Berufliche Integration : Vom Schneider zum Schweißer

Berufliche Integration: In Fürstenwalde arbeitet der 26-jährige Hamza Ahmed (r.) aus Somalia mit dem Schweißer Andre Hild zusammen an einem Stahlsegment für einen Windradturm.
Berufliche Integration: In Fürstenwalde arbeitet der 26-jährige Hamza Ahmed (r.) aus Somalia mit dem Schweißer Andre Hild zusammen an einem Stahlsegment für einen Windradturm.

Eine Fürstenwalder Firma qualifiziert junge Asylbewerber und bietet den Besten eine berufliche Perspektive

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23. November 2015, 21:30 Uhr

„Ich bin jetzt Metallnäher“, erzählt Hamza Ahmed Aden stolz. Der 26-jährige gelernte Schneider aus Somalia schlüpft in die Schutzkleidung mit Brille, Haube und Handschuhen. Dann zündet er den Fugenbrenner, mit dem er die Schweißnaht einer riesigen, runden Metallzarge, Grundelement eines Windkraftturmes, säubert. Während die Funken sprühen, weicht ihm ein russischer Praktikant nicht von der Seite.

„Vor einem halben Jahr war ich noch der Lehrling, dem alles erklärt und gezeigt wurde“, sagt Hamza schmunzelnd. „Jetzt kann ich schon Wissen weitergeben.“ Im Frühsommer hatte er mit drei Flüchtlingen aus Kamerun seinen Job als Produktionshelfer bei dem Hersteller von Windkraftanlagen Reuther STC in Fürstenwalde (Oder-Spree) begonnen.

Zuvor absolvierte das Quartett mit zehn weiteren jungen Asylbewerbern einen Schweißerlehrgang als unbezahltes Praktikum. An den Wochenenden büffelten die jungen Männer aus Afghanistan, Syrien, dem Tschad, Kamerun und Somalia Deutsch in einem Intensivkurs.

Reuther STC, ein Industriebetrieb mit fast 300 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Jahresumsatz, übernahm den Großteil der Kosten von 20 000 Euro, stellte Unterrichtsmaterial und Arbeitskleidung bereit. Außerdem versprach das Unternehmen den angehenden Schweißern eine berufliche Perspektive. „Wir sahen das in erster Linie als unseren Beitrag zur Integration von Flüchtlingen, erst in zweiter als eine Art Fachkräftesicherung“, sagt Gerold Brunken, kaufmännischer Leiter von Reuther STC. Dann aber sei das Unternehmen beeindruckt und überrascht von Eifer und Geschick der jungen Afrikaner gewesen.

„Die vier Neuen konnten wir gebrauchen“, sagt Brunken. Er spricht von einem Pilotprojekt, das Schule machen sollte. „Der Bedarf an Arbeitskräften ist da. Ausgebildete Fachleute gibt es aber kaum noch.“ Und so sieht er die zwei Integrationspreise, mit denen Reuther STC geehrt wurde, als Möglichkeit, Engagement öffentlich zu machen und andere Firmen zu motivieren.

„Das Interesse von Firmen, dem Fürstenwalder Beispiel zu folgen, ist seit Kurzem deutlich spürbar“, sagt Siegfried Unger, Vorstand der Gesellschaft für Arbeit und Soziales (Gefas), die das Pilotprojekt mit Reuther STC organisierte. Die gemeinnützige Gesellschaft betreibt in der Region sechs Flüchtlingsheime und Notunterkünfte. Sie ist daran interessiert, ihre Schützlinge zu qualifizieren, damit sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können.

Zwei weitere Absolventen des Schweißerlehrgangs arbeiten laut Unger bei einer Firma in Spreenhagen (Oder-Spree), die Messer für Industriemaschinen herstellt. Zunehmend gebe es Anfragen von Firmen aus den Bereichen Sanitärinstallationen, Metall, Hotel- und Gaststättengewerbe sowie Gebäudereinigung nach geeigneten Flüchtlingen.

Ein gestiegenes Interesse an deren Beschäftigung verzeichnet auch die Arbeitsagentur Frankfurt (Oder). „Voraussetzung sind gute Sprachkenntnisse, daher organisieren wir seit Monatsbeginn verstärkt Deutschkurse“, sagt die Flüchtlingskoordinatorin der Agentur, Sigrid Baumgärtner. Wird die Sprache schon beherrscht, klärt der Bildungsträger die beruflichen Kompetenzen ab und organisiert Praktika in Firmen. In Vorbereitungen seien zudem Jobbörsen für Arbeitgeber, denen Flüchtlinge mit einem passenden Beruf vorgestellt werden sollen, erläutert Baumgärtner.

Andere Erfahrungen macht die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg: Viele Unternehmen hätten Hemmungen, weil oft nicht klar sei, ob die jungen Asylbewerber dauerhaft in Deutschland bleiben könnten, berichtet Sprecherin Norma Groß. „Andere scheuen den Aufwand – Arbeitserlaubnis, Deutschkurse, Krankenversicherung, Kosten für die Qualifikation.“ Umso mehr Lob gibt es von der IHK für Oder-Spree: „In Fürstenwalde stimmte einfach alles: Ausländerbehörde, Bildungsträger und Firma zogen an einem Strang.“

Die ausländischen Produktionshelfer bei Reuther STC leben und arbeiten in jenem Halbjahresrhythmus, in dem ihre Aufenthaltsduldung oder -gestattung verlängert wird, solange ihr Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Abgeschreckt ist ihr Arbeitgeber nicht, der auch polnische Mitarbeiter beschäftigt und fünf junge Griechen zu Anlagenmechanikern ausbildet. Reuther STC überlege, 2016 erneut junge Asylbewerber zu qualifizieren und dafür das Preisgeld von 8000 Euro zu verwenden, sagt Brunken. „Ohne Arbeit keine wirkliche Integration“, so sein Fazit. „Wir sind hier international und haben keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt Hamzas Vorgesetzter Thorsten Muschack. „Dagegen gibt es genügend deutsche Pappnasen ohne irgendeine Arbeitseinstellung.“  

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