war an einer Stelle massiv vom Hausschwamm befallen. Die Decke ist mehrfach eingeteilt und mit einer gemalten Imitation einer Intarsie von unterschiedlichen Metallen auf den Flächen gestaltet. Das sollte erhalten bleiben. Von unten gestützt, von oben aus der Deckenhängung gelöst, wurde der durch Hausschwamm schadhafte Bereich einem chirurgischen Eingriff gleich entfernt und erneuert.

Noch abenteuerlicher mutet die Aktion in einem Salon an. Auch hier hatte sich der Hausschwamm eingenistet. Neue Balken ziehen und damit möglicherweise einzigartige Deckenmalerei opfern, oder? Norbert Michael Bünger entschied sich in Abstimmung mit dem Hausherren für oder.


Wärme gegen den Hausschwamm


Des Rätsels Lösung: Wärme. Bei 67 Grad Celsius stirbt der Schwamm. Gemeinsam mit der Firma Manthey Bautenschutz aus Wittenberge wagte der Neuruppiner das Experiment, behandelte Tag und Nacht die Holzbalken mit Wärme. Mittels eines Bratthermometers aus der Küche wurde die Kerntemperatur im Holz gemessen. Es klappte. Nun soll Bünger dieses Verfahren auch in der Sankt-Georg-Kapelle zu Neuruppin anwenden. „Der Aufwand ist sicher teurer, aber wir erhalten und schneiden nicht weg.“
Der Einbau von Veltener Kachelöfen, wie sie in jenen Tagen im Haus genutzt wurden, Eichenparkett, wie es noch zum Teil vorhanden war und jetzt originalgetreu nachgefertigt wurde, wie auch die Berliner Scheuerleisten oder Fensterbänke mit unterer Ablaufrinne, Fenster ohne sichtbare Scharniere, um das historische Flair auch hier zu erhalten, Betonfliesen, die in einer Manufaktur eigens angefertigt wurden, um den Charakter des Ursprünglichen zu erreichen – all das spricht für die Liebe zum Detail und vor allem zum Denkmal. Alte Ochsenlochfenster im Dachgeschoss wurden aufgearbeitet und wieder eingebaut, „dem Stillleben wieder richtig Leben eingehaucht“, zählt der Architekt für Denkmalpflege auf, der großen Wert darauf legt, dass bei allem nur schadstofffreie oder maximal schadstoffarme Materialien verwandt werden, und vor allem Firmen aus der Region den Zuschlag erhielten.
Alles Vorhandene aus jenen Tagen wird restauriert bzw. aufgearbeitet, wie die Einbauschränke, Schiebe- und anderen Türen oder die alten verzierten Rippenheizkörper. Abgestrahlt, Pulver beschichtet und innen isoliert werden sie wieder aufgestellt, sind auch noch funktionstüchtig, wenn sie auch nicht komplett für ausreichend Wärme in den Räume sorgen. Sie geben der Villa aber ihr Gesicht zurück, die dann noch schöner wie einst erbaut sich zeigen wird.

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